Waldorf, zuckerfrei und Montessori: Dogmatische Erziehung ist bekloppt

Unsere Autorin ist Mutter. Eine stinknormale Durchschnittsmutter mit einigermaßen guter Laune und Prinzipien, die sie oft einhält und manchmal bricht. Was sie aber wirklich aufregt: Eltern, die Erziehung zur Religion erheben.

von Marie Stadler

Ehe jetzt der ganz große Aufschrei losgeht: Ich bin keine Hetzerin gegen Konzepte. Ich finde Konzepte prima. Ja, auch Waldorf und Montessori. Um genau zu sein, gehen meine Kinder sogar in eine Waldorf-Kita, in der sie Hirsebrei essen und jeden Morgen mit einem Reigen die Jahreszeit begrüßen. Finde ich toll, wirklich, ich liebe es. Was sollte ich auch auszusetzen haben an Ritualen, Achtsamkeit mit der Natur und gesunder Ernährung? Her damit! Was ich aber etwas weniger liebe, sind manche Eltern, die ich dort treffe. Ich bin mir sicher, dass einige von ihnen einen Rudolf-Steiner-Schrein mit Räucherkerzen in ihrem Schlafzimmer beherbergen. Anders kann ich mir die erhabene Verbundenheit zu dessen über hundert Jahre altem anthroposophischen Gedankengut nicht erklären. Denn diese Eltern wissen, wie Glück geht. Also anthroposophisches Glück. Und ich weiß es nicht. Denn meine Kinder essen Zucker. Hilfe!!! Sie haben Lego. Aus Plastik!!! Und sie hören Hörspiele. OH MEIN GOTT!!!

Das göttliche Kind hat einen Spitznamen

Meine beste Freundin hat ihr Kind letztes Jahr in einen Montessori-Kindergarten gegeben. Aus Überzeugung, nicht mangels Optionen, wie es bei uns mit Waldorf war. Ich hatte um ehrlich zu sein ein bisschen Angst. Würde ich bald aufpassen müssen, ihr "göttliches Kind" (das Ideal nach Montessori) in seinem Rhythmus nicht zu stören? Müsste ich mich jetzt erstmal einlesen, um zu wissen, wie ich ihren Sprössling ansprechen darf? Als meine Freundin nach anfänglicher Euphorie mir augenrollend erzählte, dass ihr Kind konsequent mit vollem Namen und nicht mit seinem Spitznamen angesprochen wird von den Erziehern, hätte ich sie knutschen können. Sie hatte ihr Hirn nicht mit den Anmeldeformularen abgegeben. Was für ein Glück! Denn Montessori, Waldorf und Co sind ja gar nicht das Problem. Das Problem sind Eltern und Erzieher, die so tun, als sei ein pädagogisches Konzept die in Stein gemeißelte sektoide Wahrheit. Und zwar die einzige. In jedem einzelnen Punkt. 

So einfach kann man es sich nicht machen

Montessori und Waldorf sind jetzt echt nur populäre Beispiele. Letzten Endes meine ich jede Art von dogmatischer Erziehung. Einmal war ich bei einer Veranstaltung mit Jesper Juul, einem bekannten Familientherapeuten. Ich kenne viele, die ihn für den Papst der Erziehung halten und ich selbst bin auch immer wieder beeindruckt von seinen Grundsätzen. Jedenfalls erzählte Jesper Juul auf der Bühne von einem Gespräch mit einer Frau. "Sie sagte, sie habe alles genau so gemacht wie es in meinen Büchern steht. Und ich dachte nur: Das arme Kind!" Ja, genau so hat er es gesagt, der gute Herr Juul. Spätestens seit diesem Erlebnis halte ich ihn wirklich für einen sehr sehr klugen Mann. Denn Erziehen ist schwer. Es ist individuell. Es ist anstrengend. Und so leicht kann man es sich einfach nicht machen, jede Entscheidung einem Experten, einem Konzept oder einer populären Bewegung zu überlassen. Nicht mal Jesper Juul. 

So funktioniert die Welt nicht, verdammt

Wer nun glaubt, ich wäre der Meinung, die Erziehungsweisheit mit Löffeln gefressen zu haben, der irrt gewaltig. Ehrlich, ich habe wirklich wenig Ahnung, wie Erziehung geht. Genau wie all die anderen Mütter und Väter. Wer weiß denn schon, wie die Welt in 30 Jahren aussieht und was unsere Kinder dann können müssen? Wer kann so genau sagen, ob Agavendicksaft nicht in 5 Jahren als Gift enttarnt wird? Ich für meinen Teil hab keine Ahnung. Ich kann nicht mehr tun als auf mein Herz und meinen Verstand zu hören, meine Kinder mit Respekt und Liebe zu behandeln und das Beste für die Zukunft zu hoffen. Denn die Welt ist weder komplett Montessori, noch komplett Waldorf, noch komplett zuckerfrei. Und deshalb weigere ich mich, anzuerkennen, dass es nur eine Wahrheit geben soll und irre lieber weiter durch die weite Welt der Erziehungsideen. Ich schnappe hier was auf und da. Bestimmt mach ich auch einiges ganz und gar falsch. Aber dann wenigstens, weil ich es nicht besser wusste und nicht, weil es irgendeine Lehre irgendeines Menschen, den ich nicht mal kenne, so wollte. Over and out.

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