Beim Hollywood-Friseur: Föhn ab in L.A.

Bevor in Hollywood die Oscars verliehen werden, gehen die Stars erst mal zum Friseur. BRIGITTE-Mitarbeiterin Angelika Ricard-Wolf war in Beverly Hills, wo sich die Filmprominenz stylen lässt.

Hund McDougall passt auf.

"Ist sie noch drin?" Das ist die alles entscheidende Frage, mit der ein Pulk von 18 (!) Fotografen jeden bestürmt, der aus dem John-Frieda-Salon am Melrose Place in Beverly Hills kommt. Sie warten auf die Schauspielerin Jennifer Garner. Die vermuten sie drinnen beim Friseur. So eine Sitzung kann bekanntlich dauern. Also belagern die Paparazzi weiter den Salon, zu dem die Prominenz aus Hollywood pilgert, um sich die Haare färben, schneiden und stylen zu lassen.

Pech für die Berufs-Voyeure, dass der Schönheitstempel von der Straße her nicht einsehbar ist. Eine schmale, von Buchsbäumen gesäumte und rot gestrichene Passage führt wie ein Trichter ins Innere des Hauses. Verschärfend kommt hinzu: Der Engpass wird bewacht. Von McDougall, dem kessen schwarzen Scotchterrier von Joann Smyth, die das feine Schmuckgeschäft nebenan besitzt. Der ist allerdings (mit Streicheleinheiten) bestechlich und gibt den Weg frei.

Nicht aber Andi Steloff. An der höflich-bestimmten Brünetten hinter der Glastür zum Salon kommt keiner vorbei, der nicht angemeldet ist. Das wäre ja noch schöner. "Das hier ist zwar unser Arbeitsplatz, aber tagsüber unser Zuhause", sagt die Salonmanagerin,"wir sind hier wie eine Familie, die ihre Gäste als Freunde empfängt. Es herrscht eine private Atmosphäre."

Guys tätowierter Arm wird beim Föhnen selten müde.

Wer den Salon betritt, fühlt sich sofort gut aufgehoben. Einen Dress-Code für die 42-köpfige Crew gibt es nicht. Jeder pflegt seinen Stil, nur Eitelkeit im Job gilt als unprofessionell und ist verpönt. Alle gehen freundlich miteinander um. Von Hektik keine Spur. Und das, obwohl jeder Platz im Laden besetzt ist. Die Termine sind seit Wochen vergeben - für die Oscar-Nacht am 25. Februar. Für dieses Mega-Ereignis lassen sich alle, die in der Filmstadt Los Angeles auf sich halten, frisieren - für einen absolut schnittigen, verlockenden, glänzenden Gang über den roten Teppich. Im Blitzlichtgewitter der Fotografen zu bestehen ist in jeder Beziehung eine Kopfsache. Denn, so bringt Stylist Guy Riggio den Stellenwert seines Berufsstandes auf den Punkt, "mit einer guten Frisur gehst du automatisch erhobenen Hauptes, selbst wenn du nackt wärst".

ist noch da. Jonathan Gale, einer der Coloristen, durchfärbt ihre Mähne mit Strähnen. Weit über 100 hat er in ihr schulterlanges Haar gesetzt. Jede ist der Länge nach doppelt in Alufolie gewickelt. Die zweite Schicht legt er wie einen Ring über den Haaransatz. Zwei Assistenten reichen Folie und Farbschälchen zu. Das geht im Akkord. Klapp-klapp-klapp blättert der 48-Jährige nun die Silberstreifen um wie Seiten in einem Buch und tönt die feinen Strähnen dazwischen in einer anderen Nuance. Mittlerweile hat Miss Garner einen gewaltigen Flitter-Kopfschmuck, der vom Volumen her eines Indianerhäuptlings würdig wäre.

Negan pinselt Strähnchen ins Haar.

"Ich liebe Weihnachten", amüsiert sich Jonathan ungeniert über sein jüngstes Glitzerwerk. Minnie Driver hat er an diesem Morgen zwecks Farbauffrischung auch schon so dekoriert. Sie ist bereits wieder auf dem Weg nach Hause. Wie Geena Gershon. Der Pragmatiker weiß um die Wirkung von Farbe. Positiv: "Der richtige Ton verjüngt." Und negativ: "Bloß im Alter nicht zu hell werden", warnt er mit einem Augenzwinkern, "das macht unsichtbar."

Auf seiner VIP-Kundenliste stehen viele Diven. "Frauen lassen ihre Haare meist lieber von Männern stylen", meint Jonathan, "wenn wir das Haar berühren, verabreichen wir von Berufs wegen Streicheleinheiten. Ohne den Hintergedanken der Anmache. Das ist das Entscheidende. Die Frauen können es genießen und sich entspannen." Auch Managerin Andi glaubt, dass Frauen lieber von Männern frisiert werden. Allerdings aus einem anderen Grund: "Die Kundinnen wollen mit den Augen derjenigen betrachtet und entsprechend gestylt werden, die sie hinterher vorrangig mit ihrer Frisur beeindrucken wollen." Vor der Oscar-Verleihung vollbringt Andi, die täglich bis zu zehn Stunden auf Highheels hinter ihrem Empfangstresen steht, zusätzlich eine zweite Höchstleistung. Sie koordiniert die Termine der Stars mit denen der jeweils bevorzugten Haarkünstler. Doch je mehr Stress hinter den Kulissen auch anfallen mag, umso ruhiger und konzentrierter erledigt jeder davor seinen Job.

Unter der Haube können die Kundinnen abschalten.

Liegt das an den Kristallen, die nach Feng-Shui-Regeln im Salon platziert sind und Harmonie und Energie verbreiten sollen? Oder am kalifornischen Sonnenschein, der selbst im Winter Tageslicht und Wärme durch bodentiefe Glaswände in die fünf ineinander gehenden Räume schickt? Sie sind in puristischem Weiß gehalten und umsäumen U-förmig ein Atrium, in dessen Mitte ein azurblauer Pool liegt. Auf dem Wasser schwimmen frische Blüten. Bougainvilleen und haushohe Ficusbäume spenden in dem versteckten Innenhof natürlichen Schatten, wenn die Kunden draußen (!) unter der Haube sitzen. Wie im Augenblick Jennifer Garner.

"Ich wusste gleich: Das hier ist der richtige Platz", erinnert sich John Frieda an die Besichtigung vor sieben Jahren. Der britische Starfriseur besaß bereits fünf Salons in London und New York, als er das Apartment am Melrose Place kaufte, das dem Sänger Neil Diamond gehörte. Auf Kundschaft brauchte John Frieda nicht lange zu warten. Meg Ryan kam als Erste, Michelle Pfeiffer folgte . . . "Das ging über Mund-zu-Mund-Propaganda ganz schnell", erinnert sich Andi, die seit der Eröffnung im Jahr 2000 dabei ist.

John Frieda selbst überlässt das Stylen längst jungen Könnern der Branche, die Schlange stehen, um in seinem Salon am Melrose Place zu arbeiten. Ihre Kreativität und seine Erfahrung nutzt er, um höchst erfolgreich innovative Produkte für seine Haarpflegemarke zu kreieren. Da Stars von Natur aus oft nur feine Flusen auf dem Kopf haben und nicht jene Neid erregende Pracht, mit der sie öffentlich auftauchen und fotografiert werden, hat John Frieda mit seinem Team gerade die neue Stylinglinie "Volume" entwickelt.

Adrian prüft vor dem ersten Schnitt das Haar genau.

Küsschen rechts, Küsschen links. Kim Basinger, leger in Flipflops und Yoga-Anzug, begrüßt Coloristin Negin Zand, die sich darauf spezialisiert hat, Farbe ins Haar zu malen. Negin pinselt allerfeinste Striche vom Scheitel bis in die Spitzen. "Oben dünn und nach unten hin breiter", erzählt die 37-Jährige, "es soll so aussehen, als wären die Haare ganz natürlich von der Sonne geküsst." Malen kann sie übrigens weder Wände noch auf dem Papier. Auf Haar als Untergrund läuft sie allerdings zu Picasso-Format auf. So gesehen haben Nicole Kidman, Sarah Jessica Parker, Reese Witherspoon, Jane Fonda, Cate Blanchett, Penelope Cruz, Scarlett Johansson, aber auch Jon Bon Jovi und Daniel Craig, der neue Bond, einen echten "Zand" auf dem Kopf. Der kostet - je nach Aufwand - ab 350 Dollar. Zwischen 500 und 600 Dollar blättert die betuchte Klientel im Schnitt für einen Besuch in Friedas Salon hin. Plus reichlich Trinkgeld.

"Ob ich Geena Davis einen Chignon stecke", sagt Teddy Antolin, 59, Grandseigneur unter den Stylisten, "hängt vom Kleid ab, das sie trägt." Meist zeigen die Stars vorher, was sie anziehen werden. Doch das kann sich in letzter Minute auch noch wieder ändern. Da ist Flexibilität gefragt. Teddy hat schon Zsa Zsa Gabor und Hildegard Knef filmreif gekämmt, jetzt putzt er Paris Hilton und Sharon Stone heraus. Teddy Antolins Arbeitsplatz ist mit Bildern von seinem Freund Derik und seiner Katze "Cupcake", Kristallen, Orchidee und knallrotem Föhn dekoriert und fällt im stilistisch klaren, puristischen Ambiente des immer tadellos aufgeräumten Salons sofort auf. Der Asiate liebt es, die Assistenten, die einmal pro Woche zum Styling-Training antreten müssen, zu unterrichten. "Dann reiße ich zum Beispiel ein Foto mit einem Dior- Kleid von Galliano heraus, schneide natürlich den Kopf ab, damit die Haare nicht zu sehen sind, und sage: Stylt zu dieser Mode die Frisur. Aber nicht eine, sondern zwei!" So lehrt man Kreativität.

Wickler und Dauerwelle lehnt er wie die anderen Stylisten hier total ab. Für Superlocken werden gekringelte Extensions, Haarverlängerungen, verwendet, ansonsten setzen sie alle auf die Macht der Bürsten. "Es müssen dicke, gute mit Naturborsten sein. Das gibt Volumen und Sprungkraft", sagt Guy. "Genau", stimmt Kollege Adrian Castillo zu, "aber am allerwichtigsten ist es, die Haare mit einem Stylingprodukt zu stärken und wirklich richtig trocken zu föhnen. Dafür nehmen sich die wenigsten Zeit, und dann wundern sie sich, wenn ihre Frisur zusammenfällt."

Die Stylisten selbst wundern sich über etwas ganz anderes. Nein, nicht über die Tatsache, dass auch VIPs bei ihnen mit Fotos von der Leinwand-Konkurrenz auftauchen und genau deren Frisur haben wollen. Das ist schon okay. Sie erstaunt es vielmehr, dass sich so wenig Kunden die Handgriffe abschauen, mit denen sie die Haare stylen. Adrian ermuntert daher alle: "Sex up your style!"

Ach herrje, die Fotografen. Sie warten tatsächlich immer noch auf Jennifer Garner. "Ist sie noch drin?" Ja, sie ist. Und isst. Sie hat eine Plastiktüte auf dem Kopf, unter der die Farbe einwirkt, balanciert im Sitzen ein Tablett mit einer Suppenschüssel auf den Knien und schlürft die langen Nudeln daraus genüsslich hoch. Das wäre ein Schnappschuss!

Text: Angelika Ricard-Wolf Fotos: So-Min Kang BRIGITTE Heft 5/2007
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