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Kein Sex? Die Wahrheit über eine Sexflaute

Kein Sex?: Füße eines Paares im Bett
© Momentum Fotograh / Shutterstock
Wer sich länger nicht vergnügt, muss angeblich vieles fürchten. Doch was ist wirklich dran an all den Horrorszenarien rund um Sexflauten? Zwei Expertinnen klopfen die Mythen mal auf ihren Wahrheitsgehalt ab.
von Jessica Braun

Stimmt es, dass ohne regelmäßigen Sex ...

… die Libido sinkt?

So viel vorweg: Etwa ein Fünftel der Deutschen hat laut einer aktuellen Umfrage keinen Sex. Enthaltsamkeit ist also nichts Ungewöhnliches. Sie kann selbst gewählt oder unfreiwillig sein, psychisch oder kulturell bedingt, beeinflusst von Hormonen, durch Krankheit oder den Job. All diese und etliche weitere Faktoren wirken auf die Libido, den Sexualtrieb, ein. Der kann aber überraschend hochfahren: In den ersten Wochen oder Monaten des Verliebtseins zum Beispiel ist es meist völlig egal, ob die Schwiegereltern im Nebenzimmer schlafen oder Fremde im Zelt nebenan. "Verliebtheit ist ein hormoneller Ausnahmezustand. Der Dopaminspiegel ist hoch, der Serotoninspiegel niedrig", sagt Aglaja Stirn, Professorin für Psychosomatische Medizin und Sexualmedizin. Ein Zustand irgendwo zwischen Besessenheit und Drogen-High. Manche Menschen vögeln sich dadurch geradezu in Rage, sagt die Gynäkologin Sheila de Liz: "Viel Sex kann die Libido befeuern – ein selbst verstärkender Effekt." Aber kann einem die Lust durch längere Abstinenz auch verloren gehen? "Wenn man sexuell nicht aktiv ist, hat das keine negativen Folgen für die Libido", sagt Aglaja Stirn. Sie ruht nur – bis sich wieder eine interessante Situation ergibt.

… die Anfälligkeit für Stress steigt?

"Studien zeigen, dass ein erfülltes Sexualleben das mentale und körperliche Wohlbefinden fördert", sagt Aglaja Stirn. Offenbar macht ein Orgasmus nicht nur die Haut rosiger, sondern auch den Blick auf die Welt: Bei angenehmen Berührungen schüttet der Hypothalamus im Gehirn zum Beispiel Oxytocin aus, ein Hormon, das Bindungen stärkt, aber auch Angst und Stress reduzieren kann. Die Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol dagegen lassen sich durch sexuelle Aktivität reduzieren. Wenn man aber schon den ganzen Tag unter Strom stand, ist es ganz schön viel verlangt, abends zur Beruhigung noch das Kamasutra durchzuturnen. Die gute Nachricht: "Die Wirkung von Oxytocin setzt schon beim Kuscheln ein", so Aglaja Stirn. Und Sport reguliert Stresshormone genauso effektiv wie Sex. Nur, damit du`s gehört hast …

… die Partnerschaft leidet?

Wie viel Sex braucht die Liebe? Das komme ganz auf die Bedürfnisse eines Paares an, sagt Aglaja Stirn. Solange beide das Gleiche wollen, gäbe es kein Zuviel oder Zuwenig. "Beziehungen können auch ohne Geschlechtsverkehr funktionieren – und Intimität ohne Orgasmen." Anders sieht es aus, wenn einem Teil des Paares über lange Zeit etwas fehlt. "Kommunizieren, sich einigen, üben – vielleicht auch im Rahmen einer Sexualtherapie", empfiehlt Aglaja Stirn. Dauerhaft zu verzichten, nur um die Partnerin oder den Partner nicht zu nerven, löst das Problem nicht. "Gerade nach der Geburt eines Kindes sind Paare oft zu müde und gestresst, um sich aufeinander einzulassen. Dauert diese Phase länger als ein Jahr an, besteht die Gefahr, dass sie sich verfestigt", sagt Sheila de Liz. Ihr Rat: Einfach machen. "Das erste Mal ist dann vielleicht nur so mittelgut. Aber es baut Nähe auf."

… die Intelligenz schwindet?

"Von Ratten weiß man, dass in ihrem Hippocampus nach dem Sex mehr Gehirnzellen gebildet werden", sagt Aglaja Stirn. Die Sexualmedizinerin räumt jedoch ein: "Nicht alle Erkenntnisse aus der Tierforschung lassen sich auch auf den Menschen übertragen." Ähnlich sieht es auch die Gynäkologin Sheila de Liz: "Wenn die sexuelle Aktivität einen messbaren Einfluss auf die Intelligenz hätte, wären Pornodarstellerinnen und -darsteller wohl deutlich öfter auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler."

… die Vagina nicht mehr feucht wird?

Frauen mögen es lieber, wenn der Sex feucht ist – sie kommen dann auch einfacher zum Orgasmus. Wie feucht die Vagina ist, sagt aber wenig darüber aus, wie erregt eine Frau ist. Denn die Vagina ist nie ganz trocken. Dafür sorgt der sogenannte Zervixschleim – und dessen Menge variiert von Frau zu Frau und während des Zyklus. Bei Erregung schalten sich noch die Bartholin- und Paraurethraldrüsen dazu. Es sind dann drei Sekrete, die den Scheideneingang befeuchten. Und diese bilden sich unabhängig davon, ob eine Frau gestern oder vor fünf Jahren das letzte Mal Sex hatte, sagt Sheila de Liz: "Die Vagina vertrocknet nicht, wenn man länger abstinent ist." Fühlt sie sich sehr trocken an, kann das jedoch ein Hinweis auf einen Östrogenmangel sein – zum Beispiel infolge der Wechseljahre. Schamlippen und Scheidenschleimhaut sind dann schlechter durchblutet. Die Haut wird dünn und kann reißen, was den Sex schmerzhaft stört. "Mit Hormonpräparaten oder auch Gleitmitteln lässt sich das meist gut regulieren", so de Liz.

… das Risiko steigt, zuzunehmen?

Sex macht nicht schlank – das Aktivitätslevel ist dabei nicht höher als bei einem zügigen Spaziergang. Kein Sex macht also auch nicht dick. Essen kann aber über einiges hinwegtrösten. Zum Beispiel über einen ungewollten Mangel an Körperlichkeit. "Für einen Menschen, der Sehnsucht nach Intimität hat, dient Essen möglicherweise als Ersatzbefriedigung", sagt Sheila de Liz. Ein besserer Ausgleich: "Aktivitäten, die entspannen und glücklich machen."

… Männern das Testosteron für den Muskelaufbau fehlt?

Testosteron ist das wichtigste Sexualhormon des Mannes. Es hilft bei der Spermienproduktion und hat einen muskelaufbauenden Effekt. Mit der Ejakulation beginnt der Gehalt im Blut für bis zu sieben Tage anzusteigen. Danach fällt er wieder ab. Männer, die länger keinen Sex hatten – Masturbation eingeschlossen –, müssen aber nicht um ihre Muckis fürchten. "Sex führt zwar zu Schwankungen des Testosteronspiegels, für einen gesunden Körper machen diese aber keinen Unterschied, dazu sind sie zu gering", sagt Aglaja Stirn. Für das Sixpack müssen Männer also nur im Fitnessstudio ran. Nicht im Bett.

… das Herzinfarktrisiko zunimmt?

Die entscheidenden Negativfaktoren für die Herzgesundheit sind Übergewicht und Rauchen. Da kann man gegen anvögeln, wie man will – das Herz wird es einem kaum danken. "Beim Sex wird jedoch Stickstoffmonoxid freigesetzt", sagt Sheila de Liz. "Dieser Botenstoff signalisiert den glatten Muskeln der Blutgefäße, zu erschlaffen. So kann mehr Blut fließen, und die Sauerstoffversorgung erhöht sich." Das tut unter anderem dem Herz gut – weshalb Ärzte Herzpatienten seit mehr als 150 Jahren Sprays mit Nitroglyzerin verschreiben: Dieses zerfällt im Körper, setzt Stickstoffmonoxid frei und erweitert die Blutgefäße. "Wer auf Sex verzichtet, bringt sich also um diesen entspannenden Effekt", sagt Sheila de Liz. "Das ist in Sachen Herzkrankheiten nicht kriegsentscheidend. Aber doch schade."

… die Lebenserwartung sinkt?

"Wer früher aufhört, altert schneller", sagt Sheila de Liz. "Die dänische Regierung hat deswegen mal einen Werbespot mit dem Motto ‚Do it forever – do it for Denmark‘ drehen lassen, in dem man ein älteres Paar sieht, das miteinander in die Kiste springt." Der Spot verspricht: Regelmäßiger Sex kann die Lebenserwartung um bis zu acht Jahre verlängern. Aglaja Stirn bestätigt: "Eine Studie hat gezeigt, dass zweimal Sex pro Woche das Sterblichkeitsrisiko verringert." Das setzt jedoch voraus, dass die mit Partnerin oder Partner (oder sich selbst) praktizierte lebenserhaltende Maßnahme nicht nur ein Pflichtakt ist. Sheila de Liz: "Letztlich ist es ein Gesamtpaket: Menschen, die glücklich und fit sind, wollen einfach auch länger sexuell aktiv sein."

DR. SHEILA DE LIZ ist Gynäkologin. Ihr Buch "Woman on Fire. Alles über die fabelhaften Wechseljahre" erschien am 15. September bei Rowohlt.

PROF. DR. AGLAJA VALENTINA STIRN leitet das Institut für Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel.


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