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Wer feiert besser: Stadt oder Land? – Das Experiment

Wer feiert besser: Stadt oder Land? – Das Experiment
© Getty Images
Geht es in der Pampa wirklich heftiger ab als im Szeneclub in der Großstadt? Wir haben Autorin Lena Schindler zur Dorfparty geschickt. Um zu feiern, bis der Landarzt kommt …
von Lena Schindler

Von Hartmut Engler fühle ich mich in diesem Moment wirklich verstanden. „Lena, du hast es oft nicht leicht“, klingt seine Stimme aus der Box hinter mir. Und ich stelle erschrocken fest, dass mein Fuß im Takt auf und ab wippt. Ja, ich habe gerade echt zu kämpfen. Denn der Dämon in mir will raus, mein unterdrücktes Ballermann-Ich, das immer dann an die Oberfläche drängt, wenn irgendwas Eingängiges mit schlichtem Text läuft. Dr. Banner aus meiner 80er-Lieblingsserie „Der unglaubliche Hulk“ kennt dieses Gefühl, wenn er sich in das grüne Monster verwandelt. Auslöser für die Transformation ist bei mir allerdings nicht Stress wie bei meinem TV-Helden, sondern Hits von den Backstreet Boys oder MC Hammer – Pur allerdings hat mich noch nie gekriegt. Bisher. Hier in der niedersächsischen Pampa befinde ich mich in einer Situation akuter musikalischer Bedrohung. Ich habe mich aufs Dorf begeben, um zwischen Maisfeldern und Kuhställen im Vielstedter Bauernhaus in den „Mai(k)“ zu tanzen – so das Wortspiel im Titel des Events, bei dem DJ Maik aus Ganderkesee auflegen wird. Warum ich mich einer solchen Gefahr aussetze? Um herauszufinden, ob auf dem Land härter (oder womöglich sogar besser!) gefeiert wird als im legendären Berliner Berghain. Werde ich mich hier mit knapp 39 noch in Ekstase tanzen, richtig durchdrehen? Abwarten und Bier trinken. Viel Bier. Und ran ans Grillbuffet, Grundlage schaffen!

Keine Wichtigtuerei. Nichts Aufgesetztes. Das mag ich.

Zusammen mit meinem Stiefbruder Denis, den ich unter Einsatz verschiedener Druckmittel überredet habe, mich zu begleiten, und 160 anderen Gästen nehme ich Kurs auf Schnitzel, Bratwurst und Speckbohnen. Ich kenne: niemanden. Freunde aus Schulzeiten sind lange weggezogen. Viele weit. Außer uns sind fast alle mannschaftsweise ins alte Bauernhaus gekommen, in dem lange Tafeln die Tanzfläche einrahmen. Aber beim Schützenverein ist noch Platz. Unsere Teller berühren noch nicht mal die Tischdecke, da gehören wir schon dazu. „Wir haben draußen beim Maibaumsetzen neben euch gestanden, vorm Teleskoplader“, stellt der junge Landwirt mit dem breiten Kreuz und der Haarfarbe von Michel aus Lönneberga fest. Und mit Blick auf seine Gabel: „Kochen können die echt! Schon mal zur Kohlfahrt da gewesen? Ich bin jedes Jahr auf sechs verschiedenen, aber der Grünkohl hier ist der Wahnsinn!“ Er strahlt. Und ich bin seltsam angerührt von dieser Unverstelltheit. Von ihm und den Vereinsmitgliedern erfahren wir, dass wir mit unserem Bier hier sofort auffallen, weil echte Landeier „Charly“, also Weinbrand mit Cola, trinken, was übrigens 1996 auch schon so war – was ich damals bereits unbegreiflich fand. Ob wir uns vorstellen könnten, dass beim Feuerwehrfest letzte Woche 30 Kisten von dem Sprit weggegangen sind? (Ja, doch, schon.) Keiner will wissen, was wir denn so machen. Nur, ob das Essen schmeckt und wir die Musik gut finden. Keine Wichtigtuerei. Nichts Aufgesetztes. Das mag ich.

„Bratkartuffeln mit twee Speegeleier un’n suure Gurk’“

Aber meine Wurzeln liegen eben auch hier, also: genau hier. Ich tarne mich zwar seit 20 Jahren als kosmopolitische Großstädterin, komme aber aus der Provinz. Groß geworden im 15 Kilometer entfernten Delmenhorst, Heimatstadt von Sarah Connor und Mallorca-Jensens Daniela, war ich oft mit meiner Großmutter Hilde in Vielstedt. Überließ man ihr die Entscheidung, in welches Lokal wir gehen wollten, fiel die Wahl immer auf diesen Gasthof, wo „Bratkartuffeln mit twee Speegeleier un’n suure Gurk’“ auf der Karte stehen. Klar, Grundkenntnisse in Platt hat hier jeder. Und wer mich schon mal erlebt hat, wenn ich ordentlich einen im Kranz habe, weiß auch um meine Volksfestmentalität …

Ein Mix aus Love Parade und Tanztee

UM 21 UHR beginnt DJ Maiks Stern am Partyhimmel überm Hasbrucher Wald zu leuchten. Er geht rein mit Roland Kaisers „Warum hast du nicht nein gesagt?“, dann richtig drauflos mit „Traum von Amsterdam“ und „Atemlos“. Für einen Mann wie ihn gibt es eben nur ein Gas – Vollgas. Zu einer Uhrzeit, zu der man sich zu Hause in Hamburg noch überlegt, ob man vor dem Club in die Bar geht oder lieber ein paar Folgen „Homeland“ guckt, steht im Landkreis Oldenburg die Hütte in Flammen. Es ist 21 Uhr, und der Dielenboden bebt unter stampfendem Discofox, den ich deshalb fürchte, weil ich keinen Tanzkurs besucht habe. Altersspektrum: etwa 18 bis 70 – oder, um es in den Worten von DJ-Rakete Maik zu sagen, „ein Mix aus Love Parade und Tanztee“. Es gibt ein Wiedersehen mit weißen Bootcut-Jeans, wie sie mir in dieser Fülle seit den 90ern nicht mehr begegnet sind, die älteren Semester tragen Kleider mit Glitzereffekten und glänzende Anzüge, um die Handgelenke leuchten neonfarbene Einlassbändchen mit Taxi-Nummer. Und über landwirtschaftliches Gerät aus Zeiten der Urgroßeltern und blau-weiße Bauernkacheln zittert Disco-Licht. An „Charly“ und Korn-Fanta habe ich mich halbherzig herangetastet, aber nach erstem Gaumenkontakt Abstand genommen. Zu fies der Geschmack, zu peinlich die Erinnerungen, die mit diesen Getränken in direktem Zusammenhang stehen. Doch auch auf Bier-Basis wird es vertraulich, man lädt uns zum Dreschfest ein und zum Trecker-Kino. Wir stehen am Tresen und haben uns von einer Gruppe junger Männer, die sich gegenseitig „Kollege“ nennen, obwohl sie gar nicht zusammen arbeiten, in ein Gespräch über den Weltrekord der längsten Pinkelwurstkette verstricken lassen – der hier aufgestellt wurde. Inzwischen nicke ich ungeniert zu Charts-Hits, stoße mit Fremden an, komme langsam in Fahrt.

Die Nacht hat ihr erstes Promille-Opfer gefordert.

Als die Bude sich füllt und der Schnaps von den drei Bardamen in rutschfesten Service-Sandalen tablettweise geliefert wird, ziehen sich die Standardtänzer zurück. Jetzt ist er da, mein „Hulk“-Moment. Bei den ersten Beats von „Mister Vain“ bin ich mittendrin, reiße neben dem Mann in dieser unglaublichen Jacke mit „Baumwurzelfräsen“-Schriftzug die Arme hoch und singe sogar die Rap-Passagen mit, an die sich wirklich niemand ohne MC-Erfahrung heranwagen sollte. Dr. Alban und Vanilla Ice nehme ich auch noch mit. Bei Andrea Berg muss ich dann aber mal aufs Klo.

Auf dem Weg dorthin beobachte ich eine der wildesten Ausdruckstänzerinnen des frühen Abends bei dem Versuch, die Balance zu halten und dabei in Richtung geöffnete Toilettentür zu peilen, bis sie sich entschlossen nach vorne wirft und nach heftigem Körperkontakt mit dem Rahmen die Örtlichkeit entert. Wir sehen sie nie wieder. Die Nacht hat ihr erstes Promille-Opfer gefordert. Ich hingegen bin ernüchtert. Denn aus der Tanzdiele dröhnt jetzt Dieter Thomas Kuhn mit „Über den Wolken“. Er und seine Gefolgsleute sind der Grund, warum ich die Breakdance-Moves aus meiner Jugend heute stecken lasse. Immer kurz bevor ich richtig aufdrehe, Denis mir auf dem Parkett „Mehr Druck, Lenchen!“ zuruft, kommt eine tänzerische Zwangspause in Form von Mitklatsch-Sound, der mich ausbremst. Besser isses, schon wegen der Selbstachtung.

Die Leute stehen sich beim Feiern weit weniger im Weg als mancher Szene-Städter

Obwohl es Potenzial gab, tanzen wir am Ende nicht in der Morgendämmerung barfuß über zerfurchte Äcker nach Hause, sondern nehmen um 2 Uhr ein Taxi. Eins ist klar: Gefeiert wird hier definitiv komprimierter. Keine Zeit verlieren, nicht lang fackeln. Ob’s damit zu tun hat, dass auf dem Land schon um 12 Uhr das Mittagessen auf dem Tisch steht? Kann sein. Bei dieser Schlagzahl mitzuhalten ist jedenfalls weniger eine Frage des Geburtsjahres als der Kondition. Und der persönlichen Neigung. Aber eins muss man der ländlichen Party-Crowd lassen: Die Leute stehen sich beim Feiern weit weniger im Weg als mancher Szene-Städter, der sich nur erlaubt, richtig abzugehen, wenn’s independent genug ist. Früher konnte ich das ja auch besser mit dem Loslassen, habe mir über die Nachwehen nie Gedanken gemacht, da zählte nur der Moment. Diesen Zustand erreiche ich heute viel zu selten. Vielleicht muss ich echt zur Kohlfahrt wiederkommen und mir noch mal genau abgucken, wie das geht.

Um 8:15 Uhr erwache ich leicht verstört in meinem alten Kinderzimmer, in dem jetzt Schwarz-Weiß-Prints statt Poster vom Wu-Tang Clan hängen. Wieso kann ich eigentlich nicht mehr richtig ausschlafen? Gehören Schlager-Kopfschmerzen zu den 37 Arten des Leidens, gegen die diese Tabletten aus der Werbung helfen sollen? Und warum ist meine Mutter ausgerechnet heute verreist, anstatt mir bei der Aufarbeitung dieser Nacht beizustehen? Als ich nach unten schleiche, um nachzusehen, ob es Denis auf dem Sofa gut geht, stelle ich fest, dass er schon weg ist. Habe ich ihm zu viel zugemutet? „Warum hast du nicht nein gesagt?“, klingt mir die Schlachthymne von gestern noch im Ohr. Ich werde ihn fragen. Falls er noch mit mir redet.

 


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