Warum Kinder-Langeweile kein To Do für Eltern bedeutet

"Mir ist laaaaaaaangweilig" In den Charts der Horrorsätze für Eltern ist dieser Satz ganz weit vorne mit dabei. Eigentlich zu unrecht. Weil Kinder-Langeweile für Erwachsene gar kein Thema sein sollte, findet unsere Autorin.

von Marie Stadler

Letztens wieder einmal bei einem Kaffee mit einer Freundin erlebt: Noch viel unerträglicher als für die Kinder selbst scheint kindliche Langeweile für die Eltern der an Einöde verzweifelnden Kleinen zu sein. Zu dritt standen sie vor uns, mit Dackelaugen, die selbst preisgekrönte Dackel neidisch machen könnten. "Uns ist laaaangweilig", ließen sie verlauten und ließen ihre kleinen Schultern hängen. Hach, was für ein Anblick. Noch ehe ich lachen und meine Standard-Antwort loswerden konnte (dazu später mehr), begann zu meiner Verwunderung neben mir eine Endlosschleife aus Vorschlägen meiner Freundin und gerümpften Nasen, schüttelnden Köpfen und "Nöööös" als Antwort darauf von den Kindern. Und dann am Ende die Frage, auf die dieses Schauspiel wohl von Anfang an hinführen sollte: "Dürfen wir was Kleines gucken?"

Ständiges Entertainment macht alle kirre

Meine Freundin hätte es beinahe erlaubt. Ich bin dann mal reingegrätscht, weil ich nicht finde, dass drei Kinder, die sich eigentlich prima verstehen, zusammen Serien gucken müssen, nur weil ihnen gerade nichts ad hoc einfällt. Ich bin mir sicher, dass aus diesen Leerlaufmomenten etwas Schöneres als Paw Patrol entstehen kann. Und ich wage mal zu behaupten, dass die Kinder uns dafür nicht mal brauchen. Ganz im Gegenteil: Durch die langen Tage in Kitas und Schulen vieler Kinder ist das Leben ohnehin so komprimiert, dass kaum mehr Zeit für kurze Momente der Langeweile. Ist das nicht ein bisschen schrecklich? Wenn ich mich nach meiner Kindheit zurücksehen, dann ehrlich gesagt genau nach diesem Zustand der Leere und Ruhe, auch wenn ich sie – wie alle Kinder – damals gehasst habe.

Was passiert, wenn mal nichts passiert

Wir haben den Fernseher nicht angemacht. Wir haben auch keine Vorschläge mehr von uns gegeben, sondern einfach weiter Kaffee getrunken. Mit bösen Blicken und noch tiefer hängenden Schultern trotteten die Kinder wieder ins Kinderzimmer. Eine Stunde später wurden wir von einer Prinzessin, einem Drachen und einem Schneewittchen aufgeregt zu einer Theateraufführung eingeladen. Auf dem Bett hatten sie ein ganzes Bühnenbild gebaut und Schneewittchen hat gemeinsam mit der Prinzessin an diesem Nachmittag einen Drachen besiegt. Wir bekamen Popcorn (zerbröselte Salzstangen) und echte selbstgebastelte Eintrittskarten. Aber vor allem haben wir wieder einmal gesehen: Aus Langweile entsteht meist etwas Gutes. Aus ihr entspringt vor allem eine großartige Kreativität. Zumindest, wenn man das Langeweile-Biest einmal kurz aushält und sich gegen das stumpfe Berieseln von Netflix und Co entscheidet. Sollte man sich selbst vielleicht zwischendurch auch mal wieder gönnen, dieses herrliche NICHTS.

Meine Standardantwort auf Kinder-Langeweile 

Übrigens habe ich schon vor Jahren die ultimative Gegenwehr gegen "Mir ist laaaaangweilig"-Attacken herausgefunden. Ich reibe mir immer freudig die Hände und verteile Aufgaben im Haushalt, wenn es wieder so weit ist. Ehrlich gesagt gibt es deshalb offiziell keine Langeweile mehr bei uns. Wir haben immer sehr beschäftigte Kinder. Langeweile-Quote Null Prozent. Ich glaube, die Dunkelziffer liegt weit höher. Aber das wird kein Erziehungsberechtigter unserer Familie je erfahren... und wenn Müll rausbringen schlimmer ist als langweilen, dann kann es ganz so schlimm ja nicht sein.



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