Dr. Pimple Popper & Co.: Warum Hautunreinheiten jetzt Internet-Stars sind đŸ’đŸŒ

Das öffentliche Beseitigen von Mitessern und Co. ist gesellschaftsfĂ€hig geworden - in jeder Pore lauert ein Internet-Star mit VideoprĂ€senz. FĂŒr sensible Naturen und schwache Nerven sind diese Filme nichts.

Pimplepoppen? Habe ich richtig gehört, Dr. Martina Hund hat mir einen Termin zum Pimplepoppen vorgeschlagen? Ich wollte eigentlich in der Praxis vorstellig werden, damit meine Haut grĂŒndlich bis in die letzte Pore von Talg und sonstigen Verstopfungen gereinigt wird. Selber an sich herumdrĂŒcken soll man ja nicht. Aber ob pimplegepoppt werden eine adĂ€quate Alternative ist?

Ich schweige das Telefon skeptisch an. "Sagt dir wohl nichts?", fragt meine Der­matologin am anderen Ende amĂŒsiert. "Ist total hip. Google mal!" Das mache ich und finde eine Lady, die sich "Dr. Pimple Popper" nennt, was so viel wie "Dr. Pickelöffner" heißt, im richtigen Leben Dr. Sarah Lee, HautĂ€rztin aus Kalifornien. Ihre SpezialitĂ€t: das Beseitigen von Haut­unerfreulichkeiten. Was auch immer sich in den Poren ihrer Patienten angesammelt hat: Dr. Lee nimmt sich aller Inhalte an - ihr Youtube-­Kanal ist voller Filmchen mit Druck-­Erzeugnissen organischer Art.

Titel wie "Die Mitesser-Goldmine" verdeutlichen, wohin die Reise geht.

Rund zwei Millionen Abonnenten begeistern sich fĂŒr Werke wie "Einer kam sauber raus", "Die RĂŒckkehr der Po­-Zyste" oder "Die Mitesser-­Goldmine". Ernsthaft. Es existieren ĂŒber 200 solcher Splatter­-Movies, bei denen Talg und anderer Körperschmodder zĂ€h heraus­ wurstelt - oder eruptiv gegen Mundschutz und Schutzbrille spritzt. Bei allem, was da hochkommt, kann es einem wirklich hochkommen. Findet auch Kirstine Fratz, Mitinhaberin der Trend­-Agentur "Zeitgeist", an die ich eine Mail mit Bitte um EinschĂ€tzung des Pimple-­Pop­-PhĂ€nomens geschickt habe. Samt Youtube-­Link. Die Hamburger Kulturwissenschaftlerin ist ebenso angewi­dert, ĂŒberrascht und interessiert wie ich. "Habe mir die Videos durch gespreizte Finger angeschaut wie einen Horrorfilm", schreibt sie und wagt eine erste Diagnose: "Pimplepopping ist eine direkte und vollstĂ€ndige Beseitigung von etwas, das weg muss, und damit irgendwie befriedigend."

Ein Beispiel-Video seht ihr hier:

TatsĂ€chlich fĂŒhren viele Wege nach "Pore frei!"

Kirstine Fratz will diese These nĂ€her mit ihren Studenten analysieren; sie ist als Dozentin an der Hamburger Design Factory engagiert, Fachgebiet "Trend Research". Und Trend ist das Thema alle­ mal - dazu absolut massentauglich. Jeder kann mitreden, ­machen, ­filmen. Nicht nur theoretisch, wie mir Dr. Hund in ihrer Berliner Praxis erklĂ€rt: "Unsere Poren sind wie kleine Röhren, die bis in die Unterhaut reichen, von innen mit Oberhaut ausgekleidet. So wie die Haut an der OberflĂ€che abschilfert, so schilfert sie auch in den Poren ab. Bestenfalls kommen die abgestorbenen Zellen an die OberflĂ€che, schlimmstenfalls verstopfen sie den Kanal. Wird dann viel Talg produziert, entsteht ein Pfropf aus Zellresten und Talg, sichtbar als Mitesser." Die seien nicht krankhaft, stellt sie klar. "Aber durchs Ausreinigen strahlt die Haut mehr. Zudem können sich in einer verstopften Pore Bakterien vermehren. Sie ernĂ€hren sich von Talg und HautschĂŒppchen und scheiden saure Verdauungsprodukte aus - auch um EntzĂŒndungen und Pickelbildung vorzubeugen, sollten Mitesser behandelt werden."

Verstehe. Es wĂ€re wirklich zu unbefriedigend, die Dinger einfach in Ruhe zu lassen. Ich erfahre weiter, dass es geschlossene und offene Mitesser gibt. Die geschlossenen zeigen sich als kleines weißes KĂŒgelchen, sichtbar, wenn man die Haut leicht auseinanderzieht, und lassen sich nicht ohne Weiteres entfernen, da sie von Haut bedeckt sind. Die offenen erkennt man am dunklen Kopf - sie kommen leichter raus. Und spektakulĂ€rer, wie wir dank "Dr. Pimple Popper"-Filmen wissen. Zu Hause kann man das mit allerlei Hilfsmitteln forcieren, darunter elektrische oder mechanische Minisauger, die per Vakuum die Poren zur Freigabe zwingen; Masken, die auf dem Gesicht trocknen und beim Abziehen den Dreck aus den Poren mitnehmen sollen; Strips mit demselben Effekt zum Aufkleben und Abziehen. Originell finde ich einen sich selbst erwĂ€rmenden Balsam aus Korea, der die Haut weich machen und sie nach dem VerdrĂŒcken mit Ei-Extrakt beruhigen soll. Was das auch immer bringen mag.

Fett weg! Wer Pickel ausdrĂŒckt, muss auf Hygiene achten. Sonst kann sich die Haut entzĂŒnden.


Eher traditionell, aber nicht minder populĂ€r: das Gesicht ĂŒber einem Dampfbad soften und dann professionelles Werkzeug ansetzen - Mitesser-Extraktoren aus Metall gibt es in vielen Online-Shops und ParfĂŒmerien schon fĂŒr wenige Euro. An dieser Stelle runzelt Dermatologin Hund die Stirn und blickt streng ĂŒber die randlose Brille. "Hmm. So ein Vorgehen hört der Hautarzt ungern. Danach kann es zu Narben, bleibenden Quetschmarken, Pigmentverschiebungen und EntzĂŒndungen kommen, das passiert sogar sehr oft", sagt sie. "GrundsĂ€tzlich sollte man oberhalb der Lippe nie im Gesicht herumquetschen. Es besteht das Risiko einer bakteriellen Infektion, die ĂŒber Nerven-, Lymph- und BlutgefĂ€ĂŸe bis ins Hirn vordringen kann."
Oh! My! God! Wie man im Mutterland der Pimplepopper jetzt kreischen wĂŒrde. Das sind ja krasse Aussichten: Pflegefall durch Pflegeanfall! "So weit kommt es eher sehr selten", beruhigt die Fachfrau, deren Pflicht und Anliegen es nun mal ist, bei jeder Behandlung stets auf alle erdenklichen Risiken hinzuweisen. "Aber wenn Furunkel in der oberen GesichtshĂ€lfte auftreten, ist das ein Befund zur stationĂ€ren Aufnahme fĂŒr intravenöse Antibiotika und Anti-Thrombose-Therapie“.

Auch Dermatologen können dem Reinemachen etwas abgewinnen

Okay, verstanden. So weit lassen wir es natĂŒrlich gar nicht erst kommen - und wehren den AnfĂ€ngen. Wie am besten, Frau Doktor? "Mit fruchtsĂ€ure- oder retinolhaltigen Pflegeserien, sie unterstĂŒtzen die Haut bei der Abschilferung; Durch das FreirĂ€umen der Poren kann der Talg abfließen. Vorbeugen lĂ€sst sich auch mit Peelings, aber bitte nicht, wenn Pickelchen da sind! Deren Bakterien verteilen sich durch das Reiben erst recht. Dann besser erst RĂŒcksprache mit dem Hautarzt halten." In schweren FĂ€llen verschreibe sie "Isotretinoin"-Tabletten, sagt Dr. Hund. Der Vitamin-A-Abkömmling schilfere Hautzellen massiv ab und verringere gleichzeitig die Talgproduktion - und das nachhaltig nach Absetzen der Therapie. Ansonsten mĂŒsse man dranbleiben, denn: "Die Pore geht ja durchs AusdrĂŒcken nicht weg, und die Haut erneuert sich rund um die Uhr. Es sammeln sich also wieder abgestorbene SchĂŒppchen, sie treffen auf Talg, und es geht wieder von vorn los." Als sie mich verabschiedet, gesteht sie mit einem Schmunzeln: "Es ist ĂŒbrigens auch fĂŒr Dermatologen befriedigend, Poren sauber zu machen - man sieht sofort Ergebnisse, konnte ohne langwierige Therapie etwas erledigen."

Auf Ekel folgt Erlösung - alles wieder gut.

Ah! Das deckt sich mit der ersten EinschĂ€tzung von Trend-Expertin Kirstine Fratz. Sie hat inzwischen noch weitere Gedanken parat. "Ich persönlich habe mich gefragt, ob nicht das Ausmaß von Ekel, das wir bei diesen Bildern empfinden, signifikant dafĂŒr ist, dass wir heute kaum noch etwas Ekeliges sehen? Unsere Wahrnehmung ist daran nicht mehr gewöhnt, sie wird herausgefordert, und das GefĂŒhl genießen wir irgendwie", schreibt sie in einer Mail nach der Session mit ihren Studenten - an der alle großen Spaß hatten.

Das Fazit: "Beim Anschauen dieser Videos gibt es eine große emotionale Schleife: erst Ekel, dann intensives Nicht-Hinschauen-Können und dann die Erlösung - alles ist wieder in Ordnung. Der Weg dahin ist direkt und nachvollziehbar, das ist wohltuend in einer komplexen Welt, in der Ursache und Wirkung so vielschichtig geworden sind." Es einfach mal gut sein lassen: Das also steckt also hinter dem PhĂ€nomen Pimplepoppen. Geschichten mit garantiertem Happy End! Ansehen werde ich mir das nicht, ansonsten bin ich dabei.

BRIGITTE 22/17

Wer hier schreibt:

Kirstin Bock
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