Kopf voll? So reduzierst du deinen Mental Load!

Die To-do-Liste im Familienalltag ist lang, was aber kaum jemand sieht: Die Köpfe der Mütter drehen sich vor mindestens nochmal so vielen Aufträgen, an die es zu denken gilt. Die Diplompsychologin und Dreifach-Mama Patricia Cammarata gibt Tipps zur Reduzierung von Mental Load.

von Julia Ballerstädt (Interview)

Die offensichtlichen Aufgaben im Haushalt – Einkaufen, Wäschewaschen, Kochen – sind nur die Spitze des Eisbergs dessen, was Mütter am Tag im Kopf organisieren, planen, konzeptionieren und durchführen. Mental Load nennt sich das dann. Eine Belastung, die nach und nach in den Fokus rückt. Zu Recht, denn zu viel mentale Belastung kann krank machen. Wie wir unseren Mental Load herunterschrauben können und wie wir Verantwortung abgeben, verrät Patricia Cammarata. 

BARBARA.de: Was ist Mental Load überhaupt und was versteht man darunter?

Patricia Cammarata: Mental Load bedeutet, dass alle Prozesse innerhalb der Familie bei einer Person, und das ist meist die Frau bzw. Mama, liegen und zwar unabhängig von den eigentlichen To-dos.

Das heißt man kann sogar einen ganz gute Aufteilung zwischen den Eltern haben, aber verantwortlich, um Prozesse anzutriggern oder zu delegieren, nachzuhalten, Verknüpfungen zu sehen, quasi so eine Art geistiges Protokoll zu haben, ist immer die Frau.

Aber warum reißen wir Frauen diese Aufgaben immer an uns?

Das hängt ganz viel mit der Sozialisation und Vorstellung von Rollenbildern zusammen. Und das ist auch der Punkt, an dem man das Problem auflösen muss. Ist das so innerhalb der Familie, kann man das hinterfragen und dann eben ändern.

Davon profitieren dann nicht nur die Mamas, sondern später auch die Kinder?

Absolut. Wir machen das in unserer Familie tatsächlich auch mit Blick auf die eigenen Kinder. Dafür haben wir geguckt, was es so für Aufgaben gibt und mussten feststellen, dass es ganz oft geschlechtsspezifisch unter Vater und Mutter aufgeteilt ist. Deshalb rotieren wir sogar absichtlich, um den Kindern zu zeigen, dass auch der Papa in der Lage ist einen Essenplan zu erstellen, die Geburtstagsgeschenke einzukaufen und wenn das Fahrrad kaputt ist, kümmert auch mal Mama darum.

So kann man sehr aktiv auf die nächste Generation einwirken.

Wie schafft man es wirklich, Dinge abzugeben und beispielsweise dem Vater das Geschenkekaufen zu überlassen? Viele Frauen trauen ihren Männern das gar nicht zu und machen es dann lieber selbst. 

Das fällt tatsächlich sehr vielen Müttern sehr schwer und da muss man einfach aus Erfahrung lernen. Wichtig ist, vorher sehr detailliert darüber zu sprechen, was es für Aufgaben gibt, aber auch, wo die Erwartungshaltungen liegen.

Beispielsweise Thema Kinderschuhe: Wenn man das als Mama jahrelang gemacht hat, dann hat man eine Vorstellung davon, wie die zu sein haben, was sie kosten und wie stabil sie sein sollten. Wenn man das nur einmal delegiert und der Mann macht das dann, kommen die meisten Väter tatsächlich erstmal mit komischen Sachen zurück. Wenn man aber darüber spricht, was man erwartet und wie der Schuh zu sein hat, gibt man quasi sein Wissen an den Partner weiter und auch einen Rahmen, in dem die Aufgabe sinnvoll erfüllt ist.

Im nächsten Schritt muss man dem Partner in seiner Wahl dann aber auch Freiräume lassen. Das müssen viele Frauen hart lernen. 

Woran merke ich denn überhaupt, dass mein Mental Load zu viel ist?

Das Schlimme ist, dass das ganz viele Frauen überhaupt nicht merken, weil sie in dieser Dauerbelastung einfach so leben und glauben, so gehört das einfach als Mutter. Da muss man selbst auf sich gucken und wenn man dann merkt: Moment mal, ich bin selbst die ganze Zeit am Limit und kann mich gerade so über Wasser halten, muss man daran etwas ändern. Viele Frauen entwickeln unter dieser Dauerbelastung auch Burn-out-Symptome, sind ständig krank oder werden einen Infekt einfach nicht los. Das zeigt dann, dass der Mental Load so hoch ist, dass es einfach ungesund ist.

Es geht also nicht primär um Belastungen im Haushalt, sondern tatsächlich um die geistige Belastung?

Das geht in den meisten Fällen miteinander einher. Aber bei vielen Paaren, die ihre To-dos gut organisiert haben und der Partner auch zuverlässig die Dinge erledigt, fühlen sich viele Frauen trotzdem total belastet und unentspannt. Und dann ist ein Punkt erreicht, wo man was machen kann.

Was empfiehlst du dann?

Wenn man merkt, dass ist ein Thema in der Familie, sollte man sich einmal Zeit nehmen und aufschreiben, woran man denkt und was man noch so nebenher macht, ohne darüber zu sprechen. Da kommen wirklich riesige Listen zu Tage, über die man meist selbst auch ganz erschrocken ist, weil man viele Punkte gar nicht mehr mitprotokolliert, die man macht. Also so Sachen wie Wechselwäsche in die Kita geben, Sonnencreme nachkaufen oder Arzttermine machen. Wenn man dann sieht, dass der Partner das vielleicht null mal in den letzten fünf Jahren gemacht hat, dann schwant einem, dass das dann doch eine ganz schöne Belastung ist.

Hast du noch ein paar Tipps, wie man Mental Load im Alltag reduzieren kann?

1. Liste machen! Wer macht was? Wer stößt das Thema an? Wer hat das immer im Kopf und wieviel Zeit nimmt das in Anspruch? Viele Männeraufgaben treten nämlich sehr sporadisch auf, sowas wie Auto zum TÜV fahren oder Batterien im Rauchmelder wechseln, ist halt nichts im Vergleich zu Sommerschuhe kaufen oder täglichem Windelnwechseln.

2. Wochenbesprechung: Geht die Woche detailliert durch.

3. Retrospektive! Einmal im Monat die letzten Wochen Revue passieren lassen: Wie ist es denn jetzt gelaufen? Was war gut, was nicht? Hat etwas viel mehr Zeit in Anspruch genommen, als wir geschätzt haben? Gibt es Aufgaben, die unfassbar nerven, wie U-Termine beim Kinderarzt ausmachen? Da verbucht man im Kopf nämlich etwa drei Minuten, aber in Wirklichkeit muss man sieben  mal anrufen, bis man überhaupt durchkommt. Über solche Dinge kann man dann in der Retrospektive sprechen und sie auch besser den Kindern gegenüber kommunizieren

4. Welche Themen kann man komplett abgeben? Was kann der Partner ab jetzt immer machen? Frauen müssen hier lernen, Verantwortung abzugeben, das dauert bis zu einem Jahr, bis man diese Mechanismen überwindet. 

Sollte man die Kinder einbinden?

Wenn die Kinder älter sind, auf jeden Fall! So lernen sie, für ihre Themen auch Verantwortung zu übernehmen. Beispielsweise Müll runterbringen oder Geschirrspüler ausräumen. Sowas kann man rotieren lassen. Hier sollte auch über Empfindungen gesprochen werden, damit kein Frust entsteht, weil jeder ein anderes Gefühl hat, wann beispielsweise der Müll runter muss.

Dann ist es sicher sinnvoll einen Wochenplan zu machen?

Ja, auf jeden Fall, denn das sorgt für Transparenz und Wertschätzung, wenn Kinder eingebunden sind und sie die Einzelschritte kennen. Dann sitzt man nämlich plötzlich am Abendbrottisch und auf einmal wird sich für das Kochen, Putzen und Einkaufen bedankt, weil einfach allen klar ist, dass Arbeit dahintersteckt.

 Patricia Cammarata ist Diplompsychologin, Mama von drei Kindern und Autorin. Sie bloggt auf Das Nuf Advanced über Vereinbarkeits- und Gleichberechtigungsthemen. Außerdem hat die Berlinerin bereits ein Buch veröffentlicht und ein großes Faible für digitale Medien und das Internet. 

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