Die schwarzen Perlen vom Amazonas

Sie heißen Açaí-Beeren, wachsen tief im brasilianischen Regenwald und gelten als das neue Wundermittel gegen Müdigkeit und Falten.Was passiert, wenn plötzlich Kosmetikkonzerne nach den Beeren Schlange stehen? Wir haben die Açaí-Pflücker am Amazonas besucht

Manoel schaut aufgeregt auf den braunen Fluss. Gerade hat es noch geregnet. Die Luft ist feucht und warm. In der Ferne hört er Motorenrattern. Und so langsam erkennt er am Horizont das Boot. In ihm sitzen Vertreter des Kosmetikherstellers Kiehl's. Seit vier Jahren wartet Manoel auf diesen Moment. Heute ist es so weit, und er wird seine besten Kunden kennen lernen.

Muttermal mitten im Gesicht - doch Maria liebt ihren Fleck!

Mit Fußseilen klettern die Männer die dünnen Stämme hinauf, um Açaí zu pflücken - seit Oprah Winfrey in ihrer Show über die Super-Beeren sprach, erobern sie die Welt

Wer im Regenwald aufwächst, lernt und lebt von der Natur. Geschäfte machen steht allerdings nicht auf dem Lehrplan. Und so muss Manoel mit seinen 53 Jahren noch so einiges dazulernen. Der kleine Brasilianer, m der schon immer hier am Fluss Meruú, im Bundesstaat Pará wohnt, ist Präsident der Vereinigung Nazarezinho, der die 281 Familien dieser Gegend, die gemeinsam die Açaí-Beeren für Kiehl's liefern, angehören. Sein Leben dreht sich um Açaí. Wohin man schaut, wachsen wild die langen, schma- len Palmen mit den anfangs roten, später schwarzen Beeren. Aus den Blättern werden Dächer für die Häuser, die Fasern des Baumes werden zu Körben geflochten, die Kerne zu Schmuck verarbeitet. Und das reife Fruchtfleisch kommt als Püree auf den Tisch. Açaí ist für die Landbevölkerung im nördlichen Amazonasbecken so wichtig wie bei uns die Milch. Die Beeren schmecken nach Rotwein mit Kakao. Und sie machen sehr satt. Was von der Ernte übrig bleibt, wird in kleinen Mengen verkauft. Das war schon immer so.

Was Manoel erst seit Kurzem weiß: Die Beeren sind wahre Kosmetikwunder, und es lässt sich viel mehr Geld damit machen, als er bisher ahnte. Das Zauberwort lautet: Antioxidanzien - das sind Radikalfänger, und Açaí hat ganz besonders viel davon. Die Wirkung: Sie neutralisieren aggressive freie Radikale, die durch Stress, Sonne und andere Belastungen der Umwelt entstehen, unser Immunsystem stören und den Alterungsprozess beschleunigen können. Aber damit nicht genug: Açaí-Beeren sind reich an Vitaminen, an Calcium, Kalium, Magnesium sowie Eisen. Und mit ihren hochwertigen pflanzlichen Fetten, die in ihrer Zusammensetzung dem Olivenöl ähnlich sind, schützen sie Herz und Kreislauf.

Vor einigen Jahren brachten Sportfreaks die Beeren vom Amazonas nach Rio de Janeiro. Und als dann auch noch US-Star Oprah Winfrey in ihrer Talkshow über die "Super Berry" sprach, eroberte Açaí die Welt - nun auch als Kosmetikwirkstoff.

Die bis zu sechs Kilo schweren Stauden werden vorsichtig getragen

Inzwischen hat das Boot angelegt. Stolz schüttelt Manoel seinen Gästen die Hand: dem Kiehl's-Team aus New York und Journalistinnen aus Orten, von denen er noch nie gehört hat. Hinter Manoel steht sein Begrüßungskommando: der Vizepräsident, der Schatzmeister und einige Vertreter der Nazarezinho-Vereinigung. Glücklich ruft Manoel den Besuchern zu: "Sie haben Ihr Versprechen gehalten. Sie sind wirklich gekommen." Das ist nicht immer der Fall - und gerade Manoel hat in der Vergangenheit viele schlechte Erfahrun- gen gemacht. Etwa wenn vorbeifahrende Händler große Mengen an Açaí-Beeren bestellten und dann nie wieder zur Abholung und Bezahlung erschienen. Wenn sie doch kamen, zahlten sie nur Bruchteile vom Marktpreis. Bisher sagte die Nazarezinho- Gemeinschaft zu allem Ja. Woher es auch besser wissen in diesem abgeschiedenen Idyll? Jetzt würde ihnen das nicht mehr passieren. Das haben sie João zu verdanken, der heute auch mit an Bord ist.

Die Açaí werden einzeln abgezupft, damit die wertvollen Beeren auf keinen Fall verletzt werden

Im Auftrag seines Arbeitgebers Beraca, eines brasilianischen Familienunternehmens, das zwischen Kosmetikfirmen und den Regenwaldbewohnern vermittelt, reist João pausenlos den größten Fluss der Welt auf und ab. Immer auf der Suche nach neuen Naturprodukten und Lieferanten. João liebt seine Arbeit. Schon als Kind interessierte er sich für die Natur und die Menschen seiner Heimat. Seine Reisen dauern manchmal bis zu drei Monaten. Zurück kommt er mit vielen Geschich- ten und neuen natürlichen Wirkstoffen. Die mitgebrachten Früchte und Samen wandern dann ins Labor von Beraca und werden dort auf Qualität und Wirkstoffe untersucht. Etwa 3000 brasilianische Familien profitieren davon.

Vor vier Jahren kam João zum ersten Mal mit seinem Boot angetuckert. Erst zweieinhalb Stunden über die löchrige Erdstraße aus Belém und dann nochmals zweieinhalb Stunden flussabwärts. Inzwischen kennt er hier jeden. Namen, Geschichten und Sorgen: "Damals war fast keiner von ihnen registriert. Sie hatten keinen Pass, kein Konto, keine Identität", erinnert er sich, "und damit auch keine Rechte."

Manoel und das ganze Dorf kommen, um João vom Beraca- Team zu begrüßen.

Einmal im Monat ist João seither zu Gast. Er brachte den Familien bei, die Erntemenge abzuschätzen und damit zu planen. Er verbot, leere Batterien zu den Açaí- Bäumen zu werfen oder etwa das Benzin neben der Ernte zu lagern, um schließlich das Biosiegel zu bekommen. Er erzählte ihnen, wie man ein Firmenkonto eröffnet und führt. Kurz: João machte das Dorf fit für den Markt. Nach etwa zwei Jahren Aufbauarbeit wurde eine Açaí-Probe an Kiehl's geschickt. Der Kosmetikhersteller war sofort begeistert, mischte, probierte, verwarf, kombinierte neu, ließ testen: Es brauchte zwei weitere Jahre intensiver Forschung, um herauszufinden, wie sich die Frucht kosmetisch nutzen lässt.

Manoel und João

Seit diesem Jahr ist Açaí nun Hauptwirkstoff in einer Anti-Aging-Gesichtspflege. Neben der Firma Beraca beliefert Nazarezinho heute unterschiedlichste Käufer. Denn auch das haben sie von João gelernt: Von einem Käufer abhängig zu sein ist gefährlicher, als keinen zu haben.

Manoel sitzt an einem langen Holztisch. Vor ihm stehen aufgereiht die neuen Produkte. Etwas befremdet riecht er am Gesichtswasser und sprüht das flüssige Açaí auf die Haut und lacht: "Dass unser Essen jünger macht, hätten wir nie gedacht!"

75 Tonnen Beeren verkaufte die Gemeinschaft früher. Heute, mit Kiehl's als Kunden, kommen weitere 112 Tonnen dazu. Die Frucht wächst das ganze Jahr über. Aber von Juli bis Dezember sind die Beeren besonders wirkstoffreich und für die Kosmetikbranche interessant.

Dann klettern die Männer die dünnen Stämme hinauf, schneiden oben die bis zu sechs Kilo schweren Stauden ab und bringen sie zu Boden. Ganz vorsichtig, damit die für das Öl wertvolle Schale nicht verletzt wird. Für einen Korb mit 14 Kilo der Bio-Açaí-Beeren zahlt der lokale Markt elf Reais, etwa vier Euro. Beraca zahlt etwas mehr, fast sechs Euro. Umgerechnet zwei Mindestlöhne, etwa 365 Euro, verdient so jede Familie im Monat - und das ist hier eine Menge wert. Der Lohn wird gespart oder in Kleider, Boote, Baumaterial und Schulsachen investiert. Die Haushaltskasse wird von den Frauen verwaltet. "Die Frauen sind realistischer", erzählt João, "verhandeln muss ich mit den Männern. Aber wenn ich wissen will, wie es wirklich um die Lieferung steht, spreche ich mit den Frauen."

Das hat Kasy gehört und kichert. Die 19- Jährige ist Manoels Schwiegertochter. Mit ihrem Baby auf dem Arm steht sie am Fenster und beobachtet das Treffen. Sie will uns ihr Zuhause zeigen: Gemeinsam mit ihrem Mann, den Schwiegereltern, seinen Geschwistern und dem Nachwuchs wohnt sie hier auf etwa 40 Quadratmetern. Sie schlafen in Hängematten und auf Matratzen am Holzboden. Und mittendrin die Schweine und Hühner. Ihr Alltag ist klar geregelt: Die Männer gehen fischen und holen Açaí von den Bäumen. Sie und die anderen Frauen sortieren und putzen die Beeren, kümmern sich um die Kinder, das Haus und die Zubereitung der Speisen.

Nur abends um neun Uhr ist das anders. Dann empfängt der riesige Satellit vorm Haus die Telenovela. Und für eine Stunde ist Kasy ganz weit weg: "Oft träume ich vom Leben der Frauen, die Açaí als Kosmetik benutzen und nicht so wie ich, um satt zu werden." Kasy ist sich sicher, dass die Kosmetikfirmen auf ihrem Grundstück noch sehr viel mehr entdecken können: zum Beispiel die rote Frucht Buriti, die zwischen den Açaí-Bäumen wächst, aus der sich Sonnenschutz machen lässt und die genau dann reif ist, wenn die Açaí-Ernte schwach ist. Oder die Frucht Cupuaçu, deren Saft so lecker schmeckt und Kasy schon oft von Bauchschmerzen befreit hat.

Auch Schwiegertochter Kasy ist sich sicher, dass am Amazonas noch viele spannende Wirkstoffe zu entdecken sind

João hört ihr gespannt zu. Seit Generationen studieren die Flussmenschen die Pflanzen- und Tierwelt. Ein Wissen, das Forschern wie João hilft, verborgene Schätze aufzuspüren. So hat er zum Beispiel auch vor Kurzem die reichhaltige Schlammerde der Ilha de Marajó gefunden. Die Flussinsel ist mit ihrer Lage im Amazonasdelta Endstation für Samen, Früchte, Blätter, Holz, Steine, Sand. Die Indianer nutzen die Erde zum Töpfern. Ihre weichen Hände machten João neugierig. Ein neuer Wirkstoff für eine Handcreme vielleicht? Die wurde es zwar nicht. Dafür eine Gesichtspflege, die verspricht, Poren zu verkleinern - und die Arbeitsplätze schafft, ohne den Wald zu zerstören.

Laut WWF stehen 4,1 Millionen Quadratkilometer, also ein Drittel des weltweiten Regenwalds, in Brasilien. Selbst erfahrene Organisationen sind überfordert mit der enormen Vielfalt der Pflanzen und Lebensweisen, erzählt Reykia, die Sprecherin von Fairtrade. Dank des rasant wachsenden Interesses von Käufern und Produzenten, wie zum Beispiel Beraca, arbeitet ihre Organisation intensiv daran, Standards für den Amazonas zu entwickeln.

Die Naturkosmetik-Linie "Acaí Damage- Repairing Skincare" von Kiehl's (mit Öko-Label) will dafür sorgen, dass sich die Haut nach vier Wochen vier Jahre jünger anfühlt...

Der Himmel über Nazarezinho zieht zu. Ein Regenguss kündigt sich an. João verabschiedet sich für heute. Beim nächsten Mal will er den Nazarezinho-Mitgliedern zeigen, wie sie selber Öl extrahieren können. Jetzt steigt er wieder auf sein Boot. Manoel steht am Ufer und winkt ihm nach. So wie er es früher oft gemacht hat, wenn wieder mal einer der Jugendlichen in die Großstadt zog. Keiner von ihnen wollte im Regenwald bleiben. Zu langweilig, zu wenig Perspektiven. Aber jetzt können sie hier lernen, Geschäfte zu machen. Und was noch viel wichtiger ist, sie haben verstanden, dass der riesige brasilianische Regenwald ihr ganz persönliches Business ist. Mit unerschöpflichem Einkommen und allen Möglichkeiten. Und dem schönsten Büro dieser Welt: dem Amazonas.

Text: Lucia Coimbra Fotos: Paulo Santos; Frâncio de Holanda for Kiehl's; Alan Ginsberg
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