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Wie das Ikea-Prinzip unsere Ehe rettet. Immer wieder.

Wie das Ikea-Prinzip unsere Ehe rettet. Immer wieder.
© Getty Images
Einige haben ja das Glück, mit einem guten Geschmack und einem (zumindest in Sachen Einrichtung) meinungslosen Mann gesegnet zu sein. Unsere Autorin hat leider nur Geschmack. Und dummerweise einen Mann mit Meinung – natürlich meist der falschen. Da werden zwischendurch schon mal die Scheidungspapiere über den Tisch gezogen. Unterschrieben hat bisher aber noch keiner, dank des Ikea-Prinzips.
von Marie Stadler

"Und dein Mann fand das auch gut mit der pinken Wand?", frage ich meine Nachbarin, als sie mir stolz die neue Küche präsentiert. "Pink??? Die Farbe heißt Tiefer Traum!", kontert sie empört. "Und mein Mann mischt sich nicht ein, wenn es um die Einrichtung geht." Wieder dieser Satz. Wie oft hab ich den schon gehört. Die schlimmste Formulierung der gleichen Sache: "Mein Schatz vertraut mir da voll und ganz." So schön könnte das Leben sein... Doch das ist es nicht. Wenn es bei meinem "Schatz" und mir um Einrichtung geht, nennen wir uns so einiges. Schatz ist definitiv nicht dabei. Und Vertrauen auch nicht. Echt nicht.

Er hat ne Meinung. Das konnte ich nicht ahnen.

Ich meine, wenn ich mit einem Mann verheiratet wäre, der Dekorateur, Designer oder meinetwegen Kunstlehrer wäre, meinetwegen. Aber das bin ich nicht. Ich habe einen Mann geheiratet, von dem ich so einiges erwartet hätte, aber ganz sicher kein Selbstbewusstsein in Sachen Einrichtung. Als ich ihn in seiner Junggesellenbude zum ersten Mal besucht habe, standen da noch Umzugskisten und an der Decke baumelten blanke Glühbirnen. Er wohnte da ja auch erst seit vier Jahren, da kann das schon mal passieren. Ich dachte also, ich sei die Erretterin in Sachen Dekoration und Einrichtung und hatte mir die tollsten Konzepte überlegt. Dann zogen wir zusammen. Und plötzlich war selbiger Mann Einrichtungsexperte. Selbsternannter, wohlgemerkt. 

Das hässlichste Badezimmerschränkchen aller Zeiten

Kennt ihr das, wenn euch eine Sache besonders wichtig ist und ihr lange sucht, bis ihr das richtige gefunden habt? So ging es mir mit dem Waschbeckenunterschrank. Er sollte besonders sein, das Badezimmer gemütlich machen, zum Rest der Möbel passen und so weiter. Ich suchte und suchte. Mein Mann fand. Alleine. Er kaufte ungefragt das billigste Pressholzexemplar, das er im Baumarkt finden konnte und montierte es direkt. Als ich abends nach Hause kam, präsentierte er mit Stolz, was er FÜR MICH getan hatte. Ich bekam Schappatmung, präsentierte ihm eine Kostprobe meines italienischen Temperaments und änderte meinen Facebook-Status von "In einer Beziehung" zu "Es ist kompliziert". Ist im Grunde ja auch das Gleiche. Wusstet ihr, dass man den Beziehungsstatus liken kann? Ich nicht. Die Ex meines Mannes offensichtlich schon.

Das Ikea-Prinzip hat uns gerettet

Irgendwann bei Ikea verstand ich dann, was falsch lief. Wir gingen durch die Textilabteilung. "Oh guck mal, die Bettwäsche, die ich so mag, ist im Angebot!", sagte ich und sah meinen Mann fragend an. "Brauchen wir doch nicht wirklich!", antwortete er, ich trottete enttäuscht und ohne Bettwäsche hinter ihm her. Einen Gang weiter griff er zielsicher nach einem grauen Verdunkelungsrollo. Ich war baff. "Warum darfst du einfach einpacken, was du willst und mir sagst du, dass ich die Bettwäsche nicht kaufen soll?" Ich stand wütend vor ihm. Ein Bild, das Ikea-Mitarbeiter so wahrscheinlich täglich tausendfach irgendwo zwischen Stockholm und Nicaragua sehen. "Aber warum fragst du mich denn auch? Ich werde immer Nein sagen, wenn ich es schwachsinnig finde." Bitte was??? "Und was soll ich stattdessen machen?" Mein Mann sah mich verständnislos an. "Wenn dir was wichtig ist, mach es doch einfach!" 

Konsens ist nicht immer sinnvoll

An diesem Tag hab ich was wichtiges über mich, über ihn und über die Welt gelernt. Er hatte recht. Ich brauche irgendwie immer Konsens, um mich für etwas zu entscheiden. Er nicht. Er macht einfach, wenn ihm was wichtig ist. Mittlerweile heißt das "Einfach-machen-ohne-zu-fragen-Ding" bei uns "Ikea-Prinzip" und ich bin schon fast so gut darin wie er. Das wiederum führt nicht unbedingt zu einem gradlinigen Einrichtungskonzept, aber dazu, dass wir uns beide wiederfinden in unserer Wohnung. Ich in der Bettwäsche (ich habe sie gekauft!) und er im hässlichsten Badezimmerschränkchen aller Zeiten. Ich im kitschigen Buddha neben der Badewanne und er in den grauenhaften beigen Gardinen. 

Ich oben, er unten

Wenn es doch mal wieder zu gravierenden Unstimmigkeiten kommt, gibt es bei uns im Haus übrigens ein zweites Prinzip. Das "Ich-oben-er-unten-Prinzip" ist zwar manchmal grausam, aber schützt uns vor unsinnigen Machtkämpfen. Wenn wir mal wieder komplett unterschiedlicher Meinung sind und wir beide die gleiche Sache auf unterschiedliche Weise nach dem Ikea-Prinzip regeln würden, treten die Hoheitsgebiete in Kraft. Er hat das letzte Wort in der unteren Etage, ich in der oberen. Hab letztens rausgekriegt, dass sich das aushebeln lässt. Wenn man mit einem ganz bestimmten Blick "Ich oben, du unten?" fragt, wird seine Meinung manchmal etwas flexibler.


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