Mein Mann ist depressiv – und ich bin trotzdem glücklich

Seit drei Jahrzehnten lebt Martha mit einem depressiven Mann zusammen. Kein Grund, selbst auch nicht glücklich und zufrieden zu sein, sagt sie. Auch die Liebe stellt sie nicht mehr in Frage. 

Protokoll: Miriam Kühnel

Manchmal wundere ich mich selbst über mich. Wenn Martin morgens in diesem ihm ganz eigenen schlurfenden Gang aus dem Bett kommt und sich leise stöhnend die Schläfen reibt, während er sich schwerfällig wie ein 80-Jähriger an den Frühstückstisch setzt, macht das nicht viel mit mir. Nicht mehr. Früher, vor dreißig Jahren, als wir frisch verheiratet waren, hat mich all das und jeder seiner schweren Atemzüge sauer gemacht. Während er Tag für Tag tiefer in einem Strudel der Dunkelheit versank, rang ich selbst neben ihm nach Luft und Licht. Mein Herz wurde gemeinsam mit seinem schwerer und schwerer, und ich fragte mich, wie ich bloß in dieses Leben geraten war. Wie ich wieder herauskäme. Was gewesen wäre, wenn ich einen anderen Menschen gewählt hätte. Einen, der so viel Freude in sich trägt wie ich. Heute frage ich mich solche Fragen nicht mehr. Denn sie würden das Glück und all die großen Geschenke meines Lebens verhöhnen, für die ich so dankbar bin. Und ja, das gilt auch für Martin. Trotz der Schwere, die seit so langer Zeit ein Teil von ihm ist, bin ich dankbar für ihn. Auch wenn das für andere merkwürdig klingt. 

Ich bin keine Masochistin

Es ist mir wirklich wichtig, klar und deutlich zu sagen, dass ich keine Märtyrerin bin. Ich opfere mich nicht auf, ich halte nicht unglücklich gewissenhaft an einem Versprechen fest, das ich einmal gegeben habe. Als die Depression ausbrach, habe ich mich nicht abgewendet, und das war zu Anfang sehr schwer. Aber ich wusste, dass ich nur zwei Optionen habe: Wachsen oder Gehen. Leiden war keine der Möglichkeiten, die ich langfristig in meinem Leben angenommen hätte. Zum Glück musste ich nicht gehen, denn ich habe es geschafft, an Martin und seiner Krankheit zu wachsen. 

Mit den Kindern kam die Traurigkeit

Schon als ich Martin kennenlernte, war ich irgendwie verwirrt. Da war zum Einen dieser herzlich lachende, aufrichtige Kerl, der mich mit seinen blau-blitzenden Augen so liebevoll ansah. Und dann war da noch etwas anderes, das ich nicht greifen konnte. "Etwas Komisches", sagte mein großer Bruder. Etwas Trauriges, fand ich. Nach und nach lernten wir uns immer besser kennen. Ich erfuhr immer mehr von seiner Kindheit, die immer ein Kampf gegen Krankheit und Armut war. Ich lernte seine Familie kennen, in der jeder seinen ganz eigenen Kampf mit der Vergangenheit zu kämpfen schien. Und ich begriff, dass sich hinter den schönen Augen weit mehr abspielen würde als blau-blitzende Freude. Trotzdem entschied ich mich für Martin. Er sollte es sein und kein anderer. Als unser erster Sohn geboren wurde, gab es plötzlich gar kein Blitzen mehr. Martins Augen wurden trüb, er zog sich zurück, sprach manchmal tagelang kein Wort mit mir und seinem Sohn. Es brach mir das Herz, nicht nur meinetwegen, sondern vor allem wegen des Kindes, das in seiner Unschuld förmlich um Liebe und Anerkennung bettelte – ohne Erfolg. 

Seine Behandlung hat mir Abstand geschenkt

Als Martin nicht mehr in der Lage war, arbeiten zu gehen, begriff er endlich auch selbst, dass er Hilfe brauchte. Er war viele Monate in der Klinik, am Wochenende kam er nur manchmal nach Hause. Diese Zeit war nicht nur für ihn wichtig, sondern auch für mich. Ich habe gelernt, wieder meine eigene Kraft zu finden und auf mich selbst zu achten. Klar war es anstrengend, alleine mit dem Kind zu sein, aber es hat mir auch die Möglichkeit gegeben, mich wieder etwas unabhängiger zu entwickeln. Ich fand meine Freude an Bewegung wieder. Ging viel raus, unter Leute, renovierte die Wohnung so gut es ging. Einmal, als ich im Flugzeug saß und die Stewardess ihre Instruktionen runterleierte, musste ich lachen darüber, wie weise ihre Anweisung eigentlich war. "Im unwahrscheinlichen Fall eines Druckverlusts fallen automatisch Sauerstoffmasken aus der Kabinendecke. Ziehen Sie die Maske ganz zu sich heran und drücken Sie sie fest auf Mund und Nase. Atmen Sie normal weiter. Helfen Sie erst danach Kindern und hilfsbedürftigen Menschen." Ich denke auch heute noch oft an diese Anweisung, wenn mir die Schwere in unserem Haus wieder zu erdrückend wird. Dann denke ich darüber nach, wie ich mir selbst helfen kann und atme ganz normal weiter. Erst wenn mir das gelungen ist, habe ich wieder Energie, mich um Martins Sorgen zu kümmern. 

Ich hoffe, ich habe die Kinder gut geschützt

Manchmal habe ich trotzdem darüber nachgedacht, zu gehen. Nicht meinetwegen – ich kam klar – sondern der Kinder wegen. Ein paar Jahre nach der Therapie bekamen wir noch zwei Töchter. Und auch wenn eine Behandlung viel leisten kann, die Depression ist nie wirklich weg gewesen. Bis heute gibt es bessere und schlechtere Phasen. In den schlechten Phasen habe ich in Gedanken oft die Koffer gepackt, obwohl ich Martin liebe. Wenn ich sah, wie die Kinder darunter litten, wie sehr ihr Vater mit sich selbst beschäftigt war, dann war das kaum zu ertragen. Ich entschied mich trotzdem immer wieder dafür, zu bleiben und versuchte, so gut es ging zu puffern. Manchmal schnappte ich mir die Kinder nach dem Abendessen und ging mit ihnen an den See zum Schwimmen, Sandburgen bauen und Frisbee spielen. Die Nachbarn hielten mich vielleicht für verrückt. Aber ich wollte meinem Sohn und meinen Töchtern einfach ein anderes Konzept als die Lethargie ihres Vaters vorleben und an manchen Tagen auch einfach Abstand zu ihm halten. Ich musste sie schützen vor dem Kummer, der Martins Welt so oft beherrschte. Mittlerweile sind alle drei Kinder erwachsen und ich glaube, es ist mir gelungen, ihnen Freude am Leben zu vermitteln. Jedenfalls sehe ich drei lebensbejahende Menschen, die mitten im Leben stehen, jeder besonders und ganz genau richtig auf seine eigene Weise. 

Ich liebe diesen Mann. Punkt.

Wenn man mich fragen würde, ob ich diese Hochzeit bereue, könnte ich mittlerweile mit einem klaren Nein antworten. Martin hat mich immer gut behandelt, im Rahmen seiner Möglichkeiten. Danach beurteile ich ihn und nicht nach seiner Krankheit. Ich freue mich noch immer über seine blauen Augen (ob sie blitzen oder nicht), über seine Liebe und über seinen Witz und Esprit in den guten Zeiten. In den schlechten Zeiten höre ich ihm zu und bin für ihn da, aber immer mit einem wachsamen Auge auf mich selbst und meine Bedürfnisse. Ich will es nicht schönreden: Einen Partner mit Depressionen zu haben, kann einen an den Rand der eigenen Kräfte bringen und es wird immer wieder Tage geben, an denen ich gemeinsam mit Martin vor dem Abgrund stehe und ins Dunkle sehe. Aber an jedem anderen Tag, feiere ich das Leben, meine Kinder, meinen Mann und die Welt. Ich werde mich über salzige Meerluft, das ansteckende Lachen meiner Enkel, die tolle Gangschaltung an meinem Fahrrad und all die anderen schönen Dinge freuen, die mir geschenkt wurden und werden. Denn Martin ist Martin. Die Depression ist die Depression. Und ich bin ich. So fröhlich, kindisch, verrückt und aktiv, wie ich eben bin. Diese so simpel klingende Formel zu verstehen, war der Schlüssel zu meinem Glück, denke ich. Und ja, auch mein Glück in der Liebe.





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