Neubaugebiet: 10 Gründe für ein Leben im Spießer-Microversum

Es hat einen wirklich schlechten Ruf, das Leben in einem Neubaugebiet. Unsere Autorin versteht das vollkommen. Und kennt trotzdem 10 Gründe (wenn nicht mehr), in ein Neubaugebiet zu ziehen.

von Marie Stadler

Ich habe es getan. Ich wohne im Neubaugebiet, Man hatte mich gewarnt, aber ich wollte nicht hören. Jetzt hab ich den Salat und ich muss sagen: Er schmeckt eigentlich ganz gut. Unter anderem aus diesen Gründen:

1. Der Spießer in dir darf leben

Leute, gebt es zu... ihr mögt noch so hip, mondän, tolerant und was-weiß-ich sein, aber da ist trotzdem irgendwo tief in eurer Hipsterseele ein Spießer versteckt, oder? Ich für meinen Teil möchte die Spießeruschi in mir nicht mehr leugnen. Es gibt sie. Ich weiß das mittlerweile. Sie räumt gerne auf. Sie mag es gern berechenbar. Sie ist ein bisschen kompliziert. Sie sagt Sätze wie: "Ich fahr mal kurz in den Baumarkt" Und sie fühlt sich im Neubaugebiet total verstanden. 

2. Alles neu

Peter Fox musste erst alles niederbrennen, um sich neu zu erfinden, ein Neubaugebiet ist dagegen wie ein weißes Blatt Papier. Einzige Einschränkung: Der Bebauungsplan. Und der Geldbeutel. Und der merkwürdige Geschmack des eigenen Mannes. Und die rechtlichen Vorgaben. Und die Dickköpfigkeit des Architekten... ok, lassen wir das. Kein weißes Blatt Papier. Aber neu. Immerhin. 

3. Kinder, Kinder, überall Kinder

In Neubaugebiete ziehen junge Familien. Und das macht die Welt dort ein bisschen zu Bullerbü. Da wird gerollert, gemalt, auf Bauschuttberge geklettert und Verstecken gespielt. Hach, wie früher... so schön!

4. Wie Big Brother, nur mit Haustürschlüssel und Rolläden

Sobald ein neuer Bewohner im Container... äh Neubaugebiet auftaucht, wird er erst einmal mit offenen Armen empfangen und gleichzeitig von oben bis unten abgecheckt. Mit den niedrigen Hecken kommt ein gewisser Mangel an Privatsphäre hinzu, was das Ganze herrlich an Big Brother erinnern lässt. Nur dass man keinen rauswählen kann. Was manchmal ein bisschen schade ist bei gewissen Nachbarn. Naja. Vielleicht führen wir das einfach mal ein. Denn – und das ist im Grunde schon der nächste Punkt:

5. Neubaugebiete sind die Bronx der Spießer

Wie in der Bronx ist jede Rechtslage machtlos gegen die Gesetze der Straße im Neubaugebiet. Vergiss die Gesetze, die du kennst. Das Neubaugebiet schreibt neue. Und plötzlich kämpfst du um die Verlängerung der Öffnungszeiten der neu geplanten Kita und um die Verlegung der Bushaltestelle als ginge es um dein Leben. Kannst versuchen, nicht mitzumachen. Wird nicht klappen. Denn sie kommen bis ins Wohnzimmer. Mit Listen, auf denen dein Name bereits steht. Und du wirst unterschreiben. So will es das Gesetz der Straße. Du wirst nicht entkommen.

6. Nie wieder alleine

Zugegeben, dieser Punkt ist auch auf der Contra-Liste zu finden, aber das allein würde dem Fakt nicht gerecht werden. Denn "Du bist nie allein" ist ja irgendwie auch eine schöne Nachricht. Wenn du mal Hilfe brauchst. Wenn dein Kind seinen Schlüssel vergessen hat. Wenn dir der Zucker ausgegangen ist am Sonntag. All das wird dir hier nie wieder Sorgen bereiten. 

7. Da wohnen Menschen mit Tischdecken

Und irgendwann ertappt man sich selbst dabei, sich bei Depot in der Esszimmer-Abteilung rumzudrücken...  Muss man da noch was zu sagen? Wo wir auch schon beim nächsten Punkt wären, nämlich: 

8. Gut für die Lachmuskeln (wenn man es mit Humor nimmt)

Achtung, schrullig, und zwar sehr. Im Neubaugebiet scheinen sich vornehmlich merkwürdige Menschen niederzulassen. Und das im positivsten Sinne. Wahrscheinlich sind die auch nicht wirklich merkwürdiger als anderswo, aber durch die Nähe und (da sind sie wieder) die niedrigen Hecken, bemerkt man es. Was wäre mein Leben unlustiger ohne die Verrückten aus meiner Straße (zu denen ich mich ausdrücklich zähle). 

9. Einzige Gemeinsamkeit: Nachbarn (und das ist gut so)

Wir sind nicht gleich alt, haben die unterschiedlichsten Interessen und Berufe, verdienen zwischen Reihenmittelhaus-Gehalt und Villen-Gehalt ganz unterschiedlich, kommen aus den verschiedensten Orten und Ländern, vertreten die unterschiedlichsten Meinungen, kurz: Mit manchen meiner Nachbarn habe ich genau eines gemeinsam: Den Wohnort. Und wisst ihr was? Das ist großartig. Genau dort, wo ich den kleinsten Horizont erwartet habe, ist er besonders groß. Im Grunde ist ein Neubaugebiet eine interkulturelle Generationen-Begegnungsstätte. Wer hätte das gedacht?

10. Lasst uns gemeinsam alt werden...

Meine Familie wohnt wie so viele zerstreut in Nord-, Ost-, Süd- und Westdeutschland. Ganz ehrlich: Ich finde es schön, zu wissen, dass ich wahrscheinlich mit den Knalltüten aus dem Neubaugebiet gemeinsam alt werde. Das macht mein kleines Microversum irgendwie heimatlich. Und ich freu mich jetzt schon drauf, mit meinen Nachbarn unter dem Apfelbaum zu sitzen, den wir gemeinsam gepflanzt haben und in alten Zeiten zu schwelgen. Nennt es Spießer-Romantik... ihr habt ja recht. Aber ich wohne im Neubaugebiet. Ich darf das.

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