Nicht mehr der Menschenfreund, der du mal warst? Völlig normal!

Auch wenig Bock auf Small Talk, überfüllte Bahnen, hippe Festivals und neue Freundschaften? Das könnte an deinem Alter liegen. Denn es gibt gute Gründe, als Erwachsener Menschen nicht mehr so unbedarft zu mögen wie wir das mit 17 getan haben.

von Miriam Kühnel

Ich habe letztens mit einer Bekannten "Schluss gemacht". Sie ist nett, daran lag es nicht. Aber sie war eine von diesen Menschen, denen man schlecht aus dem Weg gehen kann. Nicht mal temporär.  Weil ein "sich nicht melden" zwar immer freundlich, aber ebenso konkret sofort thematisiert wurde. Uff... mir wurde das anstrengend. Zu anstrengend offensichtlich. Und zack, weg war sie. 

Ich finde Menschen... ok. Also manche.

Überhaupt merke ich, dass ich mich nicht mehr so leicht begeistern lasse von Menschen, die ich kennenlerne.Und selbst wenn ich begeistert bin, heißt das noch lange nicht, dass ich langfristig den Kontakt zu der Person suche. Manchmal frage ich mich schon, wie das passiert ist. Wie aus der beziehungshungrigen Netzwerkerin so eine träge Anti-Uschi werden konnte. Bin ich gefühlskalt? Bin ich asozial geworden? Ich glaube, das ist es nicht. In Wahrheit bin ich einfach nur klüger. 

Warum wir skeptischer sind, wenn wir älter werden

Die Sache ist die: Ich weiß einfach mehr als früher. Ich weiß, dass man 58 Bekanntschaften irgendwann nicht mehr handeln kann. Ich weiß, dass Menschen sich zu Anfang oft anders präsentieren als sie wirklich sind. Ich weiß, dass Menschen Forderungen an einen haben, wenn man sie nicht auf Distanz hält. Und ich weiß, dass meine Kapazitäten endlich sind. So normal all diese Dinge für mich, die ich die 30 schon lange überschritten habe, klingen, so absurd sind solche Gedanken für Jugendliche. In unserem jugendlichen "Leicht-Sinn" fanden wir eben alles aufregend, toll, hielten alles für möglich und manche Menschen für Götter. Das war toll, keine Frage. Aber es war auch schlicht und ergreifend eine Fehleinschätzung. Mit dem Wissen von heute hätten wir uns nicht so ins Leben gestürzt, wie wir es getan haben. Genau deshalb ist es gut, dass wir es noch nicht hatten. 

Menschen sind menschlich. Und ich bin nicht jedermanns Freund

Auch wenn es sich manchmal so anfühlt, bin ich mir sicher: Wir sind keine schlechteren Menschen geworden, nur weil wir nicht mehr jedermanns Freund sein wollen und alle für unsere Freunde halten, nur weil sie ein Interesse mit uns teilen. Wir sind einfach nur erfahrener und können uns besser abgrenzen. Wozu brauchen wir dreißig Freunde und Bekannte, wenn wir eh wissen, wessen Meinung für uns zählt? Warum sollten wir unsere wirklich wichtigen Menschen vor den Kopf stoßen, nur weil wir XY, Hinz und Kunz noch ein Feierabendbier, eine Geburtstagsparty oder einen Girl-Brunch zugesagt haben? Aber vor allem: Wie wäre es vor uns selbst zu rechtfertigen, uns zu überfordern mit Tausenden "superwichtigen Menschen" in unserem Leben, denen wir allen längst nicht mehr gerecht werden könnten. Dass wir nicht mehr jeden Menschen sofort supertoll finden und zum potentiellen Best Buddy erklären, ist also eine wirklich gute Nachricht. Es ist ein Zeichen für Weisheit, für Stärke und für richtige Prioritäten. Nein, das Älterwerden hat weiß Gott nicht nur Nachteile. 

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