Kopf über Herz: Sind Vernunftehen echt besser?

Nach sieben Ehejahren ist unsere Autorin sich sicher: Vernunftehen sind keine schlechte Idee. Mehrere Studien geben ihr Recht. 

von Marie Stadler

Heiraten aus Vernunft? Weil es passt, weil man die gleichen Vorstellungen hat, weil man zufällig zur selben Zeit am selben Ort dasselbe will, nämlich zum Beispiel ein Kind? Laut mehreren Studien ist das nicht nur eine passable Option, sondern oft sogar die bessere als aus Leidenschaft zu heiraten. Der amerikanische Psychologe Epstein, der an der Harvard-Universität zum Thema forscht, wundert sich darüber nicht. Erstens sei es gar nicht einfach, Lust von Liebe zu unterscheiden und zweitens sei eine glückliche Ehe das Produkt gemeinsamer Erlebnisse, Werte und Lebenspläne. Außerdem sei es möglich, Gefühle zu wecken: „Wenn ein Mann und eine Frau sich zwei Minuten tief in die Augen schauen, werden ihre Gefühle füreinander mehr, selbst wenn sie sich nicht kennen.“

Das Feuerwerk entfachte ein anderer

Was sich für mich noch vor 10 Jahren wie pure Ketzerei angehört hätte und jegliche Romantik in mir verraten hätte, scheint mir heute gar nicht mehr so doof zu sein. Und das, obwohl ich definitiv eine Menge Schmetterlinge im Bauch hatte, als ich vor sieben Jahren mit meinem neuen Nachnamen den Trauschein unterschrieb. Eine Vernunftehe führe ich also ganz bestimmt nicht. Aber als ich meinen Mann kennenlernte, hatte ich gerade den fettesten Liebeskummer aller Zeiten. Ich weinte meiner Jugendliebe hinterher, einem Kerl, in den ich mich mit 14 total verschossen hatte und der mir mit 24 wieder über den Weg gelaufen war. Mein Herz stand in lodernden Flammen, ich wusste: DAS ist der Stoff, aus dem Hollywood schöpft. Nach einem kurzen Feuerwerk hatte er allerdings genug von Hollywood und schickte mich freundlich aber bestimmt in die Wüste. Völlig fertig mit den Nerven ging ich mit meinen Freundinnen aus und hatte nur einen Plan: Ablenkung. Ich machte mich also an den nächstbesten gutaussehenden Typen ran, ohne auch nur eine Sekunde darauf zu achten, ob ich mich gerade besonders gut präsentierte. Dass ich diesen gutaussehenden Typen eines Tages heiraten würde und er mir die Peinlichkeiten besagten Abends ewig vorhalten würde, konnte ja echt keiner ahnen. 

Manchmal ist der Kopf klüger als der Bauch

Wir trafen uns, wir sprachen viel, wir gingen ganz langsam einen Schritt nach dem anderen, und ich konnte mir jeden Tag weniger vorstellen, ohne ihn zu leben. Und siehe da, diesmal hatte keiner von uns keinen Bock mehr, auch wenn Hollywood sich mit uns zu Tode gelangweilt hätte. Wir uns halt nicht. Mittlerweile sind wir seit sieben Jahren verheiratet und haben drei Kinder. Nein, eine Vernunftehe kann man unsere Ehe definitiv nicht nennen, aber ein einziges riesiges BÄM, das gab es nie. Ich habe mal gelesen, dass wahre Liebe in einer ruhigen Brust wohnt. Das beschreibt wohl ganz gut, was ich sagen möchte. Ich habe meinen besten Freund geheiratet. Meinen verdammt heißen besten Freund. Und auch, wenn wir uns fantastisch ankeifen und doof finden können, weiß ich, dass es da draußen keinen besseren Menschen für mich gegeben hätte. Das hat mein Kopf vor meinem Bauch geahnt. Deshalb würde ich nicht ausschließen, dass auch aus Vernunftehen Liebe entstehen kann. 

Die Liebesheirat ist noch ganz neu

Was mir gar nicht so bewusst war: Die Liebesheirat als Konzept ist sowieso ein total neumodischer Kram. Unseren Urgroßeltern und wahrscheinlich bei vielen auch die Großeltern hätten über unsere romantische Vorstellung von Liebe laut gelacht. Hormone, Leidenschaft und rosarote Brillen hielten sie jetzt nicht unbedingt für ein stabiles Fundament und letzten Endes wissen wir das ja auch. Deshalb ziehen die meisten ja auch erst einmal zusammen, lassen sich Zeit, prüfen, ob die Verliebtheit im Alltag zu Liebe wächst und schwenken durchaus auch ein paar Mal um im Leben, bis es wirklich passt. Ob es immer die Leidenschaft sein muss, die einen zu dieser "Überprüfung" des Partners bewegt? Ich glaube das ehrlich gesagt nicht mehr. Was am Ende bleibt, ist doch vor allem Freundschaft, Güte, Nachsicht und ein gemeinsames Wertesystem. Und ja, na klar, Sex ist wichtig. Aber wer sagt denn, dass man aus Vernunft Mr. Ugly heiraten muss? Wenn George Clooney und ich vernunftmäßig prima zusammenpassen würden, hätte ich ihn jedenfalls ohne mit der Wimper zu zucken geheiratet. Wenn da nicht schon mein allerbester Freund in meinem Bett liegen würde, den ich sehr sehr liebe.