VG-Wort Pixel

Kolumne Cookie-Koller: Wenn mich manch anderer nur so gut gekannt hätte wie das Netz

Karina Lübke: eine junge Frau sitzt entrüstet vor ihrem Laptop
© GaudiLab / Shutterstock
Nein, dem Algorithmus entkommt mittlerweile keiner mehr. Unsere Autorin versucht es trotzdem immer mal wieder. Mit konsequenter Inkonsequenz.

Auf Schritt und Tritt

Oft passiert es, wenn ich in einer Zeitschrift gedankenlos auf eine Anzeige für Schlankheitsdrinks starre. Plötzlich zucke ich zusammen und blättere hektisch um, damit mein Feed nicht mit Abnehmprodukten zugespammt wird. Dann atme ich erleichtert auf: Puh, Papier ist nicht nur geduldig, sondern auch verschwiegen. Da kann ich so lange gucken, wie ich will: Keiner scannt die Verweildauer meiner Augen.

Ja, ich fühle mich beobachtet und beobachte diese Entwicklung mit Misstrauen. Ich mag kaum noch ein Youtube-Video ansehen, da ich erfahrungsgemäß in einer Endlosschleife ähnlicher Vorschläge hängen bleibe, die mir ein digitaler DJ zusammenmischt. Leider interessieren diese mich oft WIRKLICH. Hätte mich mein Ex-Mann nur halb so gut gekannt, wären wir heute vielleicht noch verheiratet. Und wie deprimierend – ich bin gar nicht so exzentrisch, wie ich dachte. Sondern komplett berechenbar. Meine Interessen, mein gefühlt origineller Musikgeschmack: total vorhersehbar. Big Data, yo, das klingt wie Big Daddy Kane, ist aber kein Rapper. Eher ein Guru, der mein Gehirn vergewaltigen will – na ja, zumindest versucht, es zu nötigen, etwas zu kaufen, zu lesen, zu denken, zu tun oder zu lassen. Paradox: Ich lösche manisch meine Verläufe und ärgere mich dann, wenn ich bei einer Recherche von vorn anfangen muss und keine thematisch weiterführenden Links vorgeschlagen bekomme. Ich schalte die Standortbestimmung im Handy aus – und für den Pizzalieferdienst doch wieder an. Mein digitales Verhalten ist bulimisch. Manchmal ist mir total egal, wie viele Spuren ich im Netz hinterlasse, ich klicke blind "Einstellungen akzeptieren". Auf ein paar Cookies kommt’s jetzt auch nicht mehr an! Dann wieder kriege ich das Kotzen, wenn ich sehe, wer alles was von mir wissen will, und gehe auf strenge Daten-Diät. Weigere mich, Werte in einer Krankenkassen-App zu speichern, obwohl ich ahne, in der digitalen Parallelwelt längst nackt und gläsern dazustehen. Manchmal google ich Rennpferde, Kryptowährungen und Luxusimmobilien, um meinen Bonitätsscore zu pimpen. Und soll ich den Sexfilm auf Netflix lieber mit dem Account meines Sohnes sehen, wenn gefragt wird, "Wer guckt?". Die Dauerbeobachtung und die Sorge um meinen Ruf machen mich kirre. Ist der einmal ruiniert, qualifiziert mich das höchstens noch für die Teilnehmerliste bei "Squid Game". Obwohl Alexa mir nie ins Haus käme, wohnt KI schon lange bei mir, und zwar nicht nur im Kinderzimmer.

Sollte ich nicht einfach aufgeben? Ist doch anstrengend, mein permanenter Widerstand, mein Wunsch nach Privatheit, meine lächerlichen Täuschungsversuche. Doch dann bäume ich mich auf, schlage mit verwirrend fehlplatzierten Insta-Likes strategische Haken und verschwinde mit wehendem Mantel wie Neo in "Matrix" durch die Hintertür. Mache mich unsichtbar, undurchschaubar, bin ein Rätsel. HA! Darauf jetzt ein … hmm … "Schönes Bier?", schlägt der Algorithmus hilfreich vor. "Nimm dir auch eins", sage ich resigniert, "du weißt ja, welche Marke wir trinken."

Karina Lübke schreibt und lebt in … sagen wir, Kathmandu. Sie studierte an der Internationalen Youtube-Academy

Barbara

Mehr zum Thema