Konmari für Kinder: So erzieht man kleine Ordnungsfanatiker

Warum unsere Autorin sich für eine Erziehungsexpertin in Sachen Ordnung hält? Weil sie aus Versehen drei kleine Marie Kondos erzogen hat. Und das, obwohl sie selbst nicht die Ordentlichste ist...

von Miriam Kühnel

Hätte mir ein Hellseher vor 10 Jahren erzählt, dass meine Kinder einmal sehr ordentlich sein würden, dann hätte ich diesen Hellseher wegen Betrugs angezeigt. Trotzdem ist es irgendwie passiert. Meine Kinder sind Aufräumhelden. Wie ich das gemacht habe? Hier kommen meine 10 Weisheiten. Nennt mich die Marie Kondo für Kinder. Kauft all die Bücher, die ich in 10 Jahren darüber geschrieben haben werde. Und lauscht meiner Weisheit. Selbst wenn sie aus Versehen passiert ist...

1. Räum doch selber auf

Das Gute daran, wenn man selbst kein besonders ordentlicher Mensch ist: Man kommt gar nicht erst in Versuchung, es den Kindern abzunehmen. So merken die Kleinen schon ganz früh, dass sie für ihren Mist selbst verantwortlich sind. Es hat bei uns ein paar Jahre gedauert, bis das angekommen ist. Wenn es dann aber passiert, ist das ein großer WOW-Effekt. Wenn ich die Kinderzimmer meiner Sprösslinge betrete, bin ich Besucherin und respektiere ihre Regeln. "Mama, auf dem Boden wird nicht geschnitten!", hat mir letztens meine 6-Jährige erklärt. "Dann rutschen die Schnipsel unter den Teppich und das ist schwierig, die da rauszuholen." Man höre und staune. Das hätte sie nie bemerkt, wenn ich für sie die Schnipsel eingesammelt hätte.

2. Aufräumen ist ein großer Spaß

"In jeder Arbeit steckt auch Spaß", hat schon Mary Poppins uns beigebracht. Auch die große Aufräummeisterin Marie Kondo sieht darin das Geheimnis. In ihrer Netflix-Serie wurde sie von einem Vater gefragt, wie sie ihre zwei kleinen Kinder zum Aufräumen gebracht hat. "Gar nicht. Sie sehen, dass ich Spaß daran habe, deshalb machen sie es ganz von selbst", erklärte sie ihm. Ich glaube ihr das. Mir macht Aufräumen an sich keinen Spaß, aber ich tue alles dafür, es mir so schön wie möglich zu machen. Ich mache mir laute Musik an und tanze wie eine Bekloppte durch das Haus, während ich alles an seinen Platz lege. Wenn Kinder Aufräumen nicht mit Druck und Drohungen verbinden, scheinen sie einfach keine Blockade dagegen zu entwickeln. 

3. Nur wer Unordnung kennt, lernt Ordnung lieben

Vielleicht funktioniert auch die "Wir räumen jeden Abend auf"-Methode. Ich befürchte aber, dass das spätestens bei Teenies nicht mehr aufgeht, ohne im Dauerclinch zu liegen. Bei uns zuhause ist Unordnung ausdrücklich erlaubt. Denn wie sollen meine Kinder verstehen, dass Ordnung alles schöner macht, wenn sie keine Unordnung kennen? Wenn ein Vierjähriger unbedingt aufräumen möchte, weil er seine Lieblingsspielsachen in dem Chaos nicht mehr findet, ist das viel sinnvoller als ein erlernter Glaubenssatz ohne Erfahrungswert.

4. Kisten, Kisten, Kisten

Eine Grundlektion von Marie Kondo: Alles braucht einen festen Platz und muss sichtbar sein. Ich gebe meinen Kindern jeden Schuhkarton und alles, was sonst noch als Ordnungssystem taugt. Sortieren ist nämlich eigentlich das Gleiche wie Spielen. 

5. Dinge haben eine Seele. Kinder wissen das

Dein Kind kann sich nicht von Kuscheltieren, Bildern, Spielsachen und Müll trennen? Vielleicht, weil Kinder wissen, dass Dinge eine Seele besitzen. Oder warum sonst haben wir früher dreiundvierzig Stofftierchen und Puppen um uns herum drapiert, damit auch ja keines traurig ist? Meinen Kindern hilft das Verabschieden und Danken der Konmari-Methode. Bei uns fliegt kein Ding in den Müll, ohne dass ihm gebührend degankt wurde für die Freude, die es uns gemacht hat. So ist Abschiednehmen einfacher. 

6.Egon, der hungrige Mülleimer 

Wir haben einen Mülleimer, dem wir ein lustiges Gesicht gebastelt haben. Dieser Papierkorb hat immer großen Hunger und mag nur angemaltes Papier. Wenn Egon Hunger hat, fällt das Wegschmeißen viel leichter. Besonders schöne Gemälde werden natürlich aufbewahrt. Denn dafür haben wir – natürlich – einen Platz. 

7. Kinder sind sozialer als viele Erwachsene

Das Aussortieren fällt meinen Kindern leicht, denn sie wissen: Anderen geht es nicht so gut wie uns. Gerade in Sozialkaufhäusern ist Spielzeug heiß begehrt. Seit ich meinen Kindern erklärt habe, dass Eltern, die nicht so viel Geld haben, in diesen Kaufhäusern zum Beispiel ganz günstig Geburtstagsgeschenke für ihre Kleinen kaufen können, sind sie ganz heiß darauf, ausrangierte Sachen zu spenden. Immer wieder bringen wir ganz beglückt vom Gefühl des Gebens all die Spielsachen weg, aus denen sie herausgewachsen sind. Das ist unstressiger und schöner als Flohmarkt und lehrt nicht nur die Kunst des Ausmistens, sondern auch die Kunst der Loslassens und des Schenkens.

8. Weniger ist mehr

Immer wieder stellen wir ganze Spielzeugkategorien (zum Beispiel das Duplo, das Playmobilhaus oder die Lego-Eisenbahn in einen Schrank in unserem Arbeitszimmer. Wenn wir nach ein paar Wochen durchtauschen, werden die Sachen mit ganz neuen Augen wiederentdeckt. Schöner Nebeneffekt: Das Aufräumen wird so viel leichter, als wenn das ganze Zimmer vollsteht.

9. Dein Zimmer, deine Verantwortung

Wer blufft, verliert. Wenn man nur so tut, als würde man die Verantwortung für das Kinderzimmer den Kindern überlassen, hat keine Chance gegen Rebellion. Erst als ich WIRKLICH losließ, übernahmen die Kinder das Kommando. Dazu gehört, dass man zwar Hilfe und Rat anbietet, aber auch ein "Nein, danke" akzeptiert. Oder wie es der kleine Prinz ausdrückt: "Ich muss wohl zwei oder drei Raupen aushalten, wenn ich die Schmetterlinge kennenlernen will."

10. Die Schönheit der Unperfektion gemeinsam genießen

Bei aller Ordnungsliebe: Ich möchte keine Kinder erziehen, die immer ein TO DO sehen, wenn nicht alles perfekt ist. Ich möchte sie nicht dazu ermahnen, mitten im Spiel aufzuräumen, bevor sie ein neues Spielzeug herauskramen. Kreativität bedeutet, Dinge zusammenzubringen, die nicht zusammen gehören. Und wenn man dazu eine Decken-Kissen-Höhle für den Schleichsaurier bauen müssen, der gerne mit dem Legozug zu seiner Freundin, der Puppe fährt, für die am Bett noch schnell ein Türschild gebastelt werden muss, dann ist das eben so. Aus irgendeinem Grund wollen meine Kinder später wieder aufräumen. Die Betonung liegt auf später. Und das ist auch gut so. 

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