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Räumlich getrennt Zwei Wohnungen, ein Paar

Räumlich getrennt: Ein älteres Paar steht Hand in Hand auf einer Wohnanlage
© LightField Studios / Shutterstock
Als alle Kinder aus dem Haus sind, trennen Sabine und Bert Mehne sich – rein räumlich. Ihre zwei Wohnungen zeigen, wie nahe die beiden sich sind.

Freiraum finden

Wenn Sabine Mehne über ihre Wohnsituation spricht, verwendet sie gern ein Bild aus der Tierwelt: "Wenn Hühner zu eng aufeinandersitzen, können sie auch aggressiv werden, sie leben glücklicher, wenn man sie trennt." Mit ihrem Mann Bert hat sie sich, als die drei Kinder vor einigen Jahren alle aus dem Eigenheim im Grünen ausgezogen waren, für eine neue, ungewöhnliche Wohnform entschieden: Beide sind weiterhin ein Paar, aber sie leben in getrennten Wohnungen, die aneinander angrenzen, verbunden durch eine einzige Tür.

Ihre Neubauwohnungen in Darmstadt-Kranichstein sind hell, luftig und barrierefrei – und bis auf kleine Details nahezu baugleich. An den dominierenden Farben und den Möbeln aber erkennt man, welche unterschiedlichen Vorlieben sich die beiden auch nach mehr als 45 gemeinsamen Jahren bewahrt haben: Über ihrem Sofa leuchtet eine goldene Sonne, auch sonst prägen warme Gelbtöne das Bild, er liebt es sachlich anthrazitfarben, mit einer roten Küchenwand als knalligem Tupfer. "Als wir vor sieben Jahren beschlossen, aus unserem Haus in getrennte Wohnungen zu ziehen, dachten viele unserer Freunde: Das ist eine verkappte Trennung", erzählt die 64-jährige Sabine. "Dabei haben wir mit dem Umzug nur auf eine völlig neue Lebenssituation reagiert." Nach 27 Jahren im Familienheim saßen die gelernte Physiotherapeutin und der Architekt plötzlich alleine im viel zu großen Haus, jede Menge Platz in den Räumen und im täglichen Leben. Und die Frage: Was wollen wir denn?

Eine Feuerschutztür trennt die beiden Bereiche, und sie ist nicht nur die räumliche Grenze zwischen den beiden Wohnungen, sondern auch ein Bild für die Beziehung der Mehnes: Wenn es brenzlig wird und einer genervt vom anderen ist, kann sie oder er die Tür schließen und sich zurückziehen – ohne das begründen zu müssen, ohne dass der andere sich davon gekränkt fühlt.

Eine Lösung für die Zukunft

Dieses Bedürfnis nach Auszeiten und bewusstem Alleinsein ist Sabine Mehne von einer Krankheit geblieben, an der sie vor 27 Jahren fast gestorben wäre: "Diese Krebserkrankung hat mich sehr verändert, ich sehnte mich oft nach Stille." Dazu kam die ganz praktische Erkenntnis, dass ihr bisheriges Haus nicht fürs Altsein gebaut war: "Ich musste damals manchmal die Treppen hochkrabbeln, weil ich keine Kraft mehr hatte – unser Haus war ganz offen gebaut, mit acht verschiedenen Ebenen." Als sie wieder gesund war, blieb ihr die Erkenntnis: Wenn ihr acht Jahre älterer Mann einmal auf ihre Pflege angewiesen sein sollte, könnte sie ihm hier nicht helfen. "Ich bräuchte dann auch einen geschützten, eigenen Raum für mich, um das auszuhalten. Wir wollen zusammen alt werden, aber dafür brauchen wir auch einen geeigneten Platz."

Das Paar sitzt zusammen auf ihrem Sofa, sie halten sich an der Hand, und Sabine Mehne spricht darüber, wie es sein wird, wenn einer von beiden vor dem anderen gehen muss. Nicht verhalten, nicht gedämpft, sondern glasklar und unverschnörkelt. Ungewohnt klingt das, weil man Menschen darüber sonst nicht reden hört, weil sie dieses Thema lieber aufschieben, solange es nicht unausweichlich ist, sagt Sabine Mehne. "Wenn einer von uns übrig bleibt, kann der andere die Verbindungstür wieder zumauern lassen und die Wohnung vermieten oder verkaufen – und kann selbst in seinem geschützten Raum bleiben. Durch meine Nahtoderfahrung habe ich keine Angst mehr vor dem Tod, deswegen kann ich so offen darüber sprechen."

"In unserer alten Straße lebten mehrere ältere Damen zwischen 80 und 90 Jahren alleine in einem großen Haus, ihre Männer waren vor Jahren gestorben, aber in diesem Alter fängt man nicht noch einmal ein neues Leben an", sagt Bert Mehne. Also beschlossen er und seine Frau, sich für den letzten Abschnitt schon in einem Alter zu rüsten, in dem ein Umzug noch einen Neuanfang bedeuten kann. Ein bewusster Aufbruch, "mit kleinem Gepäck", wie Sabine Mehne sagt: "Wir wollten es nicht unseren Kindern überlassen, einmal dieses ganze Gedöns, was man über die Jahre angesammelt hat, entsorgen zu müssen."

Aufbruch Richtung Zukunft

Also misteten die Mehnes aus, reduzierten ihren Besitz, verschenkten ihre Katzen, die sie als Freigänger nicht mit in die neuen Wohnungen nehmen konnten, wo es nur Balkone gibt. "Natürlich haben wir dabei geheult", sagt Sabine Mehne. "Aber wenn wir alles Alte mitgenommen hätten, wären auch unsere Gedanken in der Vergangenheit hängen geblieben", ergänzt ihr Mann. Und außerdem war da diese Sehnsucht, sie sei hungrig nach etwas Neuem, Eigenem gewesen, als ihre jüngste Tochter auszog, sagt Sabine Mehne: "Ich habe meinen Mann schon mit 19 Jahren kennengelernt und noch nie wirklich alleine in einer eigenen Wohnung gelebt." Ihr eigenes Tempo gehen, ihren Raum haben, ohne Kompromisse.

Spontan griffen sie zu, als sie in der Zeitung von dem Bauprojekt lasen. Ringsherum war damals alles noch Brachland, und die Baupläne in so frühem Stadium, dass sie ihre eigenen Vorstellungen einbringen konnten. Etwa die trennende Feuerschutztür, die man so gut zuknallen kann, wenn man sich doch einmal streitet. Seit sie getrennt wohnen, kommt das allerdings deutlich seltener vor als früher, sagt Sabine Mehne. "Als wir noch in unserem Haus wohnten und mein Mann in Rente ging, haben wir plötzlich so viel Zeit miteinander verbracht wie nie zuvor. Da ist er mir an manchen Tagen auch auf den Wecker gegangen, das war mir zu viel Nähe." Damals hätten beide auch darüber gesprochen, ob sie sich trennen sollten: "Wollen wir bis zum Ende zusammenbleiben? Oder wollen wir uns noch einmal freigeben?"

Nun seien beide deutlich entspannter, weil diese Grundgenervtheit wegfällt, die sich an Alltagskram nährt. Sie lachten viel gemeinsam, und zum ersten Mal könne jeder von ihnen im eigenen Rhythmus leben. Tagsüber steht die trennende Tür meist offen, für die Nacht wird sie geschlossen. Sie geht manchmal schon um acht ins Bett und macht Yoga, wenn der Morgen graut. Er hört bis in die Nacht seine Jazzplatten und schläft aus. "In unserer Familienphase mit den Kindern war das sehr praktisch, weil wir so alle Schichten besetzt hatten", sagt Sabine Mehne. Zahnende Säuglinge und pubertierende Ausgeher, die nachts abgeholt werden mussten, waren rund um die Uhr bestens betreut.

So sind alle zufrieden

Heute kann jeder von ihnen dann zu Mittag essen, wann er Hunger hat: Sabine oft schon um 12, Bert meistens erst um halb zwei. Manchmal kochen sie auch gemeinsam, in ihren beiden Küchen, die eine einzige lange Kochzeile bilden würden, wäre da nicht diese trennende Wand. "Ich habe das Tiefkühlmodul, mein Mann den Backofen und die Mikrowelle. Aber jeder hat sein eigenes Besteck und Geschirr."

"Im Alter noch einmal sagen zu können: Was habe ich noch nicht gelebt? Was will ich eigentlich noch? Das ist natürlich auch ein Luxus", sagt Sabine Mehne. Zwei Wohnungen kosten schlichtweg mehr Geld. Es lohnt sich, glauben beide. Und finden, dass ihr Zusammen-getrennt-Modell nicht nur eine Lösung für den letzten Lebensabschnitt ist, sondern auch perfekt für junge Paare, die nicht sicher sind, ob sie zusammenziehen wollen.

Barbara

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