Geburt einer Creme

Braucht es für eine Creme wirklich nur Wasser, Öl und ein paar Wirkstoffe? Oder muss doch einiges mehr passieren, damit aus einer Idee ein Produkt wird? Wir haben die Entwicklung einer Creme nachverfolgt - bei L'Oréal, dem größten Kosmetikhersteller der Welt

Geburtsort einer Creme

Begeben wir uns nach Chevilly- Larue. Ein Städtchen im Südosten von Paris, 20 000 Einwohner, ein paar Straßen mit Cafés, viele Wohnsilos mit Satellitenschüsseln. Das Ziel der Reise ist so unscheinbar, dass die Taxifahrerin zunächst dreimal daran vorbeifährt. Doch dann steht man davor: ein Ensemble nüchterner Funktionsbauten, der Geburtsort der Hautpflege "Derma Genesis". Gestern wurde die Creme mit Champagner, Lachscreme- Canapés und einer aus L.A. eingeflogenen Penelope Cruz als Ehrengast der Weltöffentlichkeit präsentiert - heute soll erkundet werden, wo sie ihren Ursprung hat.

Die Labors von Chevilly-Larue sind eines von 14 Forschungszentren, die L'Oréal weltweit betreibt. So unspektakulär sie von außen wirken, so große Bedeutung haben die Zentren für den Konzern. Knapp 3000 Wissenschaftler entwickeln und testen hier jährlich 4000 neue Rezepturen für Cremes, Shampoos oder Make-up. Eine gigantische Forschungsmaschine, die mit einem Jahresbudget von rund 500 Millionen Euro jährlich über 500 Patente anmeldet. Unter Markennamen wie Vichy, Garnier, Lancôme, Kiehl's oder Biotherm gelangen die neuesten Entwicklungen in Sachen Anti- Age-Pflege, Lippenstift oder Bodylotion dann in die Regale der Kosmetikläden. Mittlerweile kann man in fast jedem Land dieser Welt Kosmetik von L'Oréal kaufen. Und die Presse-Abteilung der Firma hat auch genau ausgerechnet, wie oft das pro Sekunde geschieht: nämlich 137-mal.

Pressesprecherin Marie-Hélène Gaudinat sitzt in einem der Konferenzräume des Forschungszentrums. Auf einer Leinwand hinter ihr kreuzen sich bunte Striche, Kreise und Pfeile zu etwas, das aussieht wie das verwirrende U-Bahn-Netz einer Millionenmetropole. Die Grafik soll erklären, wie ein moderner Kosmetikkonzern funktioniert. Die Entwicklung einer Creme, erläutert Madame Gaudinat dazu, sei nämlich keinesfalls ein einfacher, linearer Prozess. Eher eine Art von Endlosspirale, in der eine Innovation oft jahrelang kreise, währenddessen verschiedene Unternehmensbereiche von der Grundlagenforschung bis zum Marketing durchlaufe, dabei ständig perfektioniert, von diversen Instanzen auf Unbedenklichkeit und Wirksamkeit getestet, an Markt, Zielgruppe und Forschungsstand angepasst werde - bis man am Ende das fertige Produkt in der Hand halte. Eben zum Beispiel die Hautpflege "Derma Genesis". Ah ja. Aber was heißt das konkret?

Welcher Wirkstoff soll in die Creme?

Konkret trommelte die Konzernleitung von L'Oréal Anfang der Neunziger ihr internationales Forscherheer zur Großoffensive: Anti-Age, hieß es damals, ist der Markt der Zukunft, also legt euch mal ins Zeug. Die Maschinerie fing an zu rattern. Um die Jahrtausendwende machte ein französisches Chemiker-Team dann endlich eine entscheidende Entdeckung: Man erkannte, dass bestimmte Zuckerverbindungen (so genannte GAGs, Glykosaminoglykane) die Haut straff und glatt machen. Nimmt ihre Anzahl in der Haut ab, wird sie weniger gut befeuchtet, ihre Elastizität schwindet. Und das passiert leider mit zunehmendem Alter. Weitere fünf Jahre dauerte es, bis ein anderes Team schließlich ein Molekül entwickelt hatte, das in der Lage war, die GAG-Produktion in der Haut anzukurbeln. Man taufte den neuen Wirkstoff Pro-Xylan™, ließ ihn patentieren - und schubste ihn in die L'Oréalsche Endlosspirale. Pro-Xylane™ ist übrigens der erste Wirkstoff aus der "Green Chemistry"-Reihe: Weder bei der Herstellung noch nach der Verwendung soll bei diesen Rohstoffen die Umwelt belastet werden. Es geht um Nachhaltigkeit, schließlich will man sich nicht die Quelle, aus der man schöpft, vorzeitig selbst zuschütten.

Creme in Variationen

Der "grüne" Wirkstoff landet nun also im Labor von Philipp Touzain, ein paar Türen neben dem Konferenzraum. Seit drei Jahren leitet der Chemiker die Hautpflege- Abteilung von L'Oréal. Und sorgt dafür, dass aus Molekülen wie Pro-Xylan™ fertige Cremes werden. Allerdings nicht irgendwelche: Die Labors erinnern nicht nur wegen der überall surrenden Rührgeräte an riesige Versuchsküchen. Auch die Arbeitsweise von Touzains Abteilung ähnelt der eines experimentierfreudigen Kochstudios: Je nach anvisierter Marke wird der neu entdeckte Wirkstoff zu immer wieder anderen Creme-Variationen zusammengerührt.

Die Vichy-Kundin fragt in der Apotheke nach gezielter Langzeitwirkung? Bitte sehr, hier kommt der Creme-Mix "Neovadiol" mit einer besonders hohen Pro-Xylan™-Konzentration. Die Glamour gewöhnte Käuferin von L'Oréal Paris erwartet einen spektakulären Soforteffekt? Kein Problem, in die "Derma Genesis"- Rezeptur quirlen die Chemiker zusätzlich noch einen Schuss Hyaluronsäure, die lässt die Haut gleich nach dem Auftragen prall und frisch aussehen.

Doch tut sie das wirklich? Fragen dieser Art geht man parallel zum Rezepte-Getüftel immer wieder auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf den Grund, im Testzentrum. Die Kreationen aus Touzains Versuchsküche landen dort zunächst einmal bei Frauen wie Claude. Mit Liebesroman und Banane gerüstet für lange Wartezeiten, sitzt die Rentnerin im Empfangsraum der Abteilung "Instrumentelle Evaluation". Dreimal pro Woche komme sie hierher, erzählt Claude, man pinsele ihr dann fünf verschiedene Cremes aufs Gesicht und messe mit Hilfe technischer Geräte, wie sich die Hautfeuchtigkeit, die Elastizität und die Faltenanzahl verändere.

Kosmetik im Test

Einige Stockwerke weiter oben sitzt unterdessen Mathilde an einem langen Tisch, der durch Trennwände in Einzelkabinen unterteilt wurde. Die Frau mit der verwuschelten Kurzhaarfrisur ist sensorische Testerin, in einem Lehrgang wurde die Hausfrau eigens für ihre Tätigkeit bei L'Oréal geschult. Durch eine Klappe in der Kabinenrückwand schiebt eine Mitarbeiterin immer wieder kleine, unbeschriftete Cremedosen. Mathilde öffnet sie, trägt einen Klecks auf die Wange auf und beurteilt auf Skalen im Computer, wie frisch oder reichhaltig, sanft oder prickelnd sich die Probe anfühlt. Aus der Summe der Bewertungen aller Testerinnen ergibt sich ein sensorisches Diagramm, das zeigt, wie gut ein neues Rezept ankommt - und an welchen Details noch gefeilt werden muss.

13 solcher Testzentren hat L'Oréal weltweit aufgebaut, zusätzlich werden in Beobachtungsstudien die unterschiedlichen Schönheitsrituale der späteren Kunden unter die Lupe genommen. Auch in Chevilly-Larue gibt es ein solches Testlabor: ein Raum mit Waschbecken und Spiegel - wer das Nebenzimmer betritt, erkennt, dass der Spiegel von einer Seite durchsichtig ist. So können die Wissenschaftler unbemerkt beobachten, auf welch unterschiedliche Weise Frauen Make-up, Cremes oder Lotionen auftragen.

Dieses Wissen ist Gold wert. Denn bevor ein neues Produkt auf den Markt gebracht wird, soll sichergestellt werden, dass es ein Erfolg wird. Schließlich wird mit jeder Creme immer auch ein aufwändig inszeniertes Versprechen verkauft - von unwiderstehlichem Glanz und neuer Schönheit, von Geliebt- und Begehrtwerden. Es ist die verführerische Schleife, die zwar erst ganz zum Schluss um Tube oder Tiegel gewunden wird, an der aber fast ebenso akribisch gefeilt und getüftelt wird wie am Inhalt. Am Ende wird so jede Creme zu dem, wonach sich die meisten Käuferinnen und Käufer insgeheim sehnen: ein Klecks vom ältesten Traum der Menschheit - zum Auftragen und Einmassieren.

Anti-Age-Gesichtspflege-Serien, die Pro-Xylane™ enthalten:

"Derma Genesis" von L'Oréal, "UltraLift Pro-X" von Garnier, "Absolue Premium _x"-Anti-Age- Pflegeserie von Lancôme, "Neovadiol" von Vichy, "Reminerale" von Biotherm, "Substiane" von La Roche-Posay

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