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Nie wieder grauer Ansatz Frauen mit grauen Haaren sind so glücklich wie lange nicht

Frauen werden grau: Ältere Frau mit grauen schulterlangen Haaren
© goodluz / Shutterstock
Corona hat auch positive Nebeneffekte: Wir haben geputzt und renoviert, okay. Und die Umwelt scheint sich zu erholen. Aber wir haben auch etwas Persönliches gelernt: Der soziale Druck nimmt ab – und das bringt ein wunderbares Befreiungsgefühl mit sich.

Schon seit ein paar Jahren sind graue Haare bei Frauen schwer angesagt. Ob mit einem präzisen Kurzhaarschnitt, als lange Haarpracht oder als markantes Detail einer Frisur. Allein: Die Trägerinnen hatten dabei in der Regel selbst noch kein einziges Haar, dem es von Natur aus am Farbpigment Melanin mangelte – sie waren zumeist noch sehr jung. Grau hatte als Trendfarbe bloß Platinblond, Blau oder Grün abgelöst. 

Mit Beginn der Corona-Pandemie bekamen allerdings vor allem ältere Frauen ein Problem. Durch den andauernden Lockdown war kein Friseurbesuch mehr möglich. Während Männer sich Mähnen, Schnurris oder Vollbärte wachsen ließen, so als hätten sie eine tolle Verkleidungsidee auf die sie hinarbeiteten, wuchs bei vielen Frauen die Haarfarbe heraus und der graue Ansatz war mit Tönungen nur mühsam zu kaschieren. Statt zu verzweifeln, nahmen es manche zum Anlass, mit der Färberei Schluss zu machen. Da wir alle schon mal bessere Zeiten auf dem Kopf hatten, bot sich nun eine Art optischer Herdenschutz: untertauchen in der nicht mehr gestylten Masse.

"Mein Haar war so kaputt vom Färben"

Interessant ist das Ergebnis dieser Notlösung, das der britische "Guardian" mithilfe einer Vorher-Nachher-Reihe und den Aussagen von elf Frauen dokumentiert hat. Statt sich alt und hässlich zu fühlen, wuchs bei den Frauen mittleren Alters mit jedem Zentimeter des Graustreifens ein neues Selbstbewusstsein. Warum länger verstecken, was da plötzlich sichtbar wird? Passt das nicht viel besser zu meinem erwachsenen Ich? Aus der Resignation entstand nach einer Phase der Gleichgültigkeit die Entdeckung einer neuen Person.

"Ich konnte diese Trennlinie nicht mehr sehen. Mein Haar war so kaputt vom Färben", erzählt Lisa Sparrow, 57, im "Guardian". "Jetzt lebe ich mein wahres Selbst. Ich fühle mich erlöst, frei und erleichtert." Die gebürtige Britin lebt inzwischen in den USA und rät anderen Frauen: "Steh zu deinem grauen Haar und sei stark!"

"Ich fühle mich emanzipiert"

Die 50-jährige Fozia kam bereits mit ein paar weißen Haaren auf die Welt und hatte schon in ihren Zwanzigern graue Strähnen. Sie begann, ihr Haar zu färben. Doch nur eine Woche später waren wieder helle Ansätze zu sehen. Frustrierend. Kurz vor Weihnachten hat sie aufgehört zu färben und ist nun gespannt, wie das Resultat aussehen wird. "Ich fühle mich emanzipiert", sagt sie im Guardian.

Der soziale Druck, ewig jung und wie alle anderen auszusehen, ist mit der Pandemie von vielen Frauen abgefallen. Experimentierfreude und Mut haben zugenommen. Die Porträtierten wirken glücklich und ganz bei sich. Hinzu kommt ein weiteres Geschenk: mehr Zeit für andere Dinge. Aber Zeit hat uns Corona ja eigentlich schon im Übermaß beschert. Langsam lernen wir aber offenbar, sie für sinnvolle Dinge zu nutzen.

Quelle: The Guardian

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei stern.de.

bal/stern

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