#perfectmom – Vergebt mir meine Arroganz beim ersten Kind

Na, auch eine Übermutter gewesen, bis das zweite Kind kam und dich Demut lehrte? Unsere Autorin hätte beinahe Erziehungsratgeber geschrieben, bis ihr jüngstes Kind geboren wurde und sie doch lieber wieder welche kaufte. 

von Marie Stadler

Lasst uns ehrlich sein – ich war eine Bestie, bis mein jüngster Sohn geboren wurde. Eine Besserwisser-Mutter vor dem Herren, eine selbsternannte Erziehungsexpertin, ein selfmade-Guru... zumindest in meinem Kopf. Meist behielt ich das zum Glück für mich, manchmal leider nicht. Wie ich darauf kam, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben? Ich hatte einfach eine sehr gut geratene Tochter. Ich dachte, sie sei das Resultat unserer – ok, vor allem meiner – Erziehungskünste. Die Wahrheit ist: Dieses Mädchen ist halt einfach so. Sie ist wissbegierig, sozial, ehrgeizig, liebt Brokkoli, Mathe-Hausaufgaben und hat schon mit 4 Jahren heimlich alleine den Frühstückstisch gedeckt, um uns zu überraschen. Klingt unwahrscheinlich? Ist aber so. Doch mittlerweile weiß ich: So wäre sie vermutlich auch, wenn sie sich komplett selbst erzogen hätte. Oder, um es ein bisschen wenig gnädiger auszudrücken: Sie war ein sehr fruchtbarer Boden für jeden noch so erbärmlichen Erziehungsversuch. 

Man vergebe mir jeden selbstgerechten Gedanken

Ich jedenfalls hab das nicht so richtig geschnallt. Ich gab gerne weise Ernährungsratschläge, betätigte mich in Muttigruppen gerne als Hobbypsychologin, Schlafberaterin und Super-Nanny. Dann kam mein Sohn auf die Welt und mit ihm die grausame Erkenntnis, mich ordentlich lächerlich gemacht zu haben. Um es kurz zu machen: Wenn mein Sohn keinen Bock hat, hat er keinen Bock. Egal, um was es geht. Teilen hält er für Selbstaufgabe, ohne Bestechung versucht er nicht mal, neue Dinge zu lernen, und von Obst und Gemüse hält er ähnlich viel wie von den Worten "Bitte" und "Danke". Er rülpst mit Vorliebe und hat eine große Schwäche für Kacka-Witze. Möglicherweise gab es außerdem an der Kinder-Ausgabestelle eine Verwechslung mit Prinz George, denn die royalen Attitüden meines Sohnes könnte mit großer Mühe vielleicht eine zwanzig Personen umfassende Dienerschaft bewältigen. Möglicherweise!

Sie sind, was sie sind

Nach fast sechs Jahren ist es deshalb Zeit, Entschuldigung zu sagen. Und zwar wirklich. Ich entschuldige mich beim Universum und jedem Elternteil für all die "Das-würde-ich.mir-nicht-bieten-lassen-Gedanken", die ich hatte, für meine möchtegernweisen Monologe, nach denen sich andere vielleicht schlecht fühlten und für diese gelassene #perfectmom-Ausstrahlung, die ich an den Tag legte. Ich verneige mich in Demut vor allen, die mich nicht in der Luft zerrissen haben und mich in dem Glauben ließe, ich hätte es drauf. Ich weiß, ich hatte es nicht. Denn was ich damals nicht begriffen habe: Die größte Leistung von Eltern ist nicht, die eigenen Kinder zu etwas zu machen, was sie niemals sein können, sondern sie so zu lieben, wie sie sind. Was nicht heißt, dass man keine Sorge zu tragen hat für die Erziehung – nicht falsch verstehen. Aber Kinder werden nunmal nicht als Rohlinge geboren. Das eine Kind hört dir zu, das andere eben nicht. Das eine Kind möchte dir gefallen, das andere gefällt sich selbst genug. So ist es einfach. Unser Einfluss ist begrenzt. Dessen bin ich mir heute völlig sicher.

Mein Sohn ist genauso toll wie meine Tochter

Die verrückteste Erkenntnis, die mein Sohn mir beigebracht hat, ist aber: Liebe zu den eigenen Kindern ist bedingungslos. Und zwar komplett. Ich liebe diesen Kerl von oben bis unten, jede irrwitzigste Macke an ihm, ja, sogar seine imaginäre Prinz-George-Krone und die bekloppten Kacka-Witze. Es war eine harte Lektion, die er mir beigebracht hat, aber er ist das schönste Lehrbuch meines Lebens! Apropos Lehrbuch: Ich werde wohl lieber keines über Erziehung schreiben. Das können andere eventuell besser. Den einzigen Muttertipp, den ich noch mit gutem Gewissen geben kann, ist dieser: Sei dir nie zu sicher, alles richtig zu machen. Du kannst nie wissen, wie es mit einem anderen Kind wäre. Perfekte Moms sind nicht die,die immer eine Antwort haben, sondern die, die nicht an ihren Kindern zweifeln, wenn sie mal völlig daneben sind. Man kann nämlich auch daneben sein und trotzdem vollkommen richtig. Und diese Weisheit ist wahrscheinlich mehr wert als jeder Erziehungsratschlag.



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