Zurück zu Vati und Mutti – Ein Live-Bericht aus dem Hotel Mama

Hotel Mama ist das El Dorado? Unsere Autorin hat es mit 30 Jahren notgedrungen nochmal ausprobiert und findet: Eher eine Zeitreise mit Risiken und Nebenwirkungen.

von Cara Johannsen

„Nee, nicht dein Ernst?“, fragt meine beste Freundin mit großen Augen, als ich ihr von meinem Plan erzähle. Der hat es tatsächlich in sich. Ich ziehe mit 30 Jahren zurück zu Mama und Papa. Warum? Ich habe ein Jahr in Argentinien gearbeitet und bin nun auf Jobsuche in meiner Heimatstadt. "Was gibt es besseres, als sich für solche Übergangsphasen im Hotel Mama einzubuchen?", frage ich und denke an die  All-Inclusive-Versorgung (Papas Weinkeller), den astreinen Wäscheservice (keiner bügelt so gut wie Mama) und das Wellness-Angebot ohne Aufpreis (Gartensauna). "Du wirst dich schon noch umgucken", prophezeit meine Freundin. Und sie sollte Recht behalten. 

"Wir könnten doch eine WG sein!"

Matteo, mein italienischer Kumpel aus Schultagen, findet das super. Nicht nur, dass er meine Eltern spitze findet, er hält insgesamt viel von Eltern. „In Italien hat Familie noch einen ganz anderen Stellenwert“, erklärt er mir enthusiastisch. Viele seiner Freunde seien erst zur Hochzeit aus dem Elternhaus ausgezogen. So stehe ich also mit Koffer und klopfendem Herzen vor der Tür meines Elternhauses. Freudestrahlend öffnen meine Eltern die Haustür. Sie sind Rentner, aber solche der aktiven Sorte, richtige „Best Ager“. Ich trete ein und lasse mich erstmal berieseln. Meine Mutter schwärmt von ihrem neuen Yogalehrer, während mein Vater sich grad für einen Triathlon angemeldet hat, wie er mir stolz erzählt. In Schweden. Lässt sich aber gut mit einer Reise verbinden. Unterwegs sind sie sowieso ständig, und nebenbei engagieren sie sich noch in einem Freiwilligennetzwerk. Papa schlägt vor, wir könnten ja jetzt eine „WG“ sein, und sieht mich erwartungsvoll an. WG klingt in meinen Ohren zwar nicht ganz so schön wie Hotel, aber ok. Warum nicht!

Rotwein statt Bewerbungen

Meine neuen „Mitbewohner“ führen mich in mein Zimmer. Das, was früher mein Kinderzimmer war, ist nun ein Gästezimmer. Umso besser, denke ich, und richte mich ein. Am nächsten Morgen, nach einem Weltklasse-Frühstück a lá Mama, sitze ich am Schreibtisch. Jetzt heißt es: Bewerbungen schreiben. Voller Tatendrang öffne ich meinen Laptop. Plötzlich fällt mir ein, warum meine Eltern oftmals erst Tage später auf E-Mails antworten. In der Straße meiner Eltern, am Stadtrand gelegen, gibt es kein W-LAN. „Doch! Gibt es!“, widerspricht mein Vater, als ich frustriert den Ladebalken des Browsers anstarre. „Hier ist halt alles etwas langsamer“, sagt er fachmännisch, und gemeinsam starren wir auf den Bildschirm, auf dem sich nichts regt. Zur Ablenkung schlägt Papa einen Spaziergang vor. Und dann öffnen wir eine Flasche Rotwein. Das Feuer im Kamin knistert. Gemütlich ist es. Bewerbungen schreiben im Hotel Mama – pardon, ich meine natürlich in meiner neuen WG – ist spitze!

Kuchen ist lecker – nur nicht jeden Tag

Am nächsten Tag hat sich das W-LAN vollständig verabschiedet. Ich sortiere Unterlagen, räume meinen Koffer aus. Nachmittags klopft es an meiner Zimmertür, meine Mutter ruft zur „Kaffeestunde“. Ein Ritual, das es seit meiner Kindheit gibt. Am Wochenende um vier Uhr nachmittags trinken meine Eltern Kaffee. Manchmal gibt es Kuchen. Seitdem ich wieder da bin, jeden Tag. Nicht, dass ich mich über Kuchen beklagen will, oder dass meine Eltern darauf bestehen würden, dass ich an der Kaffeestunde teilnehme. Aber schwänze ich die Kaffeestunde, steht kurz darauf ein Teller mit einem Stück Kuchen in meinen Zimmer. Daneben ein Post-It. Darauf in Mamas Handschrift: „Das wird schon! Viel Glück bei der Jobsuche!“. Mama meint es nur gut.

"Genieß diese Zeit mit deinen Eltern!"

Für mich liegt aber das Post-It wie ein erhobener Zeigefinger auf dem Tisch. Abends dann gibt mein Vater mir gutgemeinte Ratschläge, wie man eine Ananas korrekt aufschneidet. Dass ich im letzten Jahr mehr Ananas geschält habe, als mein Papa in seinem ganzem Leben, verkneife ich mir zu sagen. Man bleibt halt immer Kind, wenn man Zuhause ist. Das sagt auch meine neunzigjährige Großmutter, wenn sie meinem Vater erklärt, wie man Kartoffeln richtig schält. Ich klage meinem italienischen Lieblingsfreund Matteo mein Leid über nichtvorhandenes W-LAN und übertriebene elterliche Motivation am Telefon. Der hört zu und sagt lang nichts. Dann räuspert er sich: „Genieß diese Zeit mit deinen Eltern.“ Ich schlucke. Matteos Mutter ist vor Kurzem gestorben. Ich lege nachdenklich auf. Darüber werde ich noch länger nachdenken. Aber nicht jetzt. Schließlich hat Mama grade zur Kaffeestunde gerufen.