Von wegen Ordnung muss sein! Warum ich Chaos liebe

Alles ordentlich sortieren? Womöglich noch alphabetisch? Das ist nichts für unsere Autorin. Sie findet, dass zu viel Organisation im Haushalt vor allem Zeitverschwendung ist. 

von Theresa König

Als wir in der Redaktion über das Thema "einmotten" sprachen, fiel mir dazu nicht viel ein. Ich stecke höchstens die Sommersachen im November in ein paar Müllsäcke und die in den Schrank. Und danach bin ich dann schon sehr stolz auf mich. Es gibt einfach so viele Dinge, die man in der Zeit tun kann, in der man sonst ordentlich sortiert, aufräumt oder mal Struktur in etwas bringt. Alles Begriffe, die mich schon beim bloßen Gedanken an sie nervös machen. 

Meine Nachbarin zum Beispiel ist eine Meisterin der Organisation. In ihren Küchenschränken hat sie kleine mit Sorgfalt beschriftete Schilder angebracht, damit sie alles sofort findet. Das ist irre übersichtlich und bewundernswert. Ich dagegen würde schon an der Herstellung ordentlicher Schildchen scheitern. Deswegen versuche ich erst gar nicht besonders effizient zu sein, was ein System der Ordnung anbelangt. Es gibt bei uns einfach keins. Ja, die T-Shirts liegen im Schlafzimmerschrank bei den anderen T-Shirts. Manchmal rutscht da bei mir aber auch eine kurze Hose oder ein Pullover oder eine Unterhose dazwischen – die ich dann erst ein paar Jahre später wiederfinde. Na und? Wenn ich sie nicht vermisst habe, kann sie nicht so wichtig gewesen sein. Auch unsere Küchenschubladen sind nicht gerade ein Paradebeispiel dafür, wie man Dinge einsortiert. Manchmal weiß ich nicht genau, was ich esse, weil ich nie die Dosen mit dem Eingefrorenen beschrifte. Aber das ist dann eben so. Alles andere würde zu viel Zeit und Disziplin in Anspruch nehmen. 

Deswegen sage ich mir, dass ich in den Stunden, in denen ich meinen Kleiderschrank aufräume, so viel anderes schöne Sachen tun kann: Mit Freunden Kaffee trinken, Kuchen essen, Netflix gucken, auf der Couch rumliegen oder mit meinen Kindern spielen. Apropos Kinder: Hinter denen herzuräumen, lohnt ohnehin maximal einmal am Tag. Abends. In Zeiten, in denen ich viel zu tun habe, reicht  es auch, dreimal die Woche die Legosteine wegzuräumen. Der Nachwuchs macht ja eh alles sofort wieder total unordentlich. Abgesehen davon ist Chaos ja nie einfach nur Chaos, es hat immer auch etwas Geniales. Das wusste schon Sigmund Freud. Die Kokosflocken stehen zum Beispiel nicht umsonst hinten im Küchenschrank, sondern weil ich sie nie benutze. Alles, was ich brauche, steht dagegen vorne. Wenn das kein System ist, weiß ich es auch nicht. Und zwar ganz ohne Vorsatz oder laminierte Schilder. Tatsächlich habe ich aus der Not eine Tugend gemacht: Ich bin einfach talentfrei in Sachen Organisation. 

Bald ziehen wir um, dann muss ich aussortieren 

Natürlich brauche auch ich ein bisschen Platz auf dem Schreibtisch, damit ich arbeiten kann. Natürlich muss auch ich mal aufräumen. Ich bin ja kein Messie. Aber ich versuche die Mühen der Haushaltsorganisation im Rahmen zu halten. Ich würde mir zum Beispiel nie einen Ratgeber zu diesem Thema kaufen, auch wenn es da sicher ganz tolle gibt. Dafür müsste ich sie lesen. Dazu habe ich keine Lust. Mal abgesehen davon, dass das ja auch wieder dauert. Ich habe bloß ein Leben und außerdem nicht den den ganzen Tag Zeit. Ich muss so viele andere Dinge tun, die ich nicht will. Zum Zahnarzt gehen zum Beispiel und Laternen basteln. Mal abgesehen davon, würde so ein Buch mir ohnehin nur raten, Sachen auszusortieren.

Ich besitze allerdings nicht viel. Ich mag das einfach nicht besonders. Außerdem ziehen wir bald um, dann muss ich aussortieren. Ich werde das verstärkt tun, was ich trotz aller Liebe zum Chaos regelmäßig tue. Grob geschätzt packt es mich nämlich alle ein bis zwei Jahre  – und dann müssen Dinge weg. Bei diesem Anfall hole ich vieles nach, was ich in den vergangenen Monaten versäumt habe. Spielzeug, mit dem keiner mehr spielt? Kann bestimmt die Kita gebrauchen. Klamotten, die ich ewig nicht anhatte? Zur Spende. Den Risottoreis, den ich hinten im Schrank finde und der seit drei Monaten abgelaufen ist? In den Müll. Das klingt jetzt sehr ordentlich, fast schon organisiert, ich weiß. Ist es aber nicht. Es ist bloß Selbstschutz. Damit ich die nächsten zwölf Monate wieder achtlos alles in die Schränke pfeffern kann. Ganz ohne System