Der neue Luxus: die edelsten Cremes und Parfüms

Feine Cremes und teure Parfüms sind gefragt wie nie - besonders, wenn man gleichzeitig damit Gutes tun kann

Es war Mittwoch, der 28. November 2007, gegen elf Uhr morgens, als die Stimmung kippte. Im Konferenzsaal des "Ritz Carlton" in Moskau hatte der Chef des französischen Luxuskonzerns LVMH (u. a. Dior) den illustren Gästen der jährlichen Luxusbusiness-Konferenz der "Herald Tribune" gerade die Explosion ihrer Umsatzzahlen prophezeit: In den nächsten fünf Jahren, so der Manager, sollte sich der Konsum von Edelmarken weltweit verdoppeln! Da trat Tom Ford ans Rednerpult. Düster war die Miene des ehemaligen Gucci- Designers, verhangen sein Blick. Schon länger könne er nicht mehr ruhig schlafen, begann er seinen Vortrag. Eine Frage treibe ihn um, sie alle würden sie kennen und trotzdem verdrängen. Die Frage laute: "Ist die Zeit des wahren Luxus vielleicht schon vorüber?" Schweigen im Auditorium. Schwer hingen die Lüster über den Köpfen, draußen in der Lobby klirrten die Champagnergläser, und nicht wenige fragten sich in diesem Moment, ob vielleicht auch Tom Ford heute schon ein Glas zuviel getrunken hatte: Ein Ende des Luxus? Absurd!

Wenn man begreifen will, wie weitsichtig der als Visionär gerühmte Designer damals war, ist das "Ritz Carlton" tatsächlich nicht der beste Ort dafür. Man sollte überhaupt einer Stadt wie Moskau den Rücken kehren, wo auf Millionärsmessen mit Swarovski- Steinen besetzte Limousinen angeboten werden, wo sich in Glamour-Kaufhäusern Prada-Boutique an Dior-Laden reiht und ganze Einkaufsstraßen für den Normalverkehr gesperrt werden, damit die betuchte Kundschaft mit dem Maybach direkt vor dem Laden parken kann. Nein, in aufstrebenden Schwellenländern wie Russland, Indien oder China muss sich wahrhaftig keiner um das Image edelster Marken sorgen. Mit Wonne schwelgt man dort in dem, was man so lange entbehrte, nutzt den Lippenstift von Lancôme oder das von Guerlain, um sich selbst und seinen Aufstieg in die Schicht der "neuen Reichen" zu zelebrieren. Luxusmarken sind hier Statussymbole. Würde Max Weber noch leben, er hätte seine helle Freude. Luxus, schrieb der Soziologe einst, sei "eines der Mittel sozialer Selbstbehauptung".

Die neuen Zeiten, vor denen Tom Ford graut, muss man schon woanders suchen. Zum Beispiel 2000 Kilometer weiter westlich, in einer beliebigen deutschen Fußgängerzone: Designerschuhe von Roberto Cavalli? Gibt's für 99 Euro bei H&M. Lust auf Champagner? Hat heute Lidl im Angebot. Ein Wochenende im Luxushotel? Aldi vermittelt gern.Oder doch lieber eine Wellnessbehandlung de luxe? Im Drogeriemarkt findet man von der Maske bis zum Microdermabrasions-Paket alles, um das eigene Bad zum Spa-Tempel aufzurüsten.

Edel wie Diamanten

Der neue Luxus: die edelsten Cremes und Parfüms

Z. B. glättende Augencreme "Juvedical - Eye Optimizer Cream" von Juvena, 15 ml ca. 59 Euro; Gesichtspflege "Cellular Cream Platinum Rare" von La Prairie, 50 ml ca. 880 Euro (ab März 2009); Anti- Age-Creme "Complete Rejuvenating Care" von Payot Aox, 50 ml ca. 160 Euro; Intensivpflege- Konzentrat "Extrait d'extrême" von Annayaké, 6 x 4 ml ca. 450 Euro

"McLuxury" nennen die Trendforscher den genussfreudigen Nachfolger der "Geiz ist geil"-Mentalität: Vormals rare Güter wie Designermode, Beauty-Treatments oder Gourmet-Kost werden erschwinglich für alle, die sich danach sehnen. Und das sind immer mehr: "In den westlichen Ländern beobachten wir zur Zeit den großen Wunsch der Menschen, sich etwas Gutes zu tun und die Lebensqualität zu steigern", hat Stefanie Bierbaum vom Hamburger Trendbüro festgestellt. "Und immer mehr haben auch die Mittel dazu."

für alle - haben wir davon nicht immer geträumt? Ein Schlaraffenland, in dem wir beim Nachschminken in der Damentoilette endlich nicht mehr neidisch auf den Dior-Lippenstift der Nachbarin schielen müssen, sondern das begehrte Objekt einfach selbst aus der Handtasche ziehen. Eine Wunderwelt, in der wir uns jederzeit von unserer Lieblingsmasseurin durchwalken lassen dürfen - ohne dafür zum finanziellen Ausgleich auf die neue Jeans verzichten zu müssen. Leider hat das Paradies Haken: Es tummeln sich langsam zu viele darin. Und mit Massen hat der Luxus, das scheue Geschöpf, nur wenig am Hut. Geschweige denn mit demokratischer Wohlstandsverteilung. Er ist elitär - und ganz schön heikel. Versucht man, ihn massentauglich herzurichten und ihn dadurch seiner Einzigartigkeit und Unerreichbarkeit zu berauben, verduftet er rascher als ein kleiner Spritzer Chanel N°5. Halten kann ihn nur, wer seinem aristokratischen Wesen schmeichelt.

Wie das funktionieren könnte, lässt sich zum Beispiel bei einem Termin im Pariser Maison Guerlain studieren. Dort kann man sich sein ganz persönliches Parfüm kreieren lassen. Mehrere Gespräche mit Psychologen und Parfümeuren sind dafür notwendig, über drei Monate zieht sich der Schaffensprozess hin, dann wird einem die Komposition im Kristallflakon mit persönlichen Initialen in einer kleinen Zeremonie präsentiert. Danach ist man zwar eine Summe im Gegenwert von zwei Kleinwagen los (30000 Euro). Doch dafür weiß man auch: So wie ich duftet keine!

Nur vom Feinsten

Der neue Luxus: die edelsten Cremes und Parfüms

Z. B. goldener Nagellack "Facettes D'Or" von Chanel, ca. 25 Euro; feuchtigkeitsspendende Foundation "Parure aqua" von Guerlain, 30 ml ca. 45 Euro; langanhaltender Nagellack "La Laque" von , 10 ml ca. 20 Euro; Creme-Parfüm "J'adore L'absolu" von Christian Dior, 4 g ca. 88 Euro; eleganter Duft "Private Collection - Amber Ylang Ylang" von Estée Lauder, 30 ml ca. 290 Euro; funkelnder Highlighter "The Bow Collection - Touche D'Or" von Yves Saint Laurent, ca. 33 Euro; Eau de Parfüm "Ambre Fétiche" von Annick Goutal, 50 ml ca. 99 Euro; Serum mit Goldpulver "Progressif or parfait" von Carita, 30 ml ca. 250 Euro

Luxus als Feier von Service und Individualität - ist das die Zukunft? Es ist eines von vielen Mosaiksteinchen. Ein weiteres findet man auf den Beipackzetteln der "Crème de la Mer". Dort wird die märchenhafte Geschichte des Raumfahrt-Physikers Dr. Max Huber erzählt, der zwölf Jahre und 6000 Experimente brauchte, um seine bei einem Unfall verbrannte Haut mit einer Creme wieder zu heilen. Das Resultat fände man noch heute in den Tiegeln der Firma "La Mer". "Glauben Sie an Wunder?", fragen die Hersteller auf dem Zettel. Nein, tun wir nicht. Aber von den Geschichten dahinter lassen wir uns gern dazu verführen, für 60 Milliliter Lotion auch mal 222 Euro auszugeben. Weil sie uns mit dem Versprechen locken, nicht nur eine Creme oder ein Parfüm zu kaufen, sondern einen Mythos. Oder eine bestimmte Haltung.

Wenn Giorgio Armani mit seiner Mode den Kampf gegen Aids in Afrika unterstützt oder wir mit dem Kauf von Estée-Lauder-Düften die firmeneigene Stiftung zur Erforschung von Mitteln gegen Brustkrebs mitfinanzieren, wandern nicht nur Produkte über die Ladentheke, sondern Meinungen, Wünsche, Träume. Und das angenehme Gefühl, einem nicht jedem zugänglichen "Club der Guten" anzugehören. Dafür legt man durchaus ein paar Scheine mehr auf den Tisch.

Fürs reine Protzen dagegen nicht. "Unser Luxus-Verständnis verändert sich derzeit markant", weiß Anja Kirig vom Zukunftsinstitut in Kelkheim. "Weg vom Statussymbol, hin zum Genussobjekt. Das muss nicht immer etwas Materielles sein, man kann sich zum Beispiel auch mit einem besonderen Erlebnis verwöhnen." In einer Welt, in der sich immer mehr Menschen immer mehr Dinge leisten können, wird nun mal das begehrenswert, was beim reinen Konsumrausch auf der Strecke bleibt: Zeit. Ruhe. Erleben. So genießen die, die dem kürzlich gegründeten internationalen Milliardärs-Club "Yellowstone" beitreten, beispielsweise das Privileg, ihr nächstes Feriendomizil an einem ganz besonderen Ort zu errichten: fern aller Zivilisation, in einem fast unerschlossenen Bergtal in Montana. Einsamkeit und Authentizität werden dabei quasi per Club-Aufnahmevertrag garantiert. Die Nachfrage des Jetsets soll gewaltig sein, heißt es, Bill Clinton sei schon Mitglied.

Stimmiges Design

Der neue Luxus: die edelsten Cremes und Parfüms

Z. B. der frische Blumenduft "Gardenia" von Marc Jacobs (limitiert), 300 ml ca. 69 Euro; das regenerierende Nachtserum "Absolue Nuit" von Lancôme, 30 ml ca. 175 Euro; Winterparfüm mit dem Duft der blauen Rose "Zen" von Shiseido, Eau de Parfum (limitiert), 50 ml ca. 60 Euro

Wer nicht ganz so viel auf dem Konto hat, sucht innere Einkehr im nächsten Urlaub vielleicht auf dem Jakobsweg, statt auf die nächste Karibikinsel zu jetten. Oder bleibt gleich ganz zu Hause und joggt während der großen Ferien endlich mal allein durch den sonst überfüllten Stadtpark. Oder blockiert einen Nachmittag lang das Badezimmer zur ausgiebigen Schönheitspflege. Oder backt nach Jahren mal wieder Plätzchen selbst. Oder tut einfach nichts. "Die Zukunft des Luxus liegt nicht in der Vermehrung, sondern in der Verminderung", schrieb Hans Magnus Enzensberger in einem Essay in der "Stuttgarter Zeitung". "Minimalismus und Unsichtbarkeit, das ist besser als dieses blöde Auf-den-Putz-Hauen."

Zumindest in diesem Punkt würde sich der konsumkritische Denker mit dem Luxus- Designer Tom Ford hervorragend verstehen. "Wir müssen unseren Stil radikal ändern", rief der am Ende seiner Moskauer Rede dem Publikum zu. "Tiefe statt Masse! Botschaften statt Hypes! Nur dann können wir als Hersteller die Premium-Liga retten." Wie groß der Eindruck war, den er damit hinterließ, hatte er wahrscheinlich selbst nicht erwartet: Als sich die Branche Ende des vergangenen Jahres im indischen New Delhi zur Luxuskonferenz 2008 versammelte, lautete das Motto des Treffens nicht mehr "Supreme Luxury" wie anno 2007. Nein, in diesem Jahr diskutierten die wichtigsten Luxushersteller der Welt über - Nachhaltigkeit. Na also, wird doch . . .

Der besondere Blickwinkel

Der neue Luxus: die edelsten Cremes und Parfüms

"Ein Produkt ist luxuriös, wenn es über uns auf einem Sockel steht, wir es von unten ansehen und unbedingt haben wollen", sagt Heinz Buchmann, Geschäftsführer des Luxuskonzerns LVMH (Deutschland). Neues aus seinem Haus (ohne Foto): z. B. das holzig-warme Eau de Parfum "Profumo" mit abnehmbarem Sprühkopf von Acqua di Parma, 150 ml ca. 302 Euro; glättende Nachtcreme "Capture R60/80 xp Nuit" von Christian Dior, 50 ml ca. 97 Euro (ab Januar 2009); und Glitzerpuder mit Veilchenduft "Powder Spray Silver Butterfly" aus der Christmas Collection von Guerlain, 68 Euro

Text: Kristina Maroldt Fotos: Caroline Rommel Produktion: Sarah Harms Requisiten-Styling: Bernd Steingass Ein Artikel aus der BRIGITTE 01/09

Wer hier schreibt:

Kristina Maroldt

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