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Brust verkleinern Diese Frau hat es gewagt

Brust verkleinern: BH mit Maßband
© N.Smyth / Shutterstock
Große Brüste sind nicht immer schön, sondern manchmal auch eine echte Last. Immer mehr Frauen lassen daher ihren Busen verkleinern – Amelie Hofer ist eine von ihnen.

Über Jahre bestimmte das Verstecken ihr Leben. Oder eher der Versuch, ihre Figur zumindest ein bisschen zu kaschieren. Selbst an heißen Sommertagen trug Amelie Hofer deswegen eine Strickjacke oder drapierte ein Tuch über Schultern und Brust. "Ich hatte das Gefühl, nur aus Busen zu bestehen", erzählt die 53-jährige kaufmännische Angestellte. "Im Stehen hing er bis zur Taille herunter. Bei dieser extremen Größe starrt natürlich jeder automatisch hin. Das war mir furchtbar unangenehm und peinlich."

Klein statt groß

Im vergangenen Juni entschloss sich die zweifache Mutter aus München deshalb zu einem drastischen Schritt. Sie ließ ihre Brüste verkleinern – von Körbchengröße G auf C. Ein Eingriff, den immer mehr Frauen vornehmen lassen. Da sind zum einen Promis wie Victoria Beckham, Sophia Thomalla oder Chrissy Teigen, die sich ihre Implantate entfernen lassen, um obenrum wieder Naturgröße zu tragen. Selbst "Baywatch"-Star Pamela Anderson, deren Status als Sexsymbol den Trend zum Implantat in den 1990ern sicherlich noch verstärkte, ist inzwischen deutlich flacher. Zum anderen legen sich auch immer mehr Frauen unters Messer, die natürlicherweise einen großen Busen haben. Nach Angaben der Vereinigung der Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC) wurden 2019 in Deutschland insgesamt 2407 Brustverkleinerungen durchgeführt. Das sind zwar deutlich weniger als die rund 4400 Vergrößerungs-OPs, aber immerhin schon knapp acht Prozent mehr als im Vorjahr.

"Sich den Busen verkleinern zu lassen, ist der neue Trend in der Brustchirurgie", bestätigt Professor Dr. Christoph Heitmann, Plastischer und Ästhetischer Chirurg mit Praxis in München und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Senologie. Seit mehr als 25 Jahren arbeitet Christoph Heitmann als Brustchirurg und sagt: "Stand der Ehemann früher auf große Brüste, stießen die Frauen mit ihrem Wunsch nach einer Verkleinerung auf Unverständnis. Am Körper durfte man nichts verändern. Große Brüste galten als schön und gut. Selbst wenn der Rücken schmerzte, trugen die Frauen lieber zwei BHs übereinander, um die schwere Last zu tragen. Manche Patientinnen kamen dann allerdings nach dem Tod des Partners und ließen den Eingriff vornehmen."

Inzwischen seien Frauen insgesamt viel selbstbewusster geworden, wollten sich mit ihrem Körper im Einklang fühlen – und entscheiden sich immer öfter für eine Verkleinerung. Und zwar egal, wie der Partner oder ihr Umfeld dazu stehen. Allerdings dauere es nach wie vor sehr lange, bis die Betroffenen sich endlich trauen, die Operation durchführen zu lassen. Häufig gehe ein jahrelanger Entscheidungsprozess voraus. Und eine ebenso lange Leidensgeschichte.

Ständiges Unwohlsein

Bei Amelie Hofer begann es nach der Geburt ihres zweiten Sohnes – damals wuchsen ihre Brüste von C auf F –, später kamen Veränderungen durch die Wechseljahre dazu. Bei der überwiegenden Zahl der Frauen werde der Busen durch die Hormonumstellung größer, so Experte Heitmann. Zwar schrumpft die Brustdrüse, aber Fett- und Wassereinlagerungen können zunehmen und das Gewebe wird insgesamt weicher. Amelie Hofer brauchte bald ein G-Körbchen. "Ich hatte zwei hängende Ballons mit riesigen Warzenhöfen und flachen Nippeln", erinnert sie sich. Sie ist eine große, attraktive Frau. Trotzdem vermied sie es immer häufiger, in den Spiegel zu schauen: "Die großen Brüste passten nicht zum Rest meiner Statur. Ich fand meinen Körper hässlich."

Sie versuchte es mit Abnehmen. Aber wie es bei Diäten nun mal ist: An welchen Körperpartien man abnimmt, ist eine Typfrage. Amelie Hofer verlor im Gesicht und am Po, an den Beinen und am Bauch an Gewicht. Nur ausgerechnet der Busen wollte nicht weniger werden. Erfahrungen, so Experte Heitmann, die viele Frauen mit sehr großen Brüsten machen: "Selbst wenn sie hier an Gewicht verlieren, ist das vergleichsweise so wenig, dass die Brüste nach wie vor überproportional groß sind."

Bald wusste sie kaum noch, was sie anziehen sollte. Kein BH saß, immer stach der Formbügel in die Achsel. An Bikinis traute sie sich gar nicht erst ran und hatte sie endlich einen passenden Badeanzug gefunden, fühlte sie sich trotzdem unwohl und traute sich nicht mit ihren Jungs zum Baden an den See. "Das mag sich vielleicht übertrieben anhören, aber ich schämte mich schrecklich." Da half es auch nichts, dass Ehemann Thomas ihr immer wieder versicherte, sie so zu lieben, wie sie ist. Im Gegenteil: Immer öfter kam es zum Streit. Im Gegensatz zu ihr fand Thomas die großen Brüste nämlich äußerst attraktiv. "Er konnte meinen Frust nicht verstehen und meinte, ich solle mich doch freuen", sagt Amelie Hofer. Dabei war es für sie längst mehr als ein optisches Problem: Wie bei allen Frauen mit extrem großen Brüsten schmerzte ihr Rücken; Nacken und Schultern waren ständig verspannt, oft plagten sie Kopfschmerzen. Im Sommer schwitzte sie in der Unterbrustfalte, wo Haut auf Haut zu liegen kommt, extrem stark. Um Entzündungen zu vermeiden, musste sie sich an diesen Stellen eincremen. Auch bestimmte Sportarten wie Joggen waren nicht möglich. Zu sehr tat ihr dabei der Rücken weh.

Die Risiken sind gering

Amelie Hofer versuchte, sich auf Familie und Job zu konzentrieren und zu verdrängen, wie sehr Körper und Psyche angeschlagen waren. Bis Corona und der erste Lockdown kamen. "Plötzlich stand alles still und ich hatte Zeit zum Nachdenken", sagt sie. "Ich bin privat und beruflich total zufrieden, wollte mich aber endlich wieder in meinem Körper wohlfühlen und mich schön finden."

Sie vereinbarte ein Beratungsgespräch bei Brustchirurg Heitmann. Der Experte erklärte Amelie Hofer, dass es verschiedene Methoden zur Brustverkleinerung gibt. Bei der T-Schnitt-Technik, die am häufigsten angewandt wird, wird die Brust wie eine Skulptur modelliert und zugleich gestrafft. Zudem wird der Warzenhof an die neue Brustgröße angepasst. Zwei Stunden dauert die OP insgesamt. Die Risiken sind gering: "Schwellungen und Blutergüsse sind normale Begleiterscheinungen. Aber Infektionen des Wundgebiets treten selten auf und können gut behandelt werden", so Heitmann.

Der Brustchirurg weiß: Die größte Angst seiner Patientinnen ist es, nach der Operation mit einem Mini-Busen aufzuwachen und ihre Entscheidung zu bereuen. Amelie Hofer beruhigte er auch mit Vorher-Nachher-Bildern: In ihrem Fall war wie meistens bei sehr großen Brüsten ohnehin nur eine Reduktion auf Körbchengröße C möglich, ohne die Durchblutung des verbleibenden Gewebes zu gefährden.

Ein ganz neues Lebensgefühl

Die Kosten des Eingriffs, zwischen 5000 und 8000 Euro, werden von der Krankenkasse nur im Einzelfall übernommen, wenn eine medizinische Indikation vorliegt und bestimmte Kriterien erfüllt sind: etwa ein Gewicht von mindestens 500 Gramm, das pro Brust entfernt wird, und ein Body-Mass-Index im Normbereich zwischen 18,5 und 25. Und selbst wenn dies zutrifft, ringen viele Betroffene über Monate, teilweise Jahre mit ihrer Krankenkasse – und kassieren letztendlich doch eine Absage. "Die Auswahl erscheint willkürlich", sagt der Brustchirurg. Diesen Stress wollte sich Amelie Hofer nicht antun. Lieber ging sie an ihr Erspartes, um die OP so schnell wie möglich durchführen zu lassen.

Tatsächlich berichten viele plastische Chirurg* innen, dass sie seit Beginn der Pandemie häufiger Eingriffe vornehmen. Mehr Homeoffice, insgesamt weniger Sozialleben – das scheint die Entscheidung für eine OP leichter zu machen, an die sich oft noch ein paar Wochen bis zur vollständigen Genesung anschließen. Amelie Hofer musste nach dem Eingriff für sechs Wochen einen Kompressions-BH tragen. Sie durfte während dieser Zeit weder schwer heben noch die Arme über den Kopf strecken und auch nur wenig Sport machen.

Trotzdem fühlte sie sich gleich nach dem Eingriff erleichtert – und das nicht nur, weil sie auf jeder Seite 1,5 Kilo verloren hatte. Auch ihr Mann, der ihre Entscheidung letztendlich zwar akzeptiert hatte, aber bis zum Schluss wenig begeistert davon gewesen war, fand ihre neuen, kleineren Brüste von Anfang an schön. "Es ist ein ganz neues Lebensgefühl", schwärmt Amelie Hofer. "Die Rückenschmerzen sind weg, ich kann wieder joggen gehen und finde mich endlich wieder schön." Jetzt traut sie sich sogar, auffällige Shirts zu tragen, und die Tücher, die sie vorher immer um ihren Ober­körper wickelte, liegen weit hinten im Schrank. 

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