Ich weiß haargenau, was ich will...

. . . bloß wie erkläre ich meinem Friseur, was das ist? Zur besseren Verständigung mit dem Figaro entwickelt Beauty-Redakteurin Stefanie Höfle einen Coiffeur-Code

Wäre es nach meinem Friseur gegangen, hätte ich jetzt einen "heißen Bob" auf Kinnlänge in feuriger Kupferfarbe. Dreimal hatten meine Haare schon ein Date mit Christophe und seiner vorwitzigen Schere. Und jedes Mal war der Figaro ein bisschen enttäuschter, dass ich trendresistentes Wesen nicht wenigstens die stylishe Notwendigkeit von Kupfer auf meinem Kopf (O-Ton: "Das passt so super zu deinem sommersprossigen Teint") einsehen wollte. Warum mich selbst so zuckerige Sätze wie "Sweetheart, mit dem Look bist du ganz weit vorn" nicht von meiner brünetten und vor allem stets zopffähigen Langweilerinnen- Langhaar-Mähne abbringen konnten?

Vermutlich liegt es daran, dass meine Haargeschichte eine wild naturgelockte, oft zu durchgestufte, strohig blondierte und leider auch spliss-strapazierte ist. Nach diversen Schnittruinen und Fehlfarben, die mein Gesicht unvorteilhaft umrahmten, habe ich gemerkt, wie ungeheuer wichtig es ist, einen Friseur zu haben, der mich versteht. Ich entwickelte meinen eigenen Friseur-Code: Mein Beitrag zur besseren Verständigung zwischen Kundin und Coiffeur. Seitdem spüre ich sofort, wann es an der Zeit ist, alle innovativen Styling-Beratungen an sich abperlen zu lassen wie Wassertröpfchen an serumgepflegtem Haar.

Vor zwei Jahren zum Beispiel geriet ich dem lässigen Szenefriseur Toni unters Messer. Er "curvte" (so nannte er seine messerscharfe Schnitt-Technik) sich durch meine ponyhaarartige, mühsam lang gezüchtete Mähne, um Volumen zu reduzieren, wie er wortreich erklärte. Während Toni siegesgewiss mit dem Messer hantierte, drehte ein DJ in dem ultra angesagten, puristisch weiß designten Salon wild an den Plattentellern. Am Ende von Clubsound Volume 3 war mein Volumen hübsch plattgemacht, und ich sah aus, wie ich nie aussehen wollte: durchgestuft vom Ohrläppchen bis in die mit Wachs nach außen gezupften Spitzen. Um den coolen Struppi- Schnitt die nächsten vier Wochen nicht bei jedem Anflug von Luftfeuchtigkeit außer Rand und Band geraten zu lassen, besorgte ich mir sofort das nicht gerade günstige Profi- Glätteisen von ghd inklusive "Straight & Easy"-Glättungs-Shampoo von Nivea Hair Care und "Osis+Flatliner Flattening Iron Serum" von Schwarzkopf Professional. Mit dieser Produktkombination bügelte ich tagtäglich die rausspringenden Zottelhärchen glatt.

Mein zweites Haar-Desaster begann mit meinem dringenden Blondinen-Wunsch. Blond ist ein Schlüsselreiz für Männer - das funktioniert sogar schon mit wenigen Sonnensträhnchen, wie ich festgestellt hatte. Na bitte, dann mal fröhlich losgefärbt. Beim Blick in den Spiegel verlor ich fast die Fassung: Das Wasserstoffperoxid der Blondierung hatte nach 40 Minuten jedes Braunpigment gelbstichig aufgehellt. Kurz davor, alles abschneiden zu lassen - besser Glatze als diese Maisfarbe -, wartete ich erst mal ab. Immerhin so lange, bis Salonchefin Tina die gelben Locken tuffig aufgeföhnt hatte. Dann verließ ich wortlos den Salon "Haaresbreite". Daheim stülpte ich mir meine Lieblingshäkelmütze aufs Gelb und eilte zum stadtbekannten, aber leider auch sehr teuren Farbexperten Christophe. Ton für Ton holte er die rehbraunen Farbpigmente in meine totblondierte Mähne zurück - nicht ohne mein armes Haar während der Prozedur stetig zu bemitleiden.

Den Rettungseinsatz mitgerechnet, war ich insgesamt also dreimal bei Christophe. Und obwohl er deshalb wirklich Verständnis für meine ausgeprägten Friseur-Ängste hätte haben müssen, versuchte er die "Wie wäre ein Bob à la Victoria Beckham?"-Nummer jedes Mal wieder aufs Neue. Woraufhin ich jedes Mal wieder aufs Neue entgegnete: "Neihein, außerdem hat die Beckham seit Neuestem doch einen Kurzhaarschnitt, und der ist nun wirklich alles andere als zopftauglich."

Mein Friseur-Code bekam die ersten Einträge: Brünette mit Blond- Sehnsucht sollten die Finger von eintönigen Komplettfärbungen lassen. Natürlicher sind Strähnchen in unterschiedlichen Aufhellungen. Und: Klare Ansagen an den Figaro - "Es soll alles so bleiben, wie es ist, bloß die trockenen Spitzen ab. Das heißt exakt vier Zentimeter." Dieser Wunsch muss übrigens keineswegs langweilig sein, betont Martin Max, mein neuer Friseur, der mein Vertrauen gerade Schnitt für Schnitt erobert. "Veränderungen im Detail machen viel aus, auch bei Langhaar-Kundinnen", sagt der Haarstylist aus Hamburg. "Millimeter entscheiden über den richtigen Fall. Egal, ob langer oder kurzer Basisschnitt", erklärt der Profi. Mein Friseurherz öffnet sich wieder bei solch einfühlsamen Sätzen über die wahre Schnitt-Kunst. Wenn schließlich eine zufriedene Neukundin mit einem guten Haargefühl aus dem Salon schwebt, stehen die Chancen auf Grün, dass sie wiederkommt. Und beim nächsten Mal vertraut sie dem Coiffeur schon ein kleines bisschen mehr und traut sich womöglich auch mehr. "Die Kundinnen haben ein Bedürfnis nach Sicherheit, das muss ich erfüllen", sagt Martin Max. Und was bedeutet das nun für meinen Friseur-Code? Wer auf der Suche nach einem neuen Stammsalon ist, sollte den Punkt "Vertrauen" auf Platz eins der Checkliste setzen. Denn auf ihr erstes Bauchgefühl kann Frau sich meistens verlassen. Mein Bauch sagt schon mal Ja zu Martin.

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Dennoch gehört zu einer gewissenhaften Recherche in Sachen Friseur-Code unbedingt ein zweiter Experte. Meine Wahl fällt auf Wolfgang Zimmer, Salonbesitzer aus Berlin. Mein Anliegen an den Figaro: Eine Hochsteckfrisur für die große Charity-Gala, zu der ich am Abend eingeladen bin. Kaum dass ich auf den hydraulischen Massagestuhl sinke, plappere ich gleich los: "Bloß nicht zu aufgetürmt und fest betoniert, nur mit einem Hauch von Glamour." - "Wir betonieren nie", unterbricht mich Wolfgang Zimmer. Und bevor ich ihn weiter instruiere, wie er mein Haar hochzustapeln hat, schlägt er einen leicht toupierten Hinterkopf vor, an den Seiten streng nach hinten gesteckt. Während er strähnenweise mein Haar drapiert, erklärt mir Wolfgang Zimmer seine Salon-Philosophie: "Bevor unsere Kundinnen sagen, was sie wollen, schlagen wir erst mal unsere Idee vor. Das gewährt uns mehr kreativen Freiraum." Ah ja! Obwohl ich mich ein bisschen übergangen fühle, gefällt mir das Hochsteck-Ergebnis sehr gut - hingehauchter Glamour ohne klebrige Haarspray-Verklettungen.

Den Gala-Test hat Wolfgang Zimmer bestanden. Jetzt will ich wissen, wie er bei alltäglichen Haarproblemen abschneidet. Und stelle ihm die sensible Spliss-Frage: "Warum verlassen langhaarige Frauen häufig mit zehn Zentimetern weniger Länge den Friseurladen, als sie geplant hatten?" - "Wenn das Haar bis auf halbe Höhe gebrochen ist, bringt es gar nichts, nur zwei Zentimeter wegzunehmen. Gespaltene Haare brechen immer weiter ab, der Spliss zieht sich dann ganz hoch", erklärt der Experte. Ich vermerke die Erklärung auf meinem Figaro-Schlüssel unter dem Punkt "Haarrettung".

Am Ende überzeugt mich Wolfgang Zimmer mit seinem finalen Statement von seinen Qualitäten: "Man sieht nicht, dass Sie bei uns waren." Das bedeutet: Kein aufgeflufftes Föhn-Vogelnest à la Caroline Reiber am Hinterkopf, kein künstliches Killerblond oder gar kreischendes Kupferrot. Einfach nur der natürliche Fall schön geschnittener Haare - kinderleicht nachzustylen am kommenden Morgen.

Bei aller gebotenen Vorsicht vor extremen Einschnitten im Frisurenleben, muss an dieser Stelle auch eine Lanze gebrochen werden für eine gelungene Look-Veränderung. Natürlich sollte der Vorschlag "Probieren Sie doch mal was Neues aus" haarklein durchgesprochen werden - denn Unstimmigkeiten führen zu eben beschriebenen Verschnitten. Was also schlägt mir Martin vor? "Einen französischen 60er-Jahre-Bob, die Seiten weich durchgestuft mit Slice- Technik." Was bitte? Dann wuschelt, dreht und legt er meine Strähnen gerade so, wie das französische Ergebnis aussehen könnte. Und erklärt in aller Ruhe, was die ominöse Slice(= Scheibchen)-Technik ist - nämlich "sensibel die Haarebenen in Struktur schneiden, so dass die Haare schön schmal fallen". Klingt gut, sehr gut sogar, kein Beckham-Bob und keine falsche Farbe kommen in der Beratung vor.

Zwei Stunden später spaziere ich aus dem Salon und schiele auf dem Heimweg in jedes Schaufenster, ob der natürlich geslicte Fall auch hübsch in meinem Schritttakt mitwippt. Oui, es wippt. Und zwar très chic. Von wegen trendresistent - man muss mir den Trend eben bloß in meine eigene Sprache übersetzen, "Sweetheart"!

Illustrationen: Birgit Potzkai Ein Artikel aus der BRIGITTE 25/08

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