Uncool, aber glücklich – Warum ich meinen Kindern kein Stadtleben zumute

Unsere Autorin ist eigentlich ein Stadtmensch. Für ihre Kinder ist sie trotzdem aufs Land gezogen. Die Stadt hält sie für keinen guten Ort zum Wachsen und Entdecken.

"Guck mal, Mama!" Mein Zweijähriger hält mir stolz einen Kronkorken in der einen Hand, einen Zigarettenstummel in der anderen Hand entgegen. Ich knie mich zu ihm herunter und nehme ihm möglichst behutsam seine Schätze weg. "Das darfst du nicht anfassen!", erkläre ich ihm, putze seine Hände mit Sagrotantüchern ab und schaue mich suchend nach anderen Schätzen um. Im Angebot hier in der Innenstadt: eine leere Caprisonne, ein verdreckter Handschuh, ein Taubenschiss und ein Urinfleck. Na Prost! "Komm!", sage ich, nehme ihn lieber auf den Arm, ehe er den Stummel zurückerobern kann und gehe mit meinem schreienden und strampelnden Rebellen über die Straße. Links und rechts rauschen Autos an uns vorbei. Mein Arm tut mir weh und mein Kind tut mir leid.

Ich liebte diese Stadt mal

Es sind Momente wie diese, in denen ich froh bin, nur noch Stadttourist zu sein. Früher habe ich hier alles mal geliebt. Den Geruch von heißem Asphalt, das bunte Treiben, die Geräusche, die Cafés, die vielen Möglichkeiten, die geschichtsträchtigen Fassaden. Als mein Freund und ich uns entschieden, aufs Land zu ziehen, hat mich das wirklich angestrengt. Ich sah mich schon mit Gummistiefeln und Klamotten aus dem hinterletzten Jahrhundert Kuhdungluft einatmend in gähnender Langeweile versinken. Oh Mann. Die Stadt zu verlassen, war ein harter Schritt. Doch ich habe ihn nie bereut. An Kuhdung gewöhnt man sich schnell und in Langeweile versinke ich ganz bestimmt nicht.

Auf dem Land zu leben, fühlt sich uncool an

Wenn ich meinen Freunden von früher von meinem neuen Zuhause erzähle, sehe ich das Mitleid in ihren Gesichtern. "Neubaugebiet, soso. Heute Abend noch den Rasen mähen? Oha. Und die Bahnen fahren abends nur alle Stunde raus zu dir? Verstehe." Ganz kurz kommt dann bei mir der Impuls auf, mich zu rechtfertigen für mein uncooles Leben da draußen. Aber nur kurz. Denn dann erzähle ich, dass die Kinder im Garten buddeln, während ich Essen mache, dass ich hier einen Vierjährigen alleine zum Bäcker schicken kann und dass Fahrradfahren mit Kindern hier keine Nahtoderfahrung ist, sondern Spaß bringt. Und zack, vergeht ihnen das Mitleid. Jede Medaille hat zwei Seiten. So ist es doch immer.

Warum ich meinen Kindern erst die Natur zeigen möchte

Ich weiß, dass ich damit vielen auf den Schlips trete, aber was den idealen Lebensraum für Kinder angeht, habe ich eine klare Haltung. Ich glaube nicht an den pädagogischen Wert des mondänen Stadtlebens, auch wenn Hipstereltern das gerne mit supergesunden Bio-Klamotten und knarzenden Holzdielen in jahrhundertealten Altbauten auszugleichen versuchen. Als wenn das das Knarzen eines echten Baumes ersetzen würde... Dabei verurteile ich mitnichten den Lifestyle an sich. Mich stört nur der ungebrochene Glaube, das, und nur das, sei das Nonplusultra! Für mich und meine Familie ist das Nonplusultra eben etwas anderes. Ich möchte, dass meine Kinder wissen, dass Äpfel nicht im Supermarktregal, sondern auf Bäumen wachsen. Dass Tiere im Normalfall frei leben und nicht nur in Zoos hinter Gittern. Ich möchte, dass sie ihren Lebensraum entdecken können, ohne dass ich ständig dabei sein muss und sie sollen ihre Schätze behalten dürfen. Das geht mit Tannenzapfen, einem weichen Stück Moos, einem Schneckenhaus und einem Tautropfen. Das geht nicht mit Kronkorken und Zigarettenstummeln.

Ein bisschen Ruhe tut allen gut

Natürlich will ich niemandem vorschreiben, wohin er zieht. Das muss jeder selbst entscheiden und manchmal hat man ja auch gar keine Wahl. Aber an all die Menschen, die nur das Leben in der Großstadt für lebenswert halten: Ich verstehe, was ihr daran liebt. Ich verstehe auch, dass ihr eure Nachmittage gerne in Parks und auf abgezäunten Spielplätzen verbringt. Tut es. Seid glücklich damit. Ich war es auch. Es gibt nur Eines, was ich euch gerne sagen möchte: Spart euch euer arrogantes Mitleid mit dem armen Dorfpöbel. Wir sind nicht uncool, nur weil wir unseren Kindern und uns etwas Ruhe wünschen. Und das Wort "Dorfmutti" muss man nicht mit angewidert gekräuselten Lippen aussprechen. Lasst uns doch einfach voneinander profitieren. Wenn ihr mal Ruhe braucht, könnt ihr gerne vorbeikommen. Vielleicht riecht es nach Kuhdung. Und ja, die Fahrt ist lang. Aber nicht nur Kinder entdecken hier Schätze, die sie behalten dürfen. Dafür kommen wir gern vorbei, wenn wir Sehnsucht nach früher haben. Nach dem Geruch von heißem Asphalt, dem bunten Treiben, den Geräuschen, den Cafés, den vielen Möglichkeiten und nach euch.