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"Sag, was ist eine gute Creme?"

"Sag, was ist eine gute Creme?"
© Christina Drejenstam
Als Beauty-Journalistin bekommt Kirstin Bock diese Frage ständig gestellt. Sie würde ja gern, kann aber nur selten beantworten, was eine gute Creme ist. Und so machte sie sich auf die Suche nach der zeitgemäßen Lösung des Problems.

So ähnlich muss es Ärzten gehen. Egal ob auf Partys, Elternabenden oder sonstigen Menschenansammlungen - sobald irgendwer ihren Beruf erfährt, werden Diagnosen für alle möglichen Zipperlein erbeten: "Schauen Sie mal, ich hab hier so eine Stelle..."

Ganz so schlimm ist es bei mir nicht. Doch sobald Menschen realisieren, dass ich als Beauty-Autorin eine gewisse Kompetenz habe, kommt diese Frage: "Nun sag doch mal, welche Creme ist die beste von allen? Du musst das doch wissen!" Äh, nö - das kann ich leider nicht. Ja, ich habe das Wirkstoffspektrum ganz gut im Blick und kenne die rund 100 brandneuen Cremes, die jedes Jahr auf den Markt kommen. Aber allein Douglas, Europas größte Parfümerie-Kette, hat fast 2500 Gesichtscremes im Sortiment, und Drogerien, Apotheken und Bioläden bieten grob geschätzt noch mindestens weitere 1000. Ich könnte jetzt von meinen heimlichen Lieblingen schwärmen - eine persönliche Ad-hoc-Beratung ist trotzdem nur bedingt drin. Denn Haut ist etwas sehr Eigenes, und was bei meiner gut funktioniert, taugt bei Freundinnen vielleicht gar nicht. Das kann daran liegen, dass wir zwar gleich alt, aber unterschiedlich gealtert sind und unser Hauttyp nicht identisch ist. Der ist ein wichtiges Kriterium bei der Suche nach dem passenden Produkt - und meist die erste Hürde, an der sie scheitert. Frage ich Freundinnen nach ihrem Hauttyp, lautet die Antwort meist: "Sensibel!" Das passt irgendwie zu jeder, nur ist es keine Antwort auf meine Frage. Denn "sensibel" ist kein Hauttyp, jedenfalls kein dermatologisch definierter.

"Sensibel" ist kein Hauttyp - jedenfalls kein definierter!

Profis sprechen von normaler, fettiger oder trockener Haut. Sofern das für den ganzen Teint gilt. Und es bestimmten Zonen nicht an Fett oder Feuchtigkeit fehlt. Klingt kompliziert, ist es auch. Es empfiehlt sich deswegen eine regelmäßige Zustandsbestimmung durch einen Dermatologen - die lässt sich mit dem Hautkrebs-Screening etwa ganz einfach verbinden, immer wieder. Denn da die Haut sich im Laufe der Jahre ständig verändert, gibt es keine Universal-Formel für die Ewigkeit. Cremes sind bestenfalls Lebensabschnittspartner, Treue hat bei ihnen ein Verfallsdatum, manchmal ein sehr knappes. Dabei sind Urlaubsliebeleien ausdrücklich zu begrüßen, denn auch geografische Breiten nehmen Einfluss auf die Hautbedürfnisse. Herumprobieren schadet nicht. Falls das mit dem Neuen nicht klappt - zurück in den Laden.

Doch vielleicht wird ja in Zukunft alles einfacher. Ich warte eigentlich täglich auf Hilfe aus dem App-Store. Nichts und niemand kennt uns schließlich so gut wie unser Smartphone. Es weiß sogar, in welcher Klimazone wir uns gerade befinden. Ich stelle mir das so vor: Bei Bedarf scannt das Handy den Ist-Zustand unseres Teints und errechnet, was die Haut braucht, unter Berücksichtigung unseres Lebenswandels in der letzten Woche. Also, Samstag früh gegen halb drei wirre Whatsapps getippt, Sonntagabend im Yoga-Studio eingecheckt, Montag nach Verdauungstees gegoogelt, Dienstag Partnerschafts-Ratgeber bestellt und Mittwoch zurückgeschickt, Donnerstag 34 Mal "Hasi ruft an" ignoriert, Freitag Termin beim Schamanen gemacht. Alle diese Daten müssten doch zur persönlichen Hautanalyse samt Produktempfehlungen ausreichen. Warum es dafür bis heute noch keine gescheite App gibt - es ist mir ein Rätsel. Und die Frage aller Fragen, die mich nicht nur von Berufs wegen umtreibt.

Text: Kirsten Bock BRIGITTE 12/2014

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