Sylvie van der Vaart über den Ausfall ihrer Haare: "Die Perücke hat geholfen, in den Spiegel zu sehen"

Krebs. Chemo. Haare weg. TV-Moderatorin Sylvie van der Vaart, 34, hat es erlebt - und stand schnell wieder vor der Kamera. Geschulte Friseure und gute Perücken machen das heutzutage möglich.

Sie war gerade 31, als sie die Diagnose bekam. Brustkrebs, OP und - vorsorglich - Chemo. Mit den üblichen Folgen. "Ich war immer ein Langhaarmädchen", sagt Sylvie van der Vaart. "Aber dann hat das Leben entschieden, dass ich kurze Haare haben soll." Schwer ist ihr das gefallen. Aber sie hat sich arrangiert. "Am Ende hat es mir sogar Kraft gegeben - als die Haare wieder wuchsen, raspelkurz, aber stark. Sie standen für dieses Gefühl, dass ich so eine Krankheit wie den Krebs besiegt hatte." Heute, drei Jahre später, kehrt Sylvie van der Vaart gerade mit Sohn Damian, 5, und ihrem Mann Rafael, 29, der beim Hamburger Sportverein Fußball spielt, wieder nach Deutschland zurück. Sie arbeitet als Moderatorin, Model und Markenbotschafterin von L'Oréal Professionnel. Während der Berliner Modewoche schwebte sie für das Wäschelabel Hunkemöller in Korsage und Spitzenrock in Puderrosa auf die Bühne - als Dessous-Engel. Ihr eigenes Haar reicht inzwischen wieder bis zur Schulter, mit Extensions ist es so lang, wie es war. Vorher. Eine Geschichte, die Mut macht. "Man muss es nicht sehen" steht auf André Märtens Flyer.

„Wem Haare wichtig sind, für den ist der Friseur nach dem Onkologen der wichtigste Ansprechpartner“

Der Berliner Starfriseur und "Head of Hair" bei der Berliner Fashion Week weiß, wovon er spricht. Vor etwa einem Jahr traf es jemanden aus dem engsten Freundeskreis. Krebs. Chemo. Haare weg. "Ich glaube, ich hätte das nie so nachhaltig begriffen, wenn ich es nicht selbst miterlebt hätte", sagt der 44-Jährige. "Da brennt es, da müssen wir erst mal löschen." Nicht alle krebskranken Frauen verlieren ihre Haare, aber viele. Bei Brustkrebs setzt man Zytostatika ein, Medikamente, die gezielt Zellen hemmen, die sich häufig teilen. Das sind Krebszellen - aber eben auch Haut- und Haarwurzelzellen. Zu erfahren, dass man krank ist, ist erst mal das Schlimmste, dazu kommt der Gedanke, dass es bald jeder sehen wird, aber nicht mit jedem möchte man darüber sprechen. Es belastet selbst schon genug: nicht mehr schön, weiblich zu sein, sondern nackt, fremd, verletzlich - sterblich. Eine von neun Frauen erkrankt an Brustkrebs.

Das ist zuerst einmal in jedem Einzelfall bitter. Andererseits ist die Sterberate in Europa laut WHO in den letzten Jahren durch bessere Therapien und Betreuung drastisch zurückgegangen. Bei kommenden Generationen wird sie aufgrund besserer Früherkennung und neuer Therapien noch weiter sinken. Immerhin. Das ist Statistik. Vor dem Spiegel aber, dem eigenen nüchternen Blick, muss jede Frau allein bestehen. Haare sind nun mal ein Symbol für Sinnlichkeit, Vitalität und ein wichtiger Ausdruck der Persönlichkeit. Manche Frauen entscheiden sich auch bewusst für einen kahlen Kopf - eine Art Jetzt-erst-recht-Haltung, der Respekt gebührt. Sie halten das Schweigen, das Erschrecken der anderen aus. Die meisten können das nicht. "Ich versuche, niemanden zu bedauern", sagt Friseur Märtens. "Es gibt keinen Grund dazu. Es ist toll, dass die Krankheit erkannt wurde. Und den Rest bekommen wir hin, in einer angenehmen Atmosphäre."

Sein eleganter Salon in Kudamm-Nähe, in dem er oft Promis stylt, hat einen Raum mit Vorhang, den man zuziehen kann. Die Erstberatung bei ihm ist kostenlos. André Märtens ist Partner der Stiftung DKMS Life (Deutsche Knochenmarkspenderdatei), die mit L'Oréal Professionnel und der Gesellschaft für Haarästhetik (gfh) das Projekt "Freude am Leben - das Haarprogramm für Krebspatientinnen" gestartet hat. "Wir können heute Frisuren machen, die so natürlich wirken", sagt er, "dass sie den Frauen eine enorme Selbstsicherheit geben. Oft merken das nicht mal Verwandte." Er zeigt auf zwei Modelle, die auf Styroporköpfen stehen. "Rohlinge sehen allerdings oft furchtbar aus, aber davon darf man sich nicht abschrecken lassen. Gute Perücken erkennt man nicht so schnell wie Extensions. Wenn der Wind weht, sieht man bei denen schnell mal die Knoten." Sie werden individuell an den Kopf angepasst und geschnitten - genau wie das eigene Haar. Und am besten auf die gleiche Länge, dann fällt der Übergang noch weniger auf. Wichtig ist, dass der Friseur das Originalhaar vor der Chemotherapie sieht, Kopfmaße nimmt, mit den Frauen Farbe, Länge, Material der Perücke aussucht, Kunst- oder Echthaar. "Die Perücke ist dann schon am nächsten Tag da", sagt Märtens.

"Ich wollte nicht mit einem Kopftuch in meiner Show sitzen"

„Man hat in dieser Zeit eine enge Beziehung zum Friseur.“ Für Sylvie van der Vaart war das u. a. André Märtens, 44, der sie von raspelkurz über Ponyperücke – „damit man den Ansatz nicht sieht!“ – bis zur heutigen halben Länge, manchmal mit Extensions, begleitet

Echthaarperücken gibt es ab 900 Euro. Für sehr gute, von Follea etwa, muss man 1500 Euro und mehr ausgeben. Je länger die Haare, desto teurer. Bis zu 10 000 Euro kann eine Luxus-Langhaarperücke kosten, gute aus Kunsthaar etwa 300 bis 500 Euro. "Die verfilzen unten aber leichter", sagt Märtens. "Das sieht irgendwann nicht mehr schön aus." Echthaarperücken sind haltbarer, teurer, schwerer zu pflegen. Dafür kann man sie föhnen, färben, stylen - wie die eigenen Haare vorher. Es gibt aber auch gute Argumente, mit einer Perücke etwas Neues zu probieren: "Einen Pony finde ich bei der Zweithaarfrisur grundsätzlich besser, weil er den Haaransatz verdeckt", erklärt Experte Märtens.

Auch Sylvie van der Vaarts Haare hat Märtens gestylt. Immer wenn sie in Berlin war, während der Krankheit. "Ein guter Friseur begleitet diesen ganzen Prozess", sagt sie. "Bis die Haare nachwachsen. Bei mir zum Beispiel in Graubraun." Da musste Farbe drauf. "Man hat in dieser Zeit eine enge Beziehung zu seinem Friseur. So oft habe ich angerufen: Wie soll ich die Perücke jetzt waschen? Wem Haare wichtig sind, für den ist der Friseur nach dem Onkologen der wichtigste Ansprechpartner." Sechs Perücken hatte Sylvie van der Vaart, schwarz, rot, blond, kurz, lang. Fotos mit Glatze gibt es von ihr nicht. "Man soll die schönen Momente festhalten", findet sie. An die anderen erinnert sie sich auch: "Wenn es passiert, die Haare ausfallen, na klar, das ist schrecklich, beängstigend." Da sind diese Bilder: "Als die Fotografen da waren und natürlich die Nachfragen von der ,Bild'-Zeitung kamen - in der Situation muss man fest dazu stehen und sagen, ja, ich habe eine Perücke, ich muss mich nicht schämen, ich bin stolz, dass ich das bekämpfe, dass ich diese Show mache, der Rest ist egal." Einerseits war es für die fröhliche Frau an Rafael van der Vaarts Seite leichter als für andere. Sie gelten als Glamourpaar, als die Beckhams der Niederlande. Sie war "Miss Bundesliga", sah gut aus, hatte genug Geld, Visagisten, Stylisten um sich. Aber es war auch schwerer. Als Promi kann man sich nicht einfach zurückziehen. "Mein erster Gedanke war, alles abzusagen. In einer glamourösen Show will man nicht mit Kopftuch sitzen", erzählt sie.

Ein trauriges Model, eine verzagte Jurorin, wer will das sehen? "Rafael war es, der sagte: Das machst du nicht. Am glücklichsten wirst du, wenn du abgelenkt bist, etwas machst, was dich stolz macht." Den schwierigsten Moment erlebte sie in Madrid. "Es war warm, ich hatte mit Perücke geschlafen, mochte das nicht. Da sagte meine Freundin, warum machst du es dir nicht leichter? Nehmen wir die Perücke ab, färben wir die Haare - du bist schön, wie du bist." Ihr Mann und ihr Sohn sahen sie so das erste Mal mit raspelkurzen Haaren. "Was ich bis dahin nicht sehen mochte, wollte ich meiner Familie nicht zeigen. Ich wollte denen, die ich so lieb habe, keine Angst machen. Aber den beiden hat das gar nichts ausgemacht." Kurz darauf hat sie bei "Let's Dance" auch für alle anderen die Perücke abgenommen. "Diese Show hat mein Leben verändert. Drei Monate nach der Chemotherapie konnte ich wieder stolz sein auf meinen Körper - nachdem er mich so im Stich gelassen hatte." Trotzdem war die Perücke gut, sagt sie. Ein Trick. "Ich hatte nie das Gefühl, ich verliere meine Weiblichkeit. Die ist zwar überall in meinem Körper. Aber die Perücke hat geholfen, vor dem Spiegel zu sehen, was ich innen fühle."

Das zweite Haar

Perücken muss man nicht sehen: Man findet sie bei vielen Friseuren oder im Zweithaarstudio. Gezielte Hilfe bei der Suche nach einem geeigneten Friseur für Krebs-Patientinnen bietet das Programm "Freude am Leben", das im letzten Jahr von L'Oréal Professionnel ins Leben gerufen wurde. Dafür werden deutschlandweit Friseure weitergebildet, die Betroffene vor, während und nach dem Haarverlust unterstützen. Adressen von Friseuren, die das Projekt unterstützen, gibt es bei der Hotline L'Oréal Professionnel: 08 00/434 24 13.

Text: Viola Keeve Teaserfoto: Imago

Wer hier schreibt:

Viola Keeve
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