Kinder erziehen: Du hast keine Schuld, es ist nämlich alles Veranlagung!

Der britische Psychologe und Genetiker Robert Plomin behauptet, dass wir am Charakter unsere Kinder wenig ändern können. Unsere Autorin findet das irgendwie befreiend.

von Viola Kaiser

Man könnte es auch negativ sehen, aber ich habe beschlossen, dass ich es toll finde. Denn es entlastet mich. Als Mutter bin ich ja immer irgendwie verantwortlich. Benimmt sich mein Kind vorbildlich, bin ich natürlich stolz. Tut es das aber nicht, sondern verhält sich mal wieder wie die Axt im Wald, fühle ich mich schuldig. Schließlich ist Erziehung ja unter anderem meine Aufgabe. Allerdings kann ich jetzt damit aufhören, mich selbst zu malträtieren, denn der britische Psychologe und Genetiker Robert Plomin vom  King’s College ist sicher, dass Eltern kaum Möglichkeiten haben, den Charakter ihrer Kinder durch Erziehung maßgeblich zu verändern. Ich las das und dachte: "Gut, dann ist es eben nicht meine Schuld, dass mein Sohn manchmal so rotzfrech ist und meine Tochter größere Schwierigkeiten mit Mathe hat. Zumindest nicht direkt."

Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht

Natürlich war mir immer schon klar, dass das Gras nicht schneller wächst, wenn man dran zieht. Aber dass ich so wenig Einfluss auf die charakterliche Entwicklung meiner Kinder habe, machte mich schon baff – und irgendwie froh. Eltern sei es kaum möglich, Intelligenz, Motivationsfähigkeit oder Selbstkontrolle ihrer Kinder zu formen, für mindestens 50 Prozent seien die Gene zuständig, behauptet Robert Plomin. Aber auch alles andere läge nicht einzig und allein in der Hand der Erziehungsberechtigten. Umwelteinflüsse wären entscheidend, allerdings solche, die wir gar nicht beeinflussen können.

Wenn  jedoch jahrzehntelange  seriöse Forschung zeigt, dass die  entscheidenden  Persönlichkeitsmerkmale von Menschen von Geburt an festgelegt sind, ist das einerseits frustrierend, andererseits eröffnet das ganze neue Chancen! Erziehungskämpfe? Machen dann nur noch bedingt Sinn. Teures Tennistraining, zu dem ich das Kind lange überreden musste? Kann gestrichen werden. Klavierunterricht? Bringt nichts, es sei denn, man hatte eh schon ein Genie in der Familie. Klar sagt Plomin auch, dass man irgendwie Kinder erziehen muss, sie nicht sich selbst überlassen soll. Basics wie, dass sie Zähne putzen, ordentlich essen, schwimmen lernen müssen, krieg ich auch noch hin, das bring ich ihnen bei. Ich lese ihnen auch sehr gern vor. Und alles, was nicht so gut klappt? Veranlagung. Alles Veranlagung. 

Kinder erziehen: Es kommt so wie es kommt

Jetzt kann man sich natürlich darüber ärgern, dass die Schwiegereltern so wenig an positivem Input mitbringen oder darüber freuen, dass Onkel Heinz ein begnadeter Geigenvirtuose war. Am Ende kommt es eh so wie es kommt. Ich als Mutter zumindest werde nur sehr wenig daran drehen können, ob die Kleine jetzt Physik studiert oder der Große letztlich hauptberuflich Dealer wird. Ich habe auch am Ende das Abi geschafft, in obwohl ich in Mathe eine Null war. Ich kann nur eins tun: vertrauen. Unseren Genen, mir selbst und den Kindern. Zum Turnen gehen? Klavier lernen? Sehr viele Bücher lesen? Dürfen und sollen sie trotzdem. Ganz ohne Ziel. Vielleicht bringt es ja doch etwas. Und wenn es einfach nur zum Spaß ist. 

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Viola Kaiser
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