Morgens lange zu schlafen ist viel besser als sein Ruf!

Überall liest man es: Die, die früh aufstehen, haben Erfolg, schaffen viel und haben insgesamt mehr vom Leben. Was für ein Unsinn, findet unsere Autorin. 

von Tina Epking

Jüngst las ich etwas, das mich sehr freute. Denn es unterstützt eine These, die ich schon lange heimlich vermutete, aber nie belegen konnte: Früh aufstehen bringt niemandem was – außer der Wirtschaft. In letzter Zeit bin ich nämlich immer wieder auf  Studien, Thesen und Texte dazugestoßen, wie wunderbar es ist noch vor dem Sonnenaufgang auf den Beinen zu sein. Einheitlicher Tenor: Der frühe Vogel fängt den Wurm, erfolgreiche Vorstandsvorsitzende, Popstars und Sportler pennen nie länger als 5 Uhr morgens, haben gegen 8 schon mindestens einen halben Arbeitstag hinter sich – oder zumindest einen Halbmarathon absolviert. Dabei finde ich persönlich, dass wir durch Arbeit, Schule und übervolle Terminkalender ohnehin schon dazu gezwungen werden, viel zu früh aufzustehen. 

Was stimmt daran nicht, wenn ich länger schlafen möchte?

Die  Message hinter diesem Frühaufsteh-Wahn der modernen Leistungsgesellschaft, dem ich immer wieder medial begegne,  lautet übrigens: Wenn du gern länger als bis 6 schlafen möchtest, bist du ein ganz schöner Loser. Du schaffst das nicht? Was stimmt mit dir nicht? "Jemand, der viel und gern schläft, hat den Nimbus eines Faulenzers oder bestenfalls von jemand, der nicht besonders leistungswillig ist. Dagegen gelten Manager, die mit wenigen Stunden Schlaf auskommen, als erfolgreiche Macher", schreibt der Schlafexperte Prof. Dr. Ingo Fietze in seinem Buch "Die übermüdete Gesellschaft. Wie Schlafmangel uns alle krank macht". Leider hat er recht. Wer aber bis 20 Uhr arbeitet und um 7 wieder im Büro hockt, hat dazwischen nicht viel Zeit zum Ausruhen. Mal ganz abgesehen, dass man ja auch spät viel leisten könnte – dafür zumindest muss man nicht früh raus. 

Koksen die alle?

Ich frage mich dann allerdings immer: Koksen die alle? Was stimmt mit denen nicht? Ich meine jetzt übrigens nicht Menschen, die es einfach lieben, früh aufzustehen. Wir wissen alle, es gibt Lerchen und Eulen, die einen schlafen gern früh und stehen auch dementsprechend auf, die anderen mögen's spät – morgens und abends. Dabei ist nichts schlechter oder besser, sondern Menschen sind einfach unterschiedlich. Ganz klar ist nur, dass den Eulen in jedem Fall, dieser Früh-Aufsteh-Wahnsinn in unserer Gesellschaft schadet. Oft frage ich mich: Warum können wir nicht alle einfach mal ein bisschen länger liegenbleiben? Vielleicht wäre die Welt dann viel friedlicher und schöner.

Schlafmangel: Blasse Zombies taumeln zur Schule

Schon Kinder in der ersten Klasse müssen bei uns viel zu früh raus. Um Punkt 8 Uhr fängt der Spaß an, das bedeutet vor allem im Winter etwa mitten in der Nacht aufzustehen. Wer die kleine Zombies einmal blass zur Schule taumeln gesehen hat, weiß, was ich meine. "Mittlerweile sollte es sich bei allen Beteiligten, den Lehrern, Schulbehörden, Bildungspolitikern, herumgesprochen haben, dass ein Unterrichtsbeginn um 8 Uhr oder noch früher unsinnig ist. Er raubt den Kindern den Schlaf und zwar insbesondere den Jugendlichen ab circa dem zwölften Lebensjahr", schreibt Schlafexperte Fietze. Und ergänzt an anderer Stelle: "Schüler wären wesentlich fitter, wenn sie morgens eine Stunde länger schlafen könnten". Allerdings nicht nur die Kinder, auch jeder andere. Dazu kommt, dass zum Beispiel Mark Wahlberg dafür gefeiert wird, wenn er um 5.30 schon gebetet, gefrühstückt  und trainiert hat,  durchschnittlichen Eltern dagegen verleiht keiner eine Medaille dafür, dass sie ihre Kinder morgens aus dem wohlverdienten Schlaf reißen, obwohl sie sich selber gern noch einmal umdrehen würden.

Wir pennen einfach alle zu wenig

Wem es hilft, dass wir alle immer mehr schaffen und Tage künstlich verlängern wollen? Mir zumindest nicht. Es ist gut für die Wirtschaft, denn wer länger wach ist, kann länger arbeiten und somit auch mehr kaufen. Schließlich gehen wir ja nicht unbedingt früher ins Bett, weil wir früher aufstehen. Wir pennen einfach zu wenig, wir haben alle Schlafmangel. Das sagen renommierte Schlafforscher übrigens schon lange und einhellig. Auch die These, dass es gesund sei, früh aufzustehen ist mit dieser Erkenntnis nicht im Ansatz haltbar, denn wer geht heutzutage schon um spätestens 21 Uhr ins Bett? Schlaf ist in unserer Kultur insgesamt einfach völlig unterbewertet. Gesund ist nämlich ganz sicher nur eins: Ausreichend Zeit schlafend zu verbringen, und das bedeutet, mindestens sieben, lieber acht oder neun Stunden. Denn das stärkt unser Immunsystem und schützt uns unter anderem vor Übergewicht und Depressionen. Außerdem macht es uns konzentrierter, schöner und vor allem glücklicher. 

Ich gehe so weit zu sagen, dass das Leben insgesamt sehr viel leichter und wesentlich schöner wäre, wenn wir nicht alle um 6 raus müssten und endlich der Irrglaube verschwinden würde, dass Menschen, die gerne zehn Stunden schlafen und das am liebsten bis morgens um 9, faule und unproduktive Säcke sind. Mal ganz abgesehen davon, dass das kompletter Unsinn ist. Woher ich das weiß? Aus eigener Erfahrung. Und ich bin ja nicht allein: Karl Lagerfeld, Pharrell Williams und Barack Obama schlafen gern mal aus. Ich bin sicher, es gibt Menschen, die sehr früh aufstehen und viel weniger produktiv sind. 

Wer hier schreibt:

Tina Epking
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