So machen wir unsere Kinder fit fürs Netz: Expertin gibt Tipps zur Medienerziehung

Kaum ein Thema beschäftigt Eltern so sehr wie der Medienkonsum ihrer Kinder. Was? Warum? Ab wie vielen Jahren? Wie moderne Medienerziehung geht, verrät Expertin Patricia Cammarata. 

Interview von Julia Ballerstädt

Barbara.de: Warum ist Medienerziehung durch die Eltern heute so wichtig? Reicht es nicht, wenn die Kinder den richtigen Umgang in der Schule lernen?

Patricia Cammarata: Wenn die Schule das machen würde, würde das bestimmt reichen. Erfahrungsgemäß macht die Schule das aber nicht, oder wenn, dann meist nur das Allernötigste. Es gibt leider noch kein flächendeckendes Konzept, wie Medienerziehung in der Schule stattfindet und es wird langfristig nötig sein, dass man da als Eltern im Schulterschluss gemeinsam mit den Schulen Medienerziehung macht. Schon allein, weil das Thema Cybermobbing im Klassenchat beispielsweise so groß und wichtig ist, dass die Schulen da auch präventiv aktiv werden müssen.

Aber wachsen unsere Kinder nicht ohnehin in die digitale Welt hinein?

Der Glaube, die Kinder wurschteln sich da selbst ein, die sind ja Digital Natives, ist eine fromme Hoffnung, die aber einen grundlegenden Gedankenfehler hat: Digital Natives haben zwar keine Berührungsängste, sie sind mit den Technologien aufgewachsen und mit ihnen vertraut, aber die Ebene, dahinter zu gucken und sich zu fragen, wie das beispielsweise mit dem Datenschutz aussieht, oder auch: Was sind Fake News? Wie erkenne ich die? Oder was mache ich, wenn mich jemand kontaktiert, den ich nicht kenne? – das sind Dinge, die Kinder sich nicht allein aneignen. Entweder sie haben Glück und es passiert nicht, oder sie lernen es durch schmerzhafte Erfahrungen, wenn wir sie dabei nicht durch Medienerziehung begleiten. 

Resultiert das aber nicht oft aus der Überforderung der Eltern mit der Vielzahl neuer Medien und Formate? Wie können wir den Überblick behalten?

Das Wichtigste ist meiner Meinung nach überhaupt anzuerkennen, dass das kein Scheitern ist, wenn einem das entgleitet. Digitalisierung schreitet eben voran. Da muss man einen Mechanismus finden, wie man halbwegs up to date bleibt. Daher ist es ratsam, möglichst früh mit Medienerziehung anzufangen und nicht erst, wenn die Kinder im Teenageralter sind, weil dann das Feld so unüberschaubar groß ist und man gar nicht so recht einen Einstieg findet. Dann lieber altersgemäß klein anfangen und sich dann anhand der Dinge durchhangeln, die das Kind selbst als Thema mit in die Familie bringt. 

Hast du einen Tipp, wie man sich selbst möglichst unkompliziert auf dem Laufenden halten kann?

Was ich sehr empfehlen kann, ist das Newsletterangebot von beispielsweise der Initiative SCHAU HIN!, Gutes Aufwachsen mit Medien oder den Elternguide Online zu nutzen. Da muss man nicht selbst ständig hinter her sein, sondern die Informationen kommen zu einem – über die man sich dann mit seinem Kind austauschen kann. Kinder erwarten meist übrigens gar nicht, dass man alles weiß, aber dass man den Prozess begleitet und an dem Thema dran bleibt.

Wenn du sagst, man sollte mit Medienerziehung früh anfangen, was genau bedeutet das und ist zu viel Medienkonsum vor allem für die ganz Kleinen nicht schädlich?

Bei kleinen Kindern ist es natürlich nochmal etwas anderes als bei großen Kindern. Es kursiert ja auch die Empfehlung: Nicht mehr als 30 Minuten pro Tag. Wenn man aber recherchiert, gibt es dafür gar keine wissenschaftliche Grundlage. Im Wesentlichen geht es eigentlich viel mehr um die Aufmerksamkeitsspanne, in der ein kleines Kind einen Handlungsbogen mitverfolgen und vor allem verarbeiten kann. Viel wichtiger als die zeitliche Begrenzung ist meiner nach bei jungen Kindern, dass man einen kontrollierbaren Rahmen schafft und den so geschlossen hält, wie es geht: Also beispielsweise fünf Folgen Biene Maja. Und dann wird man feststellen, dass gerade die kleinen Kinder kein vielfältiges Angebot brauchen. Sie lieben Wiederholungen, weil sie dann einen stabilen Erwartungshorizont bilden können und wenn der dann eintritt, weil sie die Folge schon kennen, macht das ein positives Gefühl und hat einen positiven Effekt auf das Selbstbewusstsein. Da ist es dann auch vollkommen okay, wenn das Kind ein-zwei Folgen guckt. Man sollte nur im Blick behalten, wenn das Kind unruhig oder zappelig wird. 

Und wie schätzt du das gerade in der aktuellen Lage ein?

Das Problem, das wir jetzt haben, ist, dass die Kinder körperlich kaum einen Ausgleich haben. Deshalb ist es schon wichtig, ein Portfolio an verschiedenen Tätigkeiten zu haben. Nur eine Sache exzessiv machen, ist nie gesund. Trotzdem kann man gerade in der aktuellen Ausnahmesituation das Ganze auch pragmatisch angehen. Dann ist es auch okay, dass das Kind noch eine Folge Sendung mit der Maus sieht, weil Mama und Papa arbeiten müssen. Aber es ist auch die Aufgabe der Eltern, einen Ausgleich zu schaffen und beispielsweise eine Runde mit dem Fahrrad zu fahren oder spazieren zu gehen. 

Bei uns gibt es jedes Mal Wutanfälle, wenn der Fernseher oder das Tablet ausgemacht werden soll. Kann ich dagegen präventiv etwas tun?

Jein, das ist auch abhängig vom Alter der Kinder. Wenn sie noch sehr klein sind, funktioniert die Impulskontrolle noch nicht so einwandfrei. Wenn die Kinder beim Gucken also in einen Flow-Zustand kommen, weil sie sich gerade freuen etwas gucken zu dürfen, dann klinkt diese Instanz im Hirn ein bisschen aus. Egal, was man vorher vereinbart hat oder nicht. Was helfen kann, ist die Kinder von vornherein einzubeziehen. Denn häufig verhandelt man als Eltern natürlich das, was man selbst möchte. Stattdessen kann man beispielsweise ausmachen, wer ausschaltet und nicht, wie lange geguckt wird. 

Umso größer die Kinder werden, desto näher rückt das Thema Smartphone. Wie behalte ich die Kontrolle über das, was der heranwachsende Teenie im Internet konsumiert und ins Netz stellt?

Ja, das ist schon eine berechtigte Sorge. Wenn das Kind ein eigenes Endgerät hat, ist es auch im Internet. Damit hat es Zugang zu allen Sachen – selbst, wenn man bestimmte Dinge vorher ausschließt. Die Kids sind so fit, die googeln einfach, wie man diese Sperren umgeht und dann dauert das keine 10 Minuten ... Allerdings hängt das Alter, in dem die meisten Kinder ein Smartphone bekommen, oft gar nicht unbedingt mit dem Wunsch des Kindes zusammen, sondern wird meist von den Eltern sogar getriggtert, nämlich dann, wenn das Kind eine weiterführende Schule besucht. Viele Eltern möchten dann sogar, dass ihr Kind ein Smartphone besitzt.

Damit sie ihre Kinder immer erreichen können?

Ja, oft sind beispielsweise die Schulwege länger. Und dann gibt es noch diesen Effekt: Wenn mehr als 50 Prozent der Peergroup im Internet aktiv sind, verschiebt sich auch die gesamte Peergroup-Kommunikation ins Internet. Und ein Kind, dass kein Internet hat, ist abgegrenzt von seinen Freunden. Das ist definitiv ein Punkt, den man als Eltern im Blick haben sollte.

Wie bereite ich mein Kind bestmöglich auf ein Smartphone und einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Internet vor?

Es kommt immer darauf an, wie weit ein Kind schon entwickelt ist und wieviel schon besprochen wurde. Bei manchen Kindern ist das mit zehn der Fall, andere brauchen noch etwas länger. Man sollte vorher auf jeden Fall schon ganz ganz viele Themen besprochen haben. Zum Beispiel über: 

  • Was sind altersgemäße Inhalte?
  • Wie reagierst du, wenn du auf etwas stößt, das du gruselig findest?
  • Wie reagierst du, wenn du irgendwo einen Account hast und dich irgendjemand anspricht?
  • Welches Bildmaterial darfst du auf Instagram überhaupt verwenden? Also auch schon über Bildrechte und das Recht am eigenen Bild sprechen.

Hilfreich sind auch Übergangsphasen. Das heißt, man sagt: "Okay, wir gestatten dir das jetzt, aber wollen am Anfang gern sehen, was du da postest. Und dann sprechen wir über jedes Foto, damit du ein Gefühl dafür bekommst, warum wir an welcher Stelle Bedenken haben." Da kann man auch mit Einwilligung des Kindes immer mal wieder zwischendurch nachhaken und nachfragen: "Hey, was schaust du dir auf YouTube gerade an oder welche Influencer interessieren dich?". Das empfinden die meisten Kinder übrigens auch nicht als Kontrolle, sonder als Interesse und Zuwendung.

Was ist mit WhatsApp, Telegram und Co. Wie gehe ich damit um, wenn mein Kind nur noch am Smartphone hängt?

Da muss man sich leider an allererster Stelle selbst regulieren. Das ist eine pubertäre Entwicklungsaufgabe, in der sich die Kinder weg von den engen Familienbindungen hin zu ihrer Peergroup orientieren. Und das ist nichts, dass das Internet triggert, sondern etwas, das die menschliche Entwicklung mit sich bringt. Früher haben wir als Teenies telefoniert und telefoniert und telefoniert und das machen die Kinder heute eben über Messenger. Ein Stück weit ist das total normal. Wenn es im Übermaß passiert, muss man es ansprechen und vielleicht Zeiten ausmacht, wo man gemeinsam zusammenkommt und das Telefon weggelegt wird. Die Regel sollte dann aber auch für alle gelten. 

Aber wenn ich Angst habe, dass mein Kind smartphonesüchtig ist? Wie erkenne ich den Unterschied zwischen noch normal oder schon ungesund?

Sucht-Definitionen funktionieren ja immer so, dass über einen längeren Zeitraum, also mindestens 12 Monate exzessiver Gebrauch und negative Folgen miteinander einhergehen. Also Vernachlässigung, die dann dazu führt, dass beispielsweise die Körperhygiene nachlässt, dass die Schulpflichten nicht ernstgenommen werden, dass die Noten sich nach unten bewegen. Das sind Signale, die man ernst nehmen muss und wo man sich auch beraten lassen kann. Meist wird aber mit den Suchtbegriffen viel zu schnell um sich geworfen. Denn in der Regel handelt es sich einfach um exzessiven Konsum, der zur Pubertät gehört und der sich dann auch wieder verwächst. Aber es ist für Eltern natürlich eine Gratwanderung. Man sollte da schon aufmerksam drauf gucken und sich informieren, wo die Grenzen sind, ohne es gleich zu pathologisieren. 

 Seit 1997 ist Patricia Cammarata als "dasnuf" im Netz unterwegs. Sie ist Autorin, Speakerin und Podcasterin. Patricia Cammarata hat ein großes Faible für digitale Themen und schreibt unter anderem für den Elternratgeber "SCHAU HIN!", die "Let's talk"-Serie, die Eltern in digitalen Medien fit macht.

Noch mehr hilfreiche Tipps und Tricks zu Kindern und digitalen Medien gibt es in ihrem aktuellen Ratgeber "Dreißig Minuten, dann ist aber Schluss" und außerdem in ihrem Podcast "Nur 30 Minuten".

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