Trotzphase und Pubertät? Pillepalle! Die Königsdisziplin sind erwachsene Kinder

Unsere Autorin hat eine Nachricht an alle Eltern, die denken, die Kleinen seien irgendwann aus dem Gröbsten raus: "Sind sie nie. Die größte Challenge kommt erst lange nach der Pubertät." Sie weiß das ziemlich genau, denn sie hat vier erwachsene Kinder. 

Ich stellte es früh fest: Erziehung ist schwieriger als gedacht. Wenn sich meine Kinder mit Zwei schreiend und tobend auf den Boden warfen, weil sie lieber ein Sommerkleidchen anziehen wollten als Schneeanzüge oder wenn sie im Edeka mal wieder zu wahren Schreimonstern mutierten, weil nicht die gewünschte Schoki im Wagen landete, dann hat das Nerven gekostet und viel Geduld. Doch mit der Zeit eignete ich mir einige Taktiken an, mit denen es mal besser, mal schlechter gelang, die kleinen Monster zu zähmen. Schließlich gab es genügend Ratgeber für diese heiße Phase. Und das allerschönste war, man wusste: es gehörte zu einer normalen Entwicklung – schließlich möchte man ja selbstbewusste Kinder – und ES GEHT VORÜBER.

Die Pubertät ist ein Klacks, oder?

Genau das gleiche gilt für die Pubertät. Egal, wie verrückt es zugeht: Alles völlig normal! Und trotzdem steht man immer wieder vor einer Welt, die man nicht so ganz versteht. Keifende Teenies, zugeknöpfte Jungs, das kann einen schon mal in den Wahnsinn treiben. Nein, da steht man nicht immer darüber, und wenn man noch so gut weiß, warum das alles geschieht. Am schlimmsten fand ich die endlosen Diskussionen – die Logik oft nicht nachvollziehbar. Aber es ist wahr: Es geht vorbei.

Plötzlich erwachsen

Und dann waren sie plötzlich erwachsen. Man merkt das daran, dass man mit Mädchen wieder shoppen gehen kann, ohne dass sie dauernd peinlich berührt mit den Augen rollen. Bei den Jungs ist es schwieriger zu erkennen. Sie sprechen vielleicht ein bisschen mehr. Wie auch immer: Alles gelungen, dachte ich, und klopfte mir innerlich auf die Schulter. Alle Vier hatten einen Beruf gefunden, der zu ihnen passt und mein Erziehungsziel schien erreicht: ich hatte selbstständige, selbstbewusste Menschen erzogen, die wussten, was sie wollten und einigermaßen glücklich und zufrieden waren. Jetzt kannst du aufatmen, dachte ich, ein langes und herausforderndes Kapitel deines Lebens ist abgeschlossen! Nun.... das DACHTE ich.

Hilfe, die Kinder bekommen Kinder

10 Jahre später: Die Kinder kommen zu Besuch. Mit dabei: Ihre Partner und unsere wunderbaren Enkelkinder. Und ich habe ein Déj'à-Vu, nur in zehnfacher Ausführung. Plötzlich blockieren wieder Schuhe, Taschen, Schals und Mützen den Eingang. Eine Menge Schuhe und Taschen... Mein entsetzter Schrei, „Wie sieht es hier denn aus?“entlockt den Vieren maximal ein nostalgisches Lächeln. Was die Tischmanieren angeht, da waren wir immer ziemlich streng. Und es ist nicht wirklich einfach, das eine Generation später komplett loszulassen. Unser Enkelkind verschmiert herzlich gerne den Schokopudding nicht nur im Gesicht und auf Händen, sondern schnell auch mal beim Aufstehen über die umstehenden Polsterstühle. Eigentlich versuche ich mich aus der Erziehung herauszuhalten, aber es gibt Grenzen. "Sollte man nicht doch mal Hände waschen gehen?", wage ich einzuwerfen. Und schon ist sie wieder da, die Diskussion über Tischmanieren und Kindererziehung. Schließlich mit dem Hinweis: "Ich bin die Mutter." Mein: "Ich bin die Besitzerin der Polsterstühle" geht irgendwie unter.

Bin ich echt senil?

Schlimmer noch ist es, wenn ein Rollentausch beginnt. Ich frage mich manchmal, ob ich mit 70 Jahren langsam senil werde und man uns erziehen müsste. „Euer Wohnzimmer müsstet ihr mal völlig umgestalten, euer alter Kieferschrank ist ein Verbrechen für die Menschheit und wann schmeißt Papa endlich mal die alten Computer weg?“. Ich atme tief durch, und denke: Lasst uns mal in Ruhe und kümmert euch um euer eigenes Chaos. Gut, seien wir ehrlich: Ich sage es. Und zwar genau so, was Auslöser einer größeren Diskussion über unseren Haushalt und unseren Tonfall wird. War das nicht mal andersrum? Verrückt!

Wir machen Urlaub wie wir wollen

Und dann die Diskussionen um den Urlaub. Freudig erzählte ich neulich meiner Tochter, dass wir im Juni wieder nach Spanien fahren. „Aber doch nicht wieder an den gleichen Ort wie die letzten fünf Jahre?“, fragte meine Tochter voller Entsetzen. Und ich atmete wieder. So ein Geburtsvorbereitungskurs hilft echt jahrzehntelang... Aber Hand aufs Herz: Warum muss ich mich dafür rechtfertigen, dass wir gerne an einen Ort fahren, den wir lieben, der uns gut tut? Auch wir sind erwachsen! Trotzdem, an guten Ratschlägen mangelt es uns nicht, seit unsere Kinder sich selbst für erwachsen und uns für etwas senil halten. “Papa könnte doch endlich auch mal das Klo putzten“, war neulich die Ansage. Oder: "Wollt ihr nicht mal umziehen, euch verkleinern?" Nun, verkleinern muss man sich nach so einer Frage nicht mehr. Man fühlt sich dann nämlich klein genug. 

Und doch ist es schön...

Und trotzdem: Ich bin eine stolze und glückliche Mama. Selbst als die Kinder in der Pubertät waren, war das irgendwie eine schöne Zeit. Ich durfte nochmal bei einer ersten Liebe dabei sein, habe gemerkt, dass sie mir vertrauen und dass sie mich an ihren Abgründen teilhaben ließen, habe ich als Kompliment gesehen. Jetzt ist es irgendwie ähnlich. Bestimmt gibt es Eltern, die sich all diesen Mist nicht anhören müssen. Aber zu welchem Preis? Egal wie nervig ich sie manchmal finde: Diese Kinder sind und fühlen sich hier offenbar zuhause. Das sagen sie mit Taschen, mit Puddingflecken und mit Einrichtungsvorschlägen. Das ist zwar manchmal hart, aber auch ehrlich von ihnen. Ob ich es mir immer bieten lasse, steht auf einem anderen Blatt. Aber ich verstehe, dass sie uns lieben und uns Gutes wollen. Und sie werden sich immer um uns kümmern, wenn wir wirklich mal senil sind. Das ist wichtiger als jeder Polsterstuhl.

So in zwanzig Jahren, wenn ihre eigenen Kinder dann zu Besuch kommen und ihre wahnsinnig hippe Einrichtung antiquiert finden, wird es ihnen sowieso leidtun. Aber da müssen sie dann durch. So ist es, das Leben mit Kindern. Selbst wenn sie schon lange erwachsen sind.