Kleine Paschas und Prinzessinnen: Kinder müssen im Haushalt helfen

Wenn unsere Autorin sich umsieht, fällt ihr auf, dass es unter Kindern auffällig viele kleine Paschas und Prinzessinnen gibt. Blaues Blut oder Erziehung? Sie hat da so eine vage Ahnung, woher die hoheitliche Attitüde der Kleinsten kommt.

von Miriam Kühnel

Montagmittag vor einer Grundschule. Mamas und Papas warten vor dem Schulhof auf ihren Nachwuchs, der kurz nach dem Klingeln aus dem Schulgebäude gestürmt kommt. Dann wird es erschreckend für mich. Neben mir steht eine Frau, die einen Maxi Cosi in der Hand hält, in dem ein nicht mehr wirklich kleines Baby liegt. Eine Minute später hält sie in der anderen Hand außerdem eine Jacke, einen Schal, einen Turnbeutel und einen Schulranzen, während ihr Sohn lärmend mit seinen Freunden um sie herumtobt. Sie fragt zaghaft, ob es ok wäre, jetzt ins Auto zu gehen. Der Sohn reagiert nicht. Seine Mutter stellt angestrengt den Maxi Cosi in eine Pfütze und bleibt mit zusammengebissenen Zähnen müde lächelnd neben den anderen Müttern stehen. Puh, denke ich und frage mich: Geht so heutzutage Mutter sein?

Kinder sind Teil des Haushalts: Liebe heißt nicht Service

Um das nicht falsch darzustellen: Ich nehme meinen Kindern sehr gerne Dinge ab. Aber bitte nur dann, wenn sie vorher fragen und nicht, wenn ich wie selbstverständlich als Kleiderhaken benutzt werde. Und schon gar nicht, wenn ich in meiner Hand einen 10 kg schweren Minimenschen tragen würde. Ich starre also die arme Frau an und schwanke zwischen Mitleid und Wut. Ich meine, warum zum Teufel lässt sie sich das bieten? Und vielleicht noch wichtiger: Was tut sie ihrem Sohn an? Wird er jemals lernen, Empathie und ein Gefühl für die Gleichwertigkeit anderer Menschen entwickeln, wenn wir als Eltern so tun, als wären wir ihre Angestellten? Ich glaube ernsthaft, dass Eltern so agieren, weil sie Liebe mit Service verwechseln. Nach dem Mottto: Ich will dir Gutes, deshalb tue ich alles für dich. Ich verstehe den Impuls. Aber dass diese Formel nicht funktioniert, merkt man doch schon daran, dass man Service kaufen kann. Liebe nicht. Das ist ein großer Unterschied. Nur den verstehen Kinder, die so aufwachsen, vielleicht nie.

Mütter, lasst eure Kinder im Haushalt helfen! 

Ich habe Kinder und die sind ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich kümmere mich um sie und ich nehme ihnen Aufgaben und Verantwortlichkeiten ab, die sie noch nicht stemmen können. Aber wirklich nur die. Damit bin ich in den Augen mancher Menschen eine Rabenmutter. Ich helfe meiner Sechsjährigen nicht beim Aufräumen, weil sie das kann. Ich helfe meinem Vierjährigen nicht beim Duschen. Weil er das kann. Und meine Große macht sich ihr Frühstücksbrot morgens selber seit sie 9 ist. Weil sie es kann, weil sie morgens nicht noch zwei Kinder zur Kita bringen muss und weil ich es mir wert bin, morgens fünf Minuten zu sparen, die sie locker hat und ich nicht. Ich halte das für richtig, weil es erstens Sinn macht und ich es zweitens für respektvoll halte, den Kindern auch etwas zuzutrauen.

Ich bin deshalb keine Rabenmutter

Nein, natürlich bin ich auch nicht Super-Mom. Am schwersten fällt mir mein Konzept bei unserem Jüngsten. Er ist schon mit Sultan-Attitüde geboren. Sein Man-bringe-mir-Blick und der folgende Wutausbruch, wenn man dies nicht tut, sind wirklich einschüchternd. In solchen Momenten ist Zeitdruck der Feind und ich glaube tatsächlich, dass dieser verdammte Zeitdruck ein wirklich entscheidender Punkt ist, weshalb Erziehung zur Selbständigkeit zu kurz kommt, seit auch Mütter schon früh wieder arbeiten gehen. Halte mal aus, abzuwarten, bis dein Kind sich selbst die Schuhe anzieht, wenn du in zwanzig Minuten bei der Arbeit sein musst. Ich kenn das und ich scheitere an diesen Momenten regelmäßig. Aber es gibt diese anderen Momente, in denen genug Zeit ist, um es auszusitzen. Die sind anstrengend. Die sind zermürbend. Aber sie sind die einzige Möglichkeit, seinem Kind die wichtigste Lektion des Lebens beizubringen. Nämlich: Die Welt schuldet dir nichts. Und man kann sich nicht aus jeder Verantwortung stehlen, nur weil man gerade keinen Bock hat.

Wir sind ein Team Ich glaube, dass in einer Zeit der flachen Hierarchien und des agilen Arbeitens kaum ein Skill so wichtig ist wie der, sich als wertvoller Teil eines Teams einzubringen. Wenn man seinen Kindern also wirklich etwas Gutes will, wäre das ein tolles Lernfeld und prima zuhause übbar. Denn auch Familien sind sowas wie ein Team. Da gibt es verschiedene Aufgaben, verschiedene Talente, verschiedene Qualifikationen und Voraussetzungen. Und jeder trägt seinen Teil der Verantwortung. Eine kleine Welt, die für die große schult.

Für eines aber tragen meiner Meinung nach einzig und allein die Eltern Verantwortung: Für die Atmosphäre in der Familie. Dafür, dass alle aufeinander achten und sich gegenseitig Respekt zollen. Und das kann ich nur vermitteln, wenn ich das selber tue und selber für mich einfordere. Zum Beispiel, wenn mich jemand ungefragt als Kleiderständer und Schulranzenhalter benutzt. So sollte keiner bei uns behandelt werden, auch nicht ich.

Wenn wohlwollender Respekt den Ton angibt, dann ist am Ende jeder in der Familie ein Prinz oder eine Prinzessinnen. Nur ohne Gefolge. Dafür mit ganz viel Liebe und einer Extraportion Selbstbewusstsein, weil jeder weiß, was er kann.

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Kleine Paschas und Prinzessinnen: Kinder müssen im Haushalt helfen

Wenn unsere Autorin sich umsieht, fällt ihr auf, dass es unter Kindern auffällig viele kleine Paschas und Prinzessinnen gibt. Blaues Blut oder Erziehung? Sie hat da so eine vage Ahnung, woher die hoheitliche Attitüde der Kleinsten kommt.

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