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Beauty-OP Diese Frauen stehen dazu

Beauty-OP: Spritze an Damenlippe
© VALUA STUDIO / Shutterstock
Hyaluron in den Lippen, Botox in der Stirn – immer mehr Frauen helfen bei ihrem Aussehen mit Beauty-Eingriffen nach. Aber kaum eine gibt es zu. Warum hat unsere Gesellschaft so ein Problem damit? Wir sprachen mit Frauen, die offen dazu stehen, und mit der ästhetischen Dermatologin Dr. Negin Pakravesh über vermeintliche Tabus, Scham und Ehrlichkeit.
von Miriam Collée und Narimaan Nikabaht

BRIGITTE WOMAN: Frau Pakravesh, seit die Menschen Mundschutz tragen und Videokonferenzen führen, schnellt die Zahl der Schönheitseingriffe nach oben. Kein Zufall, oder?

Dr. Negin Pakravesh: Ich denke, nicht. Bei Videokonferenzen sieht man ja ständig sein eigenes Gesicht auf dem Bildschirm. Viele gucken dann besonders kritisch auf sich – und nutzen die Gunst der Stunde.

Und renovieren dann nicht nur die Wohnung, sondern gleich sich selbst.

Na ja, der Vorteil an Homeoffice und Zoom-Meetings ist: Die Kamera lässt sich ausschalten. Aus diesem Grund führen wir momentan auch viele Lid-OPs durch. Danach sieht der Bereich für zehn bis 14 Tage teilweise grün und blau geschwollen aus. Wenn der Eingriff unbemerkt bleiben soll, müsste man also zehn bis 14 Tage Urlaub nehmen. Jetzt ist es möglich, nach drei bis vier Tagen wieder zu arbeiten. Auch im Mund-Nasen-Bereich kommt es bei Injektionen häufig zu Hämatomen. Die können unter einer Atemmaske fast unbemerkt abheilen.

Wer kommt zu Ihnen?

Frauen aus allen möglichen Berufsgruppen, auch Männer, die machen bei mir aber nur fünf Prozent aus. Der Großteil sind Frauen, die beruflich stark eingebunden sind, die oftmals viel erreicht haben, repräsentieren und ein gewisses Selbstbewusstsein ausstrahlen müssen. Für diese Frauen ist so ein Eingriff quasi beruflich relevant.

Erfolg und Falten passen nicht zusammen?

Es geht dabei nicht um Falten. Diese Frauen wollen auch nicht unbedingt jünger aussehen.

Sondern?

Sie wollen frischer aussehen, lebendiger. Das ist ein Unterschied. Oftmals wird Menschen, die "etwas machen lassen", unterstellt, sie würden nicht zu ihrem Alter stehen. Das ist in den meisten Fällen allerdings nicht so. Viele erzählen: Ich werde ständig darauf angesprochen, dass ich so müde aussehe. Das ist natürlich etwas, was keine Frau gern hören möchte. Denn diese Aussage wird oft mit der Leistung in Verbindung gebracht. Sie wollen Vitalität und Energie ausstrahlen, und wenn ihr Gesicht etwas anderes vermittelt, wird ein gewisser Widerspruch ausgelöst.

Wie lösen Sie das Problem?

Die Bereiche, die bei einer Person müde und fahl erscheinen, versuche ich frischer und lebendiger wirken zu lassen. Es geht also nicht darum, Falten glattzubügeln, die auf das Alter schließen lassen. Es geht um das Hautbild und vor allem den Ausdruck. Schönheit war immer schon mit Vitalität gekoppelt. Das ist in uns verankert.

Wenn ein Mann müde aussieht, heißt es oft: Der arbeitet zu viel. Bei einer Frau: Die sieht ganz schön verbraucht aus.

Frauen werden immer noch stark über ihr Aussehen definiert. Ich würde aber sagen: Die Männer holen auf. Das zeigt sich an den Generationen. Ältere Männer werden seltener mit Kommentaren zu ihrem Aussehen konfrontiert. Zu einem 30-jährigen Kollegen aber sagt man schon mal: Mensch, du siehst aber müde oder mitgenommen aus.

Interessant. Die Männer haben sich also den Frauen angepasst statt umgekehrt. Theoretisch könnten Frauen ja auch mit müdem Aussehen prahlen: Seht her, ich bin jetzt im Vorstand!

Ich vermute, dass es aus einem sehr primitiven Grund nicht so ist: Wir haben es evolutionär anders gelernt. Glatte, schöne Haut signalisiert uns: Mit dieser Person kann ich gut Kinder zeugen. Auch wenn wir rational alle wissen, dass wir Menschen nicht nach ihrem Aussehen beurteilen sollen, tut unser Unterbewusstsein es trotzdem. Wir analysieren ununterbrochen andere Menschen und deren Gesichtsmerkmale, ohne es wahrzunehmen. Diese Informationen liefern uns vermeintlich sichere Aussagen über den Gesundheitszustand, das Alter, die Vitalität und die Stimmung.

Dann tricksen wir mit Botox und Fillern also die Wahrnehmung aus. Und gaukeln etwas vor, was wir nicht sind.

Das sehe ich anders. Vielleicht ist es ja genau andersherum. Vielleicht leidet eine Frau schon seit ihrer Jugend unter Augenringen und ist in Wahrheit viel dynamischer, als die optischen Signale, die sie sendet, es vermuten lassen. Das lässt sich möglicherweise mit einer Behandlung in Einklang bringen. Sehen Sie, genau das ist das Problem: Sie haben bereits intuitiv ein Urteil gefällt.

Wie meinen Sie das?

Ich gebe Ihnen zwei Beispiele. Bei einer jungen Frau, die starke Aknenarben hat und ihr Hautbild glätten lässt, würden Sie vermutlich nicht sagen: Die gaukelt etwas vor. Die darf das natürlich. Bei einer Frau, Mitte 40, die sich Botulinum in ihre Zornesfalte spritzen lässt, wird hingegen schnell geurteilt: Die hat ein Problem mit dem Altwerden, oder noch drastischer: Sie hat einen schwachen Charakter. Warum messen wir mit zweierlei Maß? Warum urteilen wir ständig? Und warum erwarten wir von Menschen, die ein gewisses Alter erreicht haben, dass sie akzeptieren, wie alles ist?

Vielleicht, weil wir uns früher oder später sowieso damit abfinden müssen?

Vielleicht altert Ihre Haut viel schneller als Sie selbst. Wenn Sie beispielsweise die Tochter von Cindy Crawford sind, supertolle Gene und eine supertolle Haut geerbt haben, haben Sie Glück. Was aber, wenn Sie von Natur aus extrem dünne, trockene Haut haben, die einfach schnell altert? Die Natur hat ihre Gaben nicht unbedingt gerecht verteilt. Was ist verwerflich daran, diese Nachteile mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, auszugleichen? Wenn ich mit 30 schon graue Haare bekomme, färbe ich die doch auch.

Und erzählen es hinterher Ihren Freundinnen.

Genau das meine ich. Haarefärben gilt in unserer Gesellschaft als völlig normal, Zähnebleachen ist akzeptiert, ein gesundes Leben, abnehmen, Sport treiben sowieso. All das sind ebenfalls Mittel, den Alterungsprozess aufzuhalten. Besenreißer entfernen, das ist in Ordnung, es ist ja schließlich eine "Verschleißerscheinung". Wo ziehen wir die Grenze, was gemacht werden darf und was nicht?

Was schätzen Sie: Wie viele Ihrer Patientinnen reden offen über ihre Eingriffe?

Maximal 20 Prozent. Die meisten verheimlichen es. Lustigerweise gibt es soziale Unterschiede. Frauen aus weniger elitären Berufen sind in vielen Fällen offener. Da heißt es: Das sieht aber toll aus, wo hast du das machen lassen? So wie: Oh, tolle Haare, wer hat die geschnitten? Super Nägel, welches Studio?

Sich unters Messer zu legen ist aber nun mal ein deutlich größerer Eingriff, als sich die Nägel machen zu lassen, von den Risiken ganz abgesehen.

Ich meine eher minimale und nichtinvasive beziehungsweise nichtoperative Behandlungen wie Botulinum, Hyaluroninjektionen oder Microneedling. Wir beobachten seit Jahren einen Trend weg vom klassischen Lifting hin zu hautverjüngenden Treatments. Mehr als 80 Prozent meines Tagesgeschäfts sind kosmetisch-ästhetische Hauterneuerungsbehandlungen. Solche Behandlungen sind teilweise unkompliziert und schnell gemacht, mit keiner oder nur geringer Ausfallzeit. Ästhetische Behandlungen werden in naher Zukunft womöglich zum gepflegten Altern dazugehören wie der Friseurbesuch.

Noch verheimlichen die meisten aber einen Eingriff, als wäre es etwas Verbotenes.

Weil viele Patientinnen Angst haben, darauf reduziert oder dafür verurteilt zu werden. Beim Aussehen nachzuhelfen wird in unserer Gesellschaft schnell als Schwäche ausgelegt. Es gibt sogar gelegentlich eine regelrechte Verachtung für Menschen, die etwas machen lassen.

Wie kommt das?

Wahrscheinlich, weil ihnen unterstellt wird, sich mit Oberflächlichkeiten zu befassen. Weil sie sich eher über intellektuelle beziehungsweise berufliche Leistungen definieren sollten, nicht über äußerliche. Es schwingt aber eventuell noch etwas anderes mit: Es wird ihnen unterstellt, dass sie es aus eigener Kraft nicht hinbekommen, für ein gepflegtes Äußeres zu sorgen. Dass sie vielleicht nicht genug Sport machen, zu wenig schlafen, zu viel essen oder rauchen, zu wenig Disziplin, die falsche Einstellung haben. Das Problem daran ist: Der Körper lässt sich mit Sport ganz gut fit und in Form halten. Vitalität im Gesicht ist aber Limitationen ausgesetzt. Es gibt kein Fitnessstudio fürs Gesicht. Der Trend, einen Marathon oder Triathlon zu machen, ist auch eine Form von Körperkult, nicht unbedingt gesund, wird aber in unserer Gesellschaft akzeptiert und teilweise respektiert.

Haben Sie eine Vermutung, warum?

Ein Marathon hat etwas mit Anstrengung und mit der eigenen Leistung zu tun. Bei einer Frau oder einem Mann, der sich behandeln lässt, heißt es: Die machen es sich zu leicht. Dahinter steckt der typische Leistungsgedanke: Nur wer sich anstrengt, verdient es, gut auszusehen. Wo aber ist die Eigenleistung, wenn ich einfach eine gute Haut geerbt habe?

Ist das in anderen Ländern anders?

Im Iran, meiner Heimat, gehen Frauen ganz anders mit Schönheits-OPs um. Dort ist es eher ein Statussymbol, das zur Schau gestellt wird. In Russland oder in Amerika ebenfalls. Dort darf auch gern gesehen werden, dass etwas gemacht wurde. Bei uns kommt dann oftmals die Scham ins Spiel, denn das Gesicht soll möglichst natürlich und unbearbeitet aussehen.

Damit keiner Verdacht schöpft.

Es ist fast paradox: Die Leute wollen, dass etwas gemacht wird, sodass es nach einer Behandlung besser aussieht. Aber keiner soll es sehen.

14,3 % mehr Botoxbehandlungen wurden in Deutschland im letzten Jahr durchgeführt. Quelle: VDÄPC, 2020

Nichtinvasive Methoden der ästhetischen Dermatologie und Chirurgie

Botox

Zornesfalten, Krähenfüße und ein faltiges Kinn geben dem Gesicht oft einen gestressten oder genervten Eindruck. Botulinumtoxin verhindert die Ausschüttung des Botenstoffs Acetylcholin am Übergang vom Nerv auf den Muskel – und damit unkontrolliertes Zusammenziehen der Mimik. Die Injektion legt die Muskeln lahm, die Haut glättet sich. Die Kunst besteht darin, die Substanz so minimal zu dosieren, dass der Gesichtsausdruck natürlich bleibt. Der Effekt hält sechs bis zwölf Monate. Verspritzt sich der Arzt oder die Ärztin, können hängende Lider, eine starre Mimik oder ein schiefer Mund vorübergehende Folgen sein. Deshalb nur zu gut ausgebildeten plastisch-ästhetischen Chirurg*innen oder Dermatolog*innen gehen.

Kosten: Abgerechnet wird nach Einheiten. Die Stirn zu glätten braucht ca. 20 Einheiten Botulinum (ca. 200 Euro), die Zornesfalte 25 bis 30 Einheiten (ca. 300 Euro), Krähenfüße ca. 8 pro Seite (ca. 190 Euro).

Hyaluronsäure

Für jede Falte und Gesichtspartie gibt es die passende Hyaluronsäure. Quervernetzt hat sie eine Geltextur und eignet sich zur Behandlung von Falten und zum Volumenaufbau. Unvernetzte Hyaluronsäure ähnelt einem dickflüssigen Serum und wird zur Hautverjüngung bei Knitterfältchen oberflächlich in die Wangen, Augenpartie, den Handrücken oder das Dekolleté injiziert. Sowohl feine Knitterfältchen als auch tiefe Nasolabialfalten lassen sich mit Hyaluronsäure ausgleichen, Konturen liften und Volumen auffüllen. Der Effekt von vernetzten Fillern hält bis zu zwei Jahre, unvernetzte Hyaluronsäure baut sich in sechs bis neun Monaten ab. Da Hyaluronsäure eine körpereigene Substanz ist, sind allergische Reaktionen so gut wie ausgeschlossen. Nach dem Eingriff können Blutergüsse auftreten, die meist schnell abklingen.

Kosten: Ab 350 Euro.

Vampir-Lift/Eigenblut-Therapie

Die hautverjüngende Methode wirkt wie ein Fresh-up für den Teint. Sie klingt blutiger, als sie ist, da nur das transparente, aus ca. 20 Milliliter Eigenblut gewonnene Plasma in die oberen Hautschichten gespritzt wird. Es entsteht, wenn das Blut nach der Entnahme zentrifugiert und von den roten und weißen Blutkörperchen getrennt wird. Der professionelle Name für die Eigenblut-Behandlung ist PRP-Methode und steht für "Platelet Rich Plasma" (blutplättchenreiches Plasma). Es wird mit vielen feinen Einstichen etwa fünf Millimeter tief in die Haut eingespritzt. Es enthält Wachstumsfaktoren, die die Bindegewebs- und Stammzellen aktivieren und das Gewebe regenerieren. Der Regenerationsprozess führt zu einer deutlich besseren Hautqualität, die nach rund drei bis vier Wochen sichtbar wird. Da körpereigenes Serum verwendet wird, sind allergische Reaktionen ausgeschlossen. Gegen kleine Blutergüsse hilft Heparinsalbe.

Kosten: Ab 350 Euro.

Laserbehandlung

Um Pigment- oder Altersflecken zu beseitigen, gilt eine Lasertherapie als die effektivste Methode. Gezielte, konzentrierte Lichtimpulse erhitzen die Pigmente für einen sehr kurzen Moment so stark, dass sie in viele kleine Teile zerfallen. Diese Partikel werden von den Makrophagen (Fresszellen) aufgelöst und vom Lymphsystem abtransportiert. Die Behandlung ist unangenehm, aber nicht schmerzhaft. Nach ein paar Tagen bildet sich Schorf, der nicht abgekratzt werden darf. Fällt er ab, erscheint makellose Haut, die mit LSF 50 geschützt werden muss, damit nicht erneut Flecken auftauchen.

Kosten: Ab 150 Euro, abhängig von der Anzahl und Größe der Flecken.

Top Five der Beauty-Eingriffe bei Frauen

  1. Botulnumtoxin
  2. Hyaluron
  3. Fettabsaugung 
  4. Lippenkorrektur
  5. Brustvergrößerung

Wie stehst du zu Schönheits-OPs und -behandlungen?

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Dr. med. Negin Pakraves ist Expertin für ästhetische Dermatologie und Hautchirurgie. Sie praktiziert in der Bellari Medical Beauty Praxis in Hamburg und in der Rosenparkklinik in Darmstadt.

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