Anti-Pollution-Kosmetik: Brauchen wir das wirklich?

Ozon, Abgase, Feinstaub ... Mittlerweile steckt
 in etwa jedem zweiten Kosmetik-Produkt ein sogenannter Anti-Pollution-Komplex gegen Hautschäden durch Umweltschmutz. Brauchen wir das wirklich?

Was macht Umweltschmutz mit unserer Haut?

"Unter Wissenschaftlern und Medizinern hat ein Umdenken stattgefunden, wir wissen inzwischen, dass es nicht mehr nur die böse UV-Strahlung ist, die massiv unserer Haut schadet, sondern auch der Feinstaub", sagt die Hamburger Kosmetikwissenschaftlerin Dr. Meike Streker. Zahlreiche Studien beweisen, welche Folgen Teilchen wie Dieselruß und Industrieabgase für die Haut haben: So lösen sie freie Radikale aus, die sowohl die oberflächlichen als auch tiefer liegenden Zellen attackieren und den Kollagenabbau vorantreiben.

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Einige Partikel sind so klein, dass sie sogar in die Haut eindringen können.

Die Folge: mehr Falten und weniger Spannkraft. Außerdem verschiebt sich der pH-Wert der Haut nach oben, was ihre natürliche Schutzschicht zusätzlich schwächt - Schadstoffe gelangen leichter hinein, Feuchtigkeit geht verloren. "Gleichzeitig wird durch Umweltschmutz die Sebumproduktion angeregt, was zu Akne führen kann", sagt Dr. Streker. Und das ist leider noch nicht alles: Eine Studie des Kosmetikunternehmens Beiersdorf (Nivea) mit den Shanghai Institutes for Biological Sciences ergab, dass sich die Haut der Frauen in der chinesischen Mega-City bereits so verändert hat, dass sie sich in dauerhafter Abwehrbereitschaft befindet, also ständig gestresst ist.

Welche Stoffe werden mit dem Teint besonders gefährlich? 

Die Liste ist lang und reicht von Ozon über in Dieselabgasen vorkommende Stickstoffoxide bis hin zu flüchtigen organischen Verbindungen wie den sogenannten polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAKs), die auch in Tabakrauch enthalten sind. Die Wirkung dieser PAKs ist besonders gut erforscht: Sie haften sich nicht nur an die Haut, sondern sind so klein, dass sie auch eindringen können. "Diese Jungs sind wirklich hochaktiv und gelangen durch die sehr kleine Partikelgröße in tiefere Schichten der Haut. Dort verursachen sie nachhaltig Schäden und beschleunigen den Abbau von festigendem Kollagen", sagt Dr. Meike Streker. Ein weiteres Problem: Winzig kleine, giftige Metall-Partikel aus der Luft können sich an die PAKs hängen - und so ebenfalls die sonst sehr abwehrfähige Hautbarriere völlig ungehindert passieren.

Stimmt es, dass Feinstaub auch Pigmentflecken auslösen kann?

Das gilt als sicher. Professor Dr. Jean Krutmann vom Leibniz-Institut für Umweltmedizinische Forschung in Düsseldorf wertete mit seinem Arbeitskreis bereits 2010 die Daten einer Langzeitstudie mit 400 Frauen aus. Dabei fiel auf, dass jene aus dem kohlenstaubbelasteten Ruhrgebiet sowohl mehr Falten als auch deutlich mehr Pigmentflecken hatten als Studienteilnehmerinnen aus dem ländlichen Borken.

Ist das Leben auf dem Land besser für die Haut?

Absolut. Das hat nicht nur die Studie von Jean Krutmann ergeben, auch andere Untersuchungen, etwa die von Beiersdorf, lassen diesen Schluss zu: Die Forscher verglichen dafür die Haut von Frauen aus Schanghai mit der von Bewohnerinnen des deutlich kleineren Taixing. Die gute Nachricht für alle Stadt-Menschen: Es gibt Möglichkeiten sich zu schützen, etwa mit der richtigen Reinigung. 

Wie bekomme ich den Schmutz verlässlich runter? 

Sich abends zu waschen ist das Wichtigste, was Du für die Haut tun kannst. Da einige der Schmutzteilchen öllöslich sind, wird man sie mit Wasser allein aber nicht los. "Auf dem Produkt muss nicht unbedingt ‚Anti-Pollution‘ stehen. Wichtig ist, dass es mild wäscht, um die Hautbarriere nicht zu schädigen, aber gleichzeitig etwas kann. Produkte mit Zuckertensiden haben sich da sehr bewährt", sagt die Kosmetikwissenschaftlerin Dr. Meike Streker. "Außerdem empfehle ich als Reinigungsextra ein-, zweimal die Woche ein mildes, enzymatisches Peeling. Was ebenfalls sehr gut sauber macht, sind Kosmetikbürsten." Auch ganz wichtig: Verwende nach dem Reinigen einen Toner, der bringt den pH-Wert wieder in den sauren Bereich und stärkt so die Hautbarriere. Statt Alkohol, der austrocknend wirkt, sollte er besser beruhigende und befeuchtende Zutaten wie Aloe Vera, Hamamelis oder Panthenol enthalten.

Wie kann ich meine Haut in Schutz nehmen? 

Da gibt es zwei sich wunderbar ergänzende Methoden: 1. Benutze einen Toner und Pflegeprodukte mit stärkenden Wirkstoffen für die Hautbarriere; sehr gut erforscht ist etwa die Wirkung von Niacinamid und Ectoin. 2. Setze auf auf Antioxidantien, die freie Radikale an sich binden und deshalb gern auch in sogenannter Detox-Pflege stecken; sehr wirksam sind Vitamin C, Vitamin E oder Resveratrol aus Weintrauben, auch der in vielen Produkten integrierte Moringa-Extrakt soll die Haut effektiv schützen. "Niacinamid und Vitamin C haben noch einen Vorteil", sagt Meike Streker: "Sie helfen gegen Pigmentflecken. Neigst du dazu, solltest du zusätzlich immer einen Lichtschutz am besten von 50 tragen." 

Kann ich meine Haut auch von innen stärken?

Das ist zusätzlich zur Pflege sogar sehr zu empfehlen. Da die freien Radikale ja nicht nur auf der Hautoberfäche, sondern auch in den tieferen Schichten wüten. Also regelmäßig frisches Obst und Gemüse wie Äpfel, Karotten, Orangen und Tomaten essen oder in flüssiger Form trinken. "Sehr vielversprechend finde ich außerdem die Möglichkeiten, mit Nahrungsergänzung etwas gegen die Schäden von Umweltverschmutzung zu tun, also Falten zu mildern und die Haut zu straffen", sagt Meike Streker, die an der Universität Hamburg eine Studie über die Wirksamkeit der Trink-Ampullen "Elasten" mitbetreute. "Denn diese wirken auf den ganzen Körper, während wir uns mit Pflege meist vor allem auf das Gesicht konzentrieren." Für die Studie haben 24 Frauen, alle über 45 Jahre alt, zwölf Wochen lang täglich eine Ampulle "Elasten" mit Kollagen-Peptiden, Vitamin C und E, Zink und Biotin getrunken. Messungen zeigten anschließend, dass die Haut im Gesicht durchschnittlich um fast 50 Prozent elastischer war, am Körper um etwa 40 Prozent.

Ist Make-up oder Shampoo mit Anti-Pollution sinnvoll?

Meist beinhaltet ein Anti-Pollution-Komplex Radikalfänger und andere stärkende Wirkstoffe. In Make-up integriert kann das die oberen Hautschichten schützen und ist deshalb sinnvoll. Detox- oder Anti-Pollution-Shampoos reinigen im Idealfall Haar- und Kopfhaut besonders gründlich, aber sanft von Styling- und Schmutzpartikeln. Für die Kopfhaut gilt laut erster Studien dasselbe wie für das Gesicht: Schmutzpartikel wie PAKs und andere flüchtige organische Verbindungen können die Barriere stören und die Haut irritieren. Folgen sind zum Beispiel Schuppen oder Rötungen. 

Hilft Sonnenschutz auch gegen Umweltschmutz?

Ob etwa mineralische Filter auch Feinstaub-Partikel abhalten können, ist bis jetzt nicht erforscht. Was Studien allerdings gezeigt haben: Lichtschden können durch Feinstaub verschlimmert werden, Umweltschmutz verstärkt also die Wirkung von UV-Strahlung. Deshalb ist sehr wichtig, sich vor beidem zu schützen, also auf Sonnenschutz und Antioxidantien zu setzen. 

Kann man eine Art Schutzschild für die Haut erfinden?

Da sind Forscher tatsächlich dran. "Wir haben für den amerikanischen Markt einen Puder entwickelt, der eine feine Schicht auf der Haut bildet, an die sich keine Partikel haften können", erzählt Muriel Pujos, Director of Scientific Coordination der Luxus-Sparte beim Kosmetik-Konzern Coty. Auch mit bestimmten Lipiden soll ein ähnlicher Effekt erzielt werden. Ein weiterer Ansatz: Den Rezeptor in den Hautzellen mit einem Wirkstoff zu blockieren, sodass die schmutzigen Verbindungen dort gar nicht erst nicht andocken können. Und somit keinen Schaden verursachen. Was das Feld für die Forschung so komplex macht: "Mit technischen Entwicklungen kommen oft neue Partikel in der Luft hinzu, und neue Konstellationen entstehen, die wir erforschen müssen", sagt Coty-Expertin Pujos.

Schmutzpartikel abperlen: Das geht bereits

Von einem "permanenten Innovationsprozess" spricht auch MarieHélène Lair, Scientific Communication Director von Clarins. Das französische Unternehmen ist einer der Pioniere der Anti-Pollution-Kosmetik und integrierte bereits 1991 in die Tagespflege und Foundations eine entsprechende Wirkstoffkombination, die gerade in der sechsten Generation auf dem Markt ist. Ihr Fokus in Zukunft: Bluelight, ein Teil des Sonnen-, aber auch Bildschirmlichts, das der Haut ebenfalls schaden soll. 

Brigitte 08/2018

Wer hier schreibt:

Alexandra Busse-Richter
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