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Der Haut-Philosoph


Professor Dr. Volker Steinkraus ist Hautarzt mit der größten dermatologischen Privatpraxis Europas, und er hat eine eigene Kosmetiklinie. Wir wollten wissen: Wie werden wir in Zukunft Falten bekämpfen und unsere Haut pflegen?

Der Entwickler der ersten deutschen "Doctor Brand" mag dieses Wort ganz und gar nicht, das stellt er beim Gespräch sofort klar. Eine "Doctor Brand", das könne ja nun jede Creme sein, der einfach ein Arzt seinen Namen aufgeklebt hat, egal, ob der Arzt nun was von Haut versteht oder nicht. Seine Kosmetiklinie SBT dagegen, sagt Volker Steinkraus, Professor für Dermatologie und Gründer des Dermatologikums, einer großen Hamburger Privatpraxis, das sei ja wohl nicht einfach nur irgendeine "Brand" - "sondern eine dermatologische Philosophie".

Über seine Philosophie kann Steinkraus sehr leidenschaftlich sprechen, und sie lautet in etwa: Den besten Schutz für die Haut produziert die Haut selbst, und oberstes Ziel der Pflege muss es sein, die Hautzellen dabei zu unterstützen. Dafür sei ständiges Reinigen, wie viele Hersteller empfehlen, allerdings eher kontraproduktiv. Und ein Freund von Hautcremes mit allerhand exotischen Zutaten aus der Pflanzenwelt ist Steinkraus auch nicht. "Wenn man eine Hautzelle fragen würde, was möchtest du, um deine Arbeit optimal erledigen zu können: Cola, Hühnchen, Extrakt aus brasilianischer Baumrinde - oder doch lieber eine Nährflüssigkeit mit Elektrolyten, Aminosäuren, Antioxidanzien? Dann würde die Hautzelle doch tausendprozentig das Letztere bevorzugen." Daher enthalten alle Produkte von SBT statt Wasser eben genau diese Zellnährlösung, oder schicker ausgedrückt: die "Cell Culture Phase". Dies ist die Grundlage - aber was passiert in der näheren und fernen Zukunft der Hautpflege?

Steinkraus sieht vor allem in den so genannten Extremolyten eine große Chance für die Kosmetik: natürliche Schutzsubstanzen, die Mikroorganismen das Leben in lebensfeindlichen Umgebungen wie Salzseen, kochenden Geysiren oder unter dem Eis der Antarktis möglich machen. Dazu gehört z. B. Ectoin, eine stark wasserbindende Substanz, die Bakterien in Wüstenregionen vor dem Austrocknen bewahrt - und auch die Hautzelle vor Umweltbelastungen schützen könnte.

"Biomimetics, also der generelle Versuch, die Natur nachzuahmen, wird in der Kosmetik zukünftig eine größere Rolle spielen. Wie schützt sich der weiße Fisch am Äquator vor der Sonneneinstrahlung? Wie schützt sich ein Eisbär, wie eine Schnecke? Da können wir uns viel abschauen", glaubt Steinkraus.

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Ein weiterer Forschungsansatz: Zellen können sich selber an Stress anpassen. "Wenn Sie zum Beispiel eine Kultur von Hautzellen für eine Minute einer Temperatur von 40 Grad aussetzen, werden vielleicht zwei Prozent der Hautzellen absterben. Wenn Sie das aber am nächsten Tag noch mal machen, ist es eher nur noch ein Prozent und am dritten Tag 0,1 Prozent. Die Zellen haben bestimmte Proteine hergestellt, um sich vor der Hitze zu schützen." Die kosmetische Forschung versucht, sich dieses Anpassungsvermögen der Zellen nutzbar zu machen und Mechanismen zu finden, die die Fibroblasten - im Bindegewebe vorkommende Zellen - dazu bringen, vermehrt stützendes Kollagen zu produzieren. Mit marktfähigen Lösungen rechnet Steinkraus in "fünf bis zehn Jahren".

Viel eher dagegen soll die Hautpflege individueller werden. Die grobe Einteilung der Haut in die Typen "fett", "trocken" und "normal" hält Steinkraus für wenig sinnvoll: "Fettgehalt, Feuchtigkeitsgehalt, Lichtsensibilität, Alter, Empfindlichkeit - bei der Hautpflege müssen ganz unterschiedliche Ebenen angesprochen werden"; neue Kosmetikprodukte könnten dies berücksichtigen. Die Wundercreme, die alle vergangenen Sünden ausbügelt, wird es aber leider wohl so schnell nicht geben.

Der beste Anti-Age-Wirkstoff ist nach Meinung von Professor Steinkraus immer noch das altbekannte Vitamin A, das den Abbau von Kollagen hemmt. Als Arzt plädiert er ohnehin dafür, Kosmetik in der ihr angemessenen Bedeutung zu sehen: Ja, sie kann wirklich helfen, frischer zu wirken. Aber sie ist eben nur ein Mosaikstein in der ganzen Palette von Möglichkeiten, die wir haben, um jünger auszusehen: vom insgesamt gesunden Lifestyle bis zu passendem Make-up. Und ästhetische Eingriffe? Von den rund 300 Patienten, die jeden Tag im Dermatologikum behandelt werden, kommen im Durchschnitt 30 im Kampf gegen das Alter, Tendenz seit Jahren steigend - auch weil Botox und Unterspritzungen gesellschaftsfähiger geworden sind. Es sei ja gut so, dass man mittlerweile offen darüber reden könne, sagt Steinkraus. Aber eigentlich, ja eigentlich seien Falten doch auch ganz schön. Und dann zitiert er zum Abschluss Mark Twain: "Wrinkles should merely indicate where smiles have been." Falten sind bloß dazu da, um zu zeigen, wo Lächeln war. Und hoffentlich bleibt - in jedem Alter.

Der Professor

Volker Steinkraus ist Facharzt für Dermatologie und Allergologie und habilitierte sich an der Universität Hamburg. Er ist Gründer des Dermatologikums, mit über 3000 qm Fläche und mehr als 120 Mitarbeitern die größte dermatologische Privatpraxis mit Tagesklinik in Europa. 28 Hautärzte behandeln pro Jahr 70 000 Patienten, zu dem Zentrum in Hamburg gehören Forschungslabore, eine große Abteilung für ästhetische Dermatologie und ein Kosmetik-Institut. 2005 brachte Steinkraus in Zusammenarbeit mit Schweizer Forschungslaboren seine eigene Kosmetiklinie SBT (Skin Biology Therapy) auf den Markt. Die Marke gehört zur Schweizer La Prairie Group, die wiederum eine Tochter des Hamburger Kosmetik-Giganten Beiersdorf ist.

Text: Sonja Niemann Fotos: Mia Holm Produktion: Sarah Harms Ein Artikel aus der BRIGITTE 02/2009

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