Warum meine Teenietochter ihr Handy nur eine Stunde am Tag bekommt

Wenn ich anderen Eltern erzähle, dass unsere Tochter nur eine Stunde am Tag ihr Handy hat, werde ich oft ungläubig angestarrt. "Macht ihr sie so nicht zum Außenseiter?" ist danach die häufigste Frage. Ich kann hier und heute alle beruhigen: Tun wir nicht!

von Marie Stadler

Unsere Tochter ist 13 und hat seit drei Jahren ein Smartphone. Mit 10 war sie "spät dran" mit dem Handy, alle anderen ihrer Klasse hatten bereits vor dem Wechsel auf die weiterführende Schule eines bekommen, einige auch schon in der ersten Klasse. Wir fanden das Thema Handy von Anfang an schwierig. Zum ersten Mal hatten wir als Eltern das Gefühl, so gar keine Wahl mehr zu haben. Und ehrlich gesagt, fehlte uns auch eine klare Haltung. War aber eh egal. Denn ob wir das Alter angemessen fanden, spielte gar keine Rolle mehr. Mit 10 musste das Smartphone her. Das gehörte sich so. Ob es uns passte oder nicht... 

Und jetzt? Welche Regeln gelten?

Dann war es also im Haus und unsere Tochter im siebten Himmel. Und schon kamen die nächsten 1000 Fragen auf. Was darf sie? Wann darf sie das? Wieviel Privatsphäre ist ok? Ab wann ist es Nachlässigkeit, nicht genauer hinzusehen. Uff. Fragten wir andere Eltern, waren alle ungefähr so ratlos wie wir und so setzten sich in den meisten Häusern wohl die Regeln (beziehungsweise Nicht-Regeln) der supercoolen Eltern durch. Einziger Konsens in Sachen Einschränkung: Abends muss das gute Teil abgegeben werden. Aber auch das hielt bei den meisten Familien nicht lange. "Mein Sohn möchte schließlich gerne mit seinem Lieblingssong geweckt werden"...  und außerdem müsse man dem Nachwuchs einfach mal vertrauen. 

Vertrauen hat damit nichts zu tun

Die Sache ist die... ich halte Vertrauen für einen ganz wichtigen und besonderen Wert. Und ich traue meinem Kind sehr. Aber dem Suchtpotential eines Smartphones und dem Druck, jede bekloppte Nachricht auf Whatsapp beantworten zu müssen, denen traue ich aus eigener Erfahrung eben leider auch. Wie oft habe ich schon die Zeit vergessen, während ich mich durch die Meldungen klickte. Wie oft bin ich dabei auf traurige und beunruhigende Darstellungen und Bilder gestoßen, die mich wirklich erschüttert haben? Und will ich das meinem Kind antun? Will ich das wirklich? Mein Mann und ich waren uns zum Glück einig: Das Handy sollte nicht den Tag unserer Tochter bestimmen. Auch nicht ihre Freundschaften. Und erst recht nicht ihr Weltbild. Deshalb gab es von Anfang an eine goldene Regel: Eine Stunde ist ok, danach ist Schluss. Zumindest in der Schulzeit, in den Ferien drücken wir mittlerweile oft mal zwei Augen zu.

Wer vertraut hier nicht?

Die Frage nach fehlendem Vertrauen finde ich übrigens sogar ein bisschen lustig. Denn diese Frage stellen vor allem gerne Menschen, die ihr Kind nirgends ohne Handy hinlassen. Es könnte schließlich was passieren. Ich für meinen Teil vertraue in dem Fall einfach mal darauf, dass mein Kind sich Hilfe sucht, dass die Menschen um sie herum ihr Unterstützung anbieten und dass eine 13-Jährige durchaus in der Lage ist, Lösungen zu finden – zumindest für die meisten Situationen. Ich vertraue auch darauf, dass sie sich an uns wendet, wenn ihre wenige Handyzeit zum sozialen Problem wird. Interessanterweise wird es das bisher nicht. Ihre Freunde rufen halt einfach total oldschool auf dem Festnetz an. Oder sie klingeln an der Tür. 

Der Tag, an dem wir doch cool sein wollten

Ich gebe zu: Wir waren nicht immer so standhaft. Irgendwann gaben wir dem Druck der anderen Meinungen nach und wagten einen Versuch, die Handyzeit selbst einzuteilen. Als wir sahen, dass die durchschnittliche Bildschirmzeit pro Tag 4 Stunden und 54 Minuten betrug, sprachen wir unsere Tochter an. Schluchzend gab sie uns ihr Handy und flehte uns an, wieder die Zeit einzuschränken. "Das überfordert mich!", sagte unsere Größte. "Alle wollen ständig was von mir!". In dem Moment war uns klar, dass wir damit doch richtig lagen. Dieses Gefühl wird früh genug auf sie einprasseln. Ich glaube nicht, dass die eine Stunde für jede Familie passt und will hier um Himmels Willen nicht missionarisch den Finger erheben. Ich will nur den Eltern Mut machen, die irgendwie kein gutes Gefühl haben mit diesem Smartphone-Wahnsinn in so jungem Alter. Ihr seid nicht alleine mit diesem Gefühl. Und wer weiß. Vielleicht sind eure Kinder gar nicht so weit von eurer Meinung entfernt wie ihr denkt... 

Eines Tages werden wir loslassen müssen

Ja, eines Tages wird auch meine Tochter es schaffen müssen, sich selbst einzuschränken. Keine Frage. Aber muss das mit 13 sein? Eines Tages wird sie auch einen eigenen Kühlschrank füllen müssen und ihre Kinder pünktlich von der Kita abholen, falls sie welche hat. Ich glaube nur, dass alles eine Zeit hat. Und jeder, der einen Teenie zuhause hat, weiß sicher, was ich meine, dass "Maß halten" in diesem Alter nicht unbedingt die Königsdisziplin ist. Muss es a auch nicht. In diesem Fall hat sie ja erst einmal noch uns.