Privathaushalt? Langweilig! – Wie es ist im Zirkus Zuhause zu sein

Familienleben im Zirkus ist harte Arbeit. Damit die Tradition nicht stirbt, braucht es einen, der klar sagt, wo es langgeht. Reimon Rogall ist Papa, Dompteur und Chef

Rauch wird in die Manege gepustet. Er kommt so nah an das Publikum heran, dass man ihn einatmen muss. Aus den Boxen schallen orientalische Klänge, aus dem Nebel tauchen Friesenhengste auf, laufen im Kreis. Mähnen und Staub. In der Mitte steht Zirkusdirektor Reimon Rogall mit Glitzerjäckchen und lässt die Peitsche knallen. Alles geht rasend schnell. Das Publikum zwinkert noch die Sägespäne aus dem Auge, schon läuft die nächste Nummer.

Zwei Stunden Show täglich, sechs Tage die Woche: Familie Rogall tingelte in diesem Jahr durch 30 deutsche Städte, Endstation Berlin. Wohnwagen und Zirkuszelt stehen nun auf einem Platz im Süden der Hauptstadt nahe einer Autobahnbrücke. Daneben ein Lidl, drumherum Plattenbau. Reimon Rogall sitzt im Crew-Wagen an einem Tisch, über ihm hängt ein Plastik-Jesus. Seine Kinder haben sich brav neben ihm aufgereiht, Frau Angela macht den Abwasch. Sie lächelt zustimmend zu ihrem Mann herüber, der sagt: „Ich bin der Chef über allem. Was ich will, ist Gesetz.“ Ist die ganze Familie zusammen, spricht er – und antwortet auch für die anderen. Der Familienschoßhund sitzt auf der Fußmatte und gähnt.

Den Circus Rogall gibt es seit 1977. Reimon hat ihn von seinen Eltern übernommen, die jetzt aus Bilderrahmen mit schwarzen Trauerbändern schauen. Angela und Reimon sind beide in Zirkusfamilien aufgewachsen, hier haben sie alles gelernt, was sie heute brauchen, eine andere Ausbildung haben sie nicht. Seit 18 Jahren sind sie ein Paar – ihr halbes Leben lang. Die beiden Söhne Georgio und Filano sind zehn und acht, Tochter Celine ist 15. „Wir sind stinknormale Leute“, sagt Angela Rogall, „auch wenn wir im Zirkus leben. Aber ich wollte nie etwas anderes. Hier habe ich mein Leben, meine Tiere.“

Jeder in der Familie hat seine Pflichten: Aufbau, Abbau, Tiere versorgen, Haushalt, Nummern einstudieren. Angela und Reimon treten mit Pferden und Hunden auf, die Jungs machen Handstand auf Papa. Celines Akrobatiknummern sind wichtiger Bestandteil der Show. Sechs Mal pro Woche schwebt sie acht Meter über dem Boden. An robusten Stofftüchern, die von der Decke hängen, zieht sich Celine hoch wie ein Äffchen, das einen Baum hinaufjagt. Kein Wunder, dass sie so muskulöse Oberarme hat und den Körper einer Spitzensportlerin. In der Manege trägt sie Hotpants und einen Glitzerbody – mit ihren 15 Jahren ist sie schon die Sensation der Show. In die Tücher wickelt sie sich ein und wieder aus, lässt sich ein paar Meter herabfallen, klettert wieder nach oben. Kopfüber macht sie Spagat. Sie trainiert, seit sie fünf Jahre alt ist, manchmal mit einem Privatlehrer, einem ehemaligen DDR-Staatsartisten. „Einmal beim Internationalen Zirkusfestival von Monte Carlo als Akrobatin aufzutreten, das ist mein größter Traum“, sagt sie.

Genau wie ihre Eltern möchte sie beim Zirkus bleiben und nicht in einen „Privathaushalt“ wechseln, wie sie es nennt. In eine Schule geht Celine nicht, sie lernt via Webcam in einem virtuellen Klassenraum der „Schule für Circuskinder NRW“. Jeden Monat bekommt sie ein Paket mit Unterrichtsmaterialien zugeschickt, sitzt von acht bis zwölf Uhr vor ihrem Computer. „Keiner kann meinen Kindern etwas übel nachreden, sie werden alle anständige Schulabschlüsse machen“, sagt der Vater. In einer normalen Schule geht es den Eltern zu wild zu. „Wir stehen ja nicht immer in den feinsten Gegenden. Da fliegen schon mal Stühle durch die Klassenräume.“ Auch die Söhne sollen in die Fernlernschule gehen, wenn sie aus dem Grundschulalter raus sind. In diesem Jahr haben sie über 20 verschiedene Schulen besucht.

„Wir sind viel unterwegs, haben aber ein geordnetes Leben“, sagt Rogall. „Und wir stehen immer hinter unseren Kindern, genauso wie es meine Eltern bei mir gemacht haben.“ Er legt großen Wert auf Regeln. Die Kinder werden streng erzogen, alle sind evangelisch getauft. Wenn Kinder vor ihren Eltern rauchen oder Alkohol trinken, hält er das für respektlos. Celine darf keinen Freund haben, bis sie volljährig ist, bei den Söhnen ist es ihm egal. Es sind eben Jungs, sagt ihr Vater. Vielleicht hält Rogall die Tradition aufrecht, weil in der Familie alles stabil bleiben muss, wenn schon Haus und Unternehmen ständig den Standort wechseln – und das Geschäft ist hart. 450 Zirkusse gibt es allein in Deutschland. In jeder neuen Stadt werfen die Rogalls deshalb Tausende Flyer in Briefkästen, legen sie stapelweise in Geschäfte. „Zirkus ist immer ein Kampf“, sagt Rogall, und seine Frau fügt hinzu: „Früher, so vor zehn Jahren, hat man gesagt, es sind keine 100 Leute da, es macht keinen Spaß.“ Heute waren nur etwa 60 Zuschauer da. Und das an einem Sonntag.

Um den Besuchern immer etwas Neues zu bieten, bucht ein Zirkus Artisten dazu, manchmal mit Tieren. Die Hauptattraktion ist in diesem Jahr eine Seelöwenshow. „Bonny und Boris“ robben während der Show in die Manege, balancieren Bälle, geben Küsschen. Hinter dem Zirkuszelt haben sie ein Planschbecken mit 90 000 Litern Wasser. Daneben sind die Ställe aufgebaut, in denen Hunde, Lamas, Pferde und riesige, zottelige Schottlandrinder stehen. Aus einem Strohhaufen wühlt sich eine Schweineschnauze, und es gibt ein 18 Jahre altes Schaf, das seine Lebenserwartung längst überschritten hat – für die Familie der Beweis dafür, dass Zirkustiere älter werden als jene, die anders leben.

Rogall wartet vor dem Wohnwagen seiner Tochter, die Netzstrumpfhose und Minikleid gegen einen Jogginganzug wechselt. „Wir haben keine Zeit, Fräulein“, sagt er mit Zirkusdirektorenstimme und zieht dabei die Augenbrauen so weit zusammen, dass sie ein „V“ bilden. Es gibt immer Arbeit in einem Zirkus. Rogall macht sich keine Sorgen, dass seine Kinder zu wenig Freizeit haben könnten: „Was machen 15-Jährige denn sonst? Vor dem Computer und dem Smartphone herumhängen! Und welches Mädchen hat schon einen Stall voller Pferde?“

In Celines Zimmer fliegen grelle Bühnenoutfits durcheinander, es gibt eine Sitzecke, ein Bett. Überall stehen Fotos von der Familie: Celine und ihre Brüder, Celine als Baby mit ihren Eltern. Poster von Stars gibt es keine. Im Zirkus aufzuwachsen bedeutet, in einer Welt zu leben, in der man unter sich bleibt. Celine hat kaum Kontakt zur Außenwelt. Viele ihrer Freunde sind andere Zirkuskinder oder Cousins und Cousinen, die ebenfalls in Zirkussen aufwachsen – ihr Vater hat sieben Geschwister, die meisten von ihnen sind auch Schausteller.

Nach der Show hat sich auch Angela umgezogen; was bleibt, ist der blaue Lidschatten. Sie muss jetzt zu den Tieren. Füttern, Ställe ausmisten, dann wieder Haushalt. Zwei Mal bereitet sie Abendbrot zu, einmal für die Kinder, dann ein spätes für sich und ihren Mann. In Nächten, in denen sie die Stadt wechseln, schlafen die beiden nur zwei Stunden. Ein einfaches Leben. Trotzdem sagt Angela: „Wir sehen und erleben mehr als andere.“ Außerdem gibt es keine Alternative. „Zirkusse gibt es seit mehr als 300 Jahren, und es wird sie auch noch in 300 Jahren geben“, beschwört ihr Mann. Damit das wahr wird, geht es für die Familie auch am nächsten Tag so weiter. Mit Disziplin und harter Arbeit. Wie eine endlose Nummer, aus der man nicht mehr rauskommt – schon deshalb, weil am Morgen um vier Uhr früh bereits der erste Esel nach Hafer schreit.

Wer hier schreibt:

Jana Felgenhauer

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Privathaushalt? Langweilig! – Wie es ist im Zirkus Zuhause zu sein

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