VG-Wort Pixel

Tinderella mit zwei Kindern – Wie geht Onlinedating als Single-Mutti?

Tinderella mit zwei Kindern – Wie geht Onlinedating als Single-Mutti?
© Getty Images
von Andrea Müller

Wer als Mutter über 40 noch mal auf den Partnerschaftsmarkt geworfen wird, fühlt sich manchmal wie Secondhand-Ware. Die Autorin Andrea Müller hat sich trotzdem für uns auf Tinder gewagt und alte Beutemuster über Bord geworfen

Vergessen wir mal eben die Sache mit der Wursttheke. Da hab ich nämlich jahrelang ungeschminkt mit Wollmütze und ausgeleierten Jogginghosen mit potenziellen Mr. Rights über Leberpastete mit oder lieber ohne Trüffeln, Salami mit oder lieber ohne Pfefferrand gesmalltalkt.

Ehe ich das Gespräch von den Trüffeln auf das Singledasein lenken konnte (was im Grunde ja schnell geht), waren die Jungs schon am Weinregal. Oder an der Kasse. Oder die Falschen. Jedenfalls weg. Manchmal hatte ich auch ein Kleid an und war so aufgestylt, dass man wirklich hätte meinen können, ich würde nicht nur zum Einkaufen in den Supermarkt gehen.

Aber mal im Ernst: Nach über vier Jahren als fortgeschrittener Single mit Kindern und einer gescheiterten Ehe sollte man nicht mehr auf den Coup de foudre an der Fleischtheke warten. Der moderne Supermarkt der Liebe ist das Internet.

Der Auftrag der Redaktion passt perfekt in mein Leben: „Hochtindern“ soll ich mich: „Ran an die schicken Kerle“ lautet der Job. Ich vergesse also einfach mal die Männer mit Bauch, Krawatte und grauen Schläfen (die ich im Grunde für angemessen halte). Ich soll jetzt klicken wie ein Kerl. Nicht immer eine Handbreit unterm Kielwasser, so mädchenmäßig „Huch, der ist ja viiiiiel zu sexy für mich“.

Also: zehn Jahre jünger, Sixpack, gepierct oder tätowiert, Italiener oder Franzose, Rettungssanitäter, Yachtclub-Mitglied oder Harley-Fahrer. Und eben auch die Leonardo DiCaprios unter den Tinderellos. Warum nicht! Die Rüdigers aus Pinneberg mit Schnauzer und Blaumann klicken ja auch nicht unter Scarlett Johansson.

In 20 Jahren wird sich kein Paar mehr in einer Bar kennenlernen

Noch bis vor Kurzem hätte ich niemals einen Mann bei Tinder gedated. Obwohl mein Freundeskreis zahlreiche glückliche Internet-Paarungen vorweist. Jahrelang beharrte ich auf Woody Allens Regel, niemals einem Club beizutreten, der Leute wie mich als Mitglieder akzeptieren würde.

Online-Lieben waren früher für mich auf einer Stufe mit Kontaktanzeigen. Ich werde nie vergessen, wie mein Vater sich vor 25 Jahren über einen Zahnarzt aus Stuttgart lustig machte, der eine Heiratsannonce geschaltet hatte. Der müsse wohl schielen und einen Buckel haben, sagte mein Vater und ließ mich dort anrufen, quasi als Telefonstreich. Das war nicht fair und hat mein Karma irgendwie vergiftet.

In 20 Jahren wird sich kein Paar mehr in einer Bar kennenlernen. Weil das Risiko, einen Korb oder einen Deppen zu erwischen, einfach zu groß ist. „Tinder“ komprimiert Erfahrungen, für die ich offline die zehnfache Zeit gebraucht hätte. Und öffnet mir einen neuen Markt.

Ich stelle das gewünschte Alter (35 bis 55) ein, Entfernung und Geschlecht, und zack, öffnet sich ein Katalog voller Männergesichter auf meinem iPhone. Es ist wie Barbie-World. Und geht zu wie in der Bar: reingehen, scannen, urteilen. Klick, klick, klick. Der erste Blick entscheidet.

"Mittags Match, abends Sex"

Anders als bei anderen Partnerportalen gibt’s hier keine Matching-Algorithmen. Und ich will auch nicht wissen, ob einer nachts schnarcht oder Serien guckt, ehe ich ihm nicht zumindest einmal in die Augen geschaut habe. Ich glaube an Chemie. Der Rest findet sich: Liebe fürs Leben, Seitensprung, Urlaubsbegleitung. Aber auch der Tinder-Klassiker: mittags Match, abends Sex. Nach drei, vier Sätzen hin und her weiß man, ob man sich treffen will.

Oder lieber nicht.

Ich habe ein Match mit Olivier, 45, aus Marseille. Er ist sexy auf dem Displayfoto, Franzose, Ingenieur bei Airbus. Ich stehe auf Franzosen. Bis ich weiterlese: Für drei Nächte ist er in der Stadt. Das ist also die Beziehungsdauer, die er anbietet: einen Three-Night-Stand im Park Hyatt!

Wieso ordert er sich eigentlich nicht gleich eine Nutte, anstatt unmoralische Angebote durch den Äther zu jagen, während seine Ehefrau auf der anderen Seite Europas glaubt, Papi sei brav auf Dienstreise? Andererseits: Was spricht gegen eine heiße Nacht mit einem Fremden im Hotel? Schließlich bin ich Single und kann machen, was ich will. Andererseits: die Option, dass mich morgen jemand in Einzelteilen in der Gerichtsmedizin aus blauen Säcken packt. Oder ist es einfach nur die Angst vor der Erfüllung eines erotischen Traums, für den ich zu katholisch bin?

Ich wollte trotzdem wissen, ob Olivier ein Mädchen für drei Nächte gefunden hat. Hat er nicht. Zumindest hat er versucht, mir die verbleibende Nacht mit ihm schmackhaft zu machen. Die Nutzen-Kosten-Analyse fiel gegen ein Ja aus.

Der kürzeste Zungenkuss der Welt

Mit Markus, 52, einem Architekten mit Halbglatze, hab ich mich drei-, viermal getroffen. Wir haben nett gechattet, er hat mich immer brav nach Hause gebracht. Dass er als Grieche die Griechenlandkrise nicht erklären konnte und einmal die 12 Euro für die Kinokarte zurückwollte, habe ich irgendwie verdrängt. Ich wollte ihn einfach toll finden. Nur seine plötzlichen Zungenattacken waren mir ein Rätsel. Immer im Vorbeigehen drückte er mir wie ein Frosch, der mit der Zunge eine Fliege schnappt, das Teil in den Hals. Eine Zehntelsekunde lang. Wie beim Wettknutschen um den kürzesten Zungenkuss der Welt. Um dann rasend schnell wieder aufzuhören. Das war fast ein bisschen wie anspucken. Ich dachte, was, wenn der das mit allen Sachen so macht?

Das Grundproblem bei der Wahl neuer Männer ist, egal ob für die kurz- oder langfristige Planung: Man wird umgekehrt proportional zur eigenen schwindenden Attraktivität immer anspruchsvoller, anstatt Kompromisse einzugehen. Ich sag’s jetzt mal so: Einen Scheiß mach ich! Natürlich weiß ich vor allem, was ich nicht will. Und das ist leider das meiste: Ich will keinen Fremdgeher, keinen Langweiler, keinen Korinthenkacker, keinen Pleitegeier, keinen Kinderhasser, keinen Besserwisser, keinen Juristen und bitte auch keinen Polizisten. Keinen, der klettet, und keinen, der bemuttert werden will (mir reichen zwei Söhne). Ich will keine Hemden mehr bügeln und keine Stinkesocken mehr waschen und mich nie wieder rechtfertigen, warum meine Steuererklärung noch nicht fertig ist. Um nur einen Bruchteil der Liste zu benennen. Eigentlich ganz einfach. Und irgendwo da draußen muss ja mal was sein, ein Körnchen im Sand, ein Funke, der das Feuer entflammt.

„Bambini? Due? Dio! Noooo!“

Luciano, 34, den kellnernden Maler (oder malenden Kellner) weise ich noch mal explizit darauf hin, obwohl mein Alter da steht, dass ich über zehn Jahre älter und wohl eine Art Mrs. Robinson für ihn sein müsste. Er weiß nicht, wer Mrs. Robinson ist, sagt aber, Liebe kenne kein Alter, und will mich beim Italiener treffen.

Ehe ich das Lokal betrete, schaue ich mich um. Lauert sein Kumpel hinter der Hecke, blitzt mich mit dem Handy ab, um Luciano per WhatsApp vorzuwarnen? Damit er noch schnell verschwinden kann? Als er mich erkennt, muss ich unwillkürlich daran denken, wie mir meine Eltern früher einmal in die Disco gefolgt sind (da waren sie so alt wie ich jetzt) und ein Kumpel zu ihnen sagte: „Gräber tun sich auf.“

Tatsächlich ist Luciano reizend und höflich. In sexy Italienisch witzelt er über die Speisekarte. Mal abgesehen von dem Silberbären auf seinem Brusthaartoupet (der Witz zog übrigens nicht) fand ich ihn attraktiv. Sein Gesicht klassisch italienisch, gebogene Nase, weiche Lippen, dunkle Augen, welliges Haar. Hauptberuflich sei er Künstler. Und um sich die Bordmittel zu besorgen, bis er später mal reich und berühmt sei, kellnere er jetzt eben ein bisschen. Wahrscheinlich malt er – aber nur ein bisschen, um sich davon abzulenken, dass er Pizzabäcker und nicht Michelangelo ist. „Bambini? Due? Dio! Noooo!“, brüllt er plötzlich, als hätte ich gesagt, dass ich sechs Kinder hätte. Mamma Mia!

Draußen vor der Tür versucht Luciano trotzdem, mich zu küssen, ich küsse ihn nicht zurück. Geh nach Hause, denk ich, und bin ein bisschen traurig. Über mich selbst. Und frage mich: Wie weit weg von mir selbst ist abseits vom Beuteschema?

Er hat genaue „Kopulationszeiten“ im Kopf

In den nächsten Tagen ertappe ich mich ein paar Mal als geheime Rächerin der Frauen. Klicke Profile an, um im richtigen Moment den Giftpfeil loszujagen. Wie bei Joachim aus Düsseldorf. Er sei in festen Händen, und das würde sich auch nicht ändern. Ich will trotzdem wissen, wie er sich unsere Affäre Düsseldorf-Hamburg so vorstellt. Er hat genaue „Kopulationszeiten“ im Kopf, inklusive Rückflüge in seine Heimatstadt, die er dienstags und donnerstags noch erwischen muss, damit seine Frau ihm nicht auf die Schliche kommt. Ich hab dann, vielleicht übertrieben pointiert, abgelehnt. Er hat mich gelöscht, nachdem er zum Abschied noch „Bitch“ mit drei Ausrufezeichen schrieb.

Eine Freundin, auch Mutter über 40 und als „Krankenschwester“ übrigens auf der Berufs-Beliebtheitsskala auf Platz eins bei den Männern, schießt den Vogel ab mit skurrilen Angeboten von Online-Dates. Neulich bekam sie eine SMS von einem Bauingenieur: Er sei im Krankenhaus nach einer Hoden-OP. Nun wollte er mithilfe von Telefonsex überprüfen, ob sein Geschlechtsteil noch funktioniert. Ob sie ihn mal eben anrufen könne. Schließlich sei sie doch Krankenschwester! Eine weitere Akquise fragte sie beim ersten Telefonat, ob sie ihr Kind auch gestillt habe. So meinte er sie unauffällig nach ihrer Körbchengröße zu fragen, denn Frauen mit kleinen Brüsten kamen für ihn nicht in die Tüte. Ein anderer schickte ihr eine Kostenaufstellung inklusive „Bettbezugspauschale“, nachdem sie die Affäre mit ihm beendet hatte. Wenn ich so was höre, muss ich sagen: Da habe ich wohl Glück gehabt.

Zum Schluss sogar wirklich: Ich saß mit meinem Tinder-Date, 44, aus der Nachbarschaft beim Dinner. Die App hatte mir angezeigt, dass er nur sechs Kilometer entfernt wohnt. Er war eloquent, formvollendet und hat das (teure) Essen bezahlt. Wir kannten uns vom Sehen und haben eine Weile überlegt, woher. Dann ist es uns eingefallen. Kassenschlange, Edeka. Natürlich habe ich ihn damals nicht angelächelt unter dem grellen „Anti-Beauty-Licht“. Natürlich hat er gesehen, dass mein Einkaufskorb voller Chicken Nuggets und Kinder Pinguis war. Hätte ja jede Sekunde mein Ehemann mit den Kids um die Ecke kommen können. Niemals, sagt er, nie, nie, nie hätte er mich angesprochen.

Diese Info hat mir den Abend gerettet.


Mehr zum Thema