Männerkosmetik: Die gepflegte Emanzipation

Gibt es ihn wirklich, den Boom in der Männerkosmetik? Wir wollten wissen, was genau in deutschen Badezimmern passiert. Neue Studien - und zehn Männer plaudern ganz offen über maskuline Problemzonen, Beauty-Favoriten und Ganzkörperrasur.

Also mal ganz ehrlich: In tatsächlichen Umsatzzahlen betrachtet, ist der ausgerufene "Big Boom" in der Männerkosmetik immer noch ein "Boomchen". Zwar wuchs der Markt für Männerkosmetik 2007 um knapp zehn Prozent - was aber auch kein Kunststück ist beim derzeit noch relativ geringen Volumen insgesamt: Von den 12,3 Milliarden Euro, die hierzulande jährlich für Körperpflegeprodukte und Düfte ausgegeben werden, spendieren sich die Männer rund 884 Millionen für ihre Schönheit - gut sieben Prozent also.

Von einem gleich großen Angebot für Männer und Frauen, wie es viele Hersteller vorausgesagt haben, kann also noch lange nicht die Rede sein. Dennoch geht es voran - und Björn Held, Leiter der Beiersdorf Marktforschung Deutschland, sieht darin sogar einen "Effekt des Feminismus". Laut einer "Männerstudie" vom Zukunftsinstitut in Kelkheim definiert sich das neue Männerbild nämlich über die Emanzipation der Frau: Frauen waren noch nie so hoch qualifiziert und erfolgreich im Job wie heute.

Frauen sind im Leistungsniveau auf Augenhöhe und erwarten von den Männern den gleichen Einsatz - und zwar inhaltlich und äußerlich. Ähnlich wie Frauen müssen heute auch immer mehr Männer zwischen mehreren Rollenerwartungen hin und her springen: Manager, Vater, Hausmann oder Liebhaber. Die Rolle des Versorgers müsse nicht mehr zwingend besetzt werden, die meisten Frauen verdienen längst selbst ihren Unterhalt. Nicht ganz ohne Genugtuung lächeln toughe Businessfrauen, wenn der männliche Kollege um die 40 erste Kratzspuren im Lack entdeckt und sich fragt, welche Anti-Aging-Wirkstoffe am effektivsten dagegen wirken.

Eine Orientierungshilfe für die neue maskuline Rollenfindung geben moderne Männerforen wie www.dergepflegtemann.de oder www.vaeterundkarriere.de/blog. Denn für robuste Männerhaut gelten andere Konstruktionsregeln und vor allem andere Konsistenz-Vorlieben. Also Obacht mit Pflegetipps!

Männerteint ist 20 Prozent dicker, enthält mehr Kollagen und mehr Talgdrüsen. Zeitzeichen zeigen sich im Gesichtsrelief im Schnitt zehn Jahre später, dafür aber ausgeprägter. Im Unterschied zu Frauen mögen Männer lieber leichte Texturen, die schnell einziehen, nicht zu reichhaltig sind oder gar nachfettend.

"Männer lieben zum Beispiel Rasiergel, das automatisch schäumt", sagt Thomas Schönen, Marketingleiter von Nivea. Der Schaum darf aber nicht so fein sein wie der für Frauen. Auch das Thema Falten beschäftigt das starke Geschlecht, vor dem Begriff "Anti-Age" schrecken Männer allerdings eher zurück. "Der Mann um die 30 greift lieber zum Energie-Booster als zur Antifaltencreme", erklärt Schönen. Ab 40 ist dann ein effektives Pflegesystem gefragt, damit Stress und Müdigkeit keine Furchen hinterlassen. Früher betrachtete man Fältchen und Schatten unter den Augen als Zeichen beruflichen Erfolgs. Heute möchte sich der Mann trotz Stress seinen Herausforderungen frisch und glatt stellen. Denn neben der beruflichen Qualifikation entscheidet sich das Karriererennen nach dem Aussehen. Fast 80 Prozent der Männer glauben laut einer Studie des Herstellers Gillette (Rasierapparate, -klingen), dass der top gepflegte Mann die Nase im Job vorn hat. Sigrid Schäfer-Merk, selbständige Personalberaterin, bestätigt das Ergebnis: "In Bewerbungsgesprächen achte ich schon auf das Äußere. Jemand mit ungewaschenen Haaren hätte eindeutig weniger Chancen als ein sorgfältig gepflegter Bewerber."

Laut Typisierung der Nivea-Männerstudie gibt es drei Pflegekategorien bei Männern: die Basispfleger, die Pflege-Fortgeschrittenen und die Experimentierfreudigen.b Marktforscher Björn Held übersetzt diese Bewertung in kosmetische Produktsprache: "Duschgel, Shampoo, Deo und Rasierschaum gehören zur Grundausrüstung für Basispfleger. Fortgeschrittene setzen auf Bodylotion, passende Gesichtscreme und Eau de Toilette. Und auf Level drei kommen unterschiedliche Dinge wie Brust- und Intimrasur, Serumpflege, Spa-Besuche und regelmäßige Maniküre dazu." Rasierwerkzeughersteller rufen bereits das Zeitalter der haarfreien Männer-Bodys aus. Laut einer von Braun in Auftrag gegebenen Studie rasiert sich bereits jeder dritte Mann die Körperhaare. Damit die Rasur problemlos glattgeht, gibt's jetzt duschtaugliche Ganzkörperrasierer, die Haarwuchs von Brust, Rücken und jeder weiteren Körperzone mühelos entfernen sollen (z. B. "Bodycruzer" von Braun und "Bodygroom" von Philips). Bei unserer kleinen Straßenumfrage kam heraus, dass die haarige Frage altersabhängig zu sein scheint. Männer über 40 wundern sich eher über den Trend oder machen sich sogar lustig. Genauso offen wie über die Intimrasur wurde auch über "Problemzonen" gesprochen. Gegen die viele Männer, laut Dr. Gerhard Sattler, Fettabsaugungsspezialist von der "Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie Deutschland", auch mit ärztlicher Hilfe vorgehen würden: "Männer sind zwar längst nicht so selbstkritisch wie Frauen, haben aber eine viel niedrigere Hemmschwelle, wenn es ein ästhetisches Problem gibt. Sie wollen dann einfach eine schnelle Lösung."

Und was steht vorn auf der Männer-Mängelliste? Gefragt sind vor allem "Fettabsaugen an der Brust, gefolgt von Botoxbehandlungen und Faltenunterspritzungen, an dritter Stelle Fettabsaugen am Bauch", weiß Schönheitschirurg Sattler. Lassen sich bald genauso viele Männer wie Frauen operieren? "Nein, so weit ist es noch lange nicht. Auf zehn Frauen kommt zur Zeit nur ein Mann mit chirurgischem Schönheitswunsch." Gut so, es gibt ja etliche kosmetische Alternativen. Um die zu entdecken, haben Männer allerdings noch ein bisschen Aufklärungsbedarf nötig: Was zum Beispiel ein Serum bewirkt, wusste bei unserer Umfrage niemand. Hier sei verraten, dass Seren hochkonzentrierte, aber leichte Wirkstofftexturen sind, die als Zusatzpflege unter der Tages- oder Gesichtscreme aufgetragen werden. Sie erzielen meist einen sofort sichtbaren Glättungseffekt. Ein Augengel haben immerhin sechs der befragten Männer schon mal verwendet, wenn auch mit großer Skepsis. Aber gönnen wir den Männern ruhig ihre Entdeckerphase - Emanzipation braucht Zeit. Das wissen Frauen nur zu gut.

Michael Proch, 39, selbständiger Sportvermarkter

Kaufen Sie Ihre Kosmetik selber?

Ja, meistens auf Vorrat für ein Jahr, dann habe ich erst mal Ruhe. Gern bei Jebe, eine Parfümerie, die nicht so schickimicki ist - das mag ich.

Welche Pflegeprodukte kamen heute Morgen zum Einsatz, und wie lange hat's im Bad gedauert?

Waschlotion und Gesichtscreme von Shiseido - die hat mir eine befreundete Hautärztin empfohlen. Duschgel und Deo von Nivea und Rasiergel von Gillette. Schätze, ich brauchte 23 Minuten, bis ich alles unter Kontrolle hatte.

Laut Kosmetikherstellern geht der Trend zum glatt rasierten Männerkörper. Wo entfernen Sie überall die Haare?

Ich rasiere alles außer Kopf und Beinen. Ich mache das seit ungefähr drei Jahren und empfinde es als sehr angenehm.

Haben Männer Problemzonen?

Ja, sicher. Bauch und Haarausfall sind ein Thema. Ich würde meine Haare komplett rasieren, wenn eine Glatze droht.

Haben Sie schon mal ein Serum benutzt?

Serum? Nein, was ist das?

Einen Selbstbräuner?

Nein.

Eine Augencreme?

Auch nicht.

Kay Göttsch, 22, Sportstudent

Würden Sie ein Männer-Treatment im Spa buchen?

Ich bekomme ständig Massagen nach meinem Fußballtraining und Physiotherapie. Für ein Spa würde ich daher kein Geld ausgeben.

Wie viele Kosmetikprodukte kamen heute schon zum Einsatz?

Duschgel von Adidas, Pantene-Pro-V-Shampoo, Bodylotion von bebe Young Care. Fürs Gesicht nehme ich Niveacreme aus der blauen Dose, die fettet etwas mehr. Aftershave auch meistens von Nivea, das für sensible Haut. Mein Duft ist von Hugo Boss. Heute musste ich nicht so früh zur Uni, da war ich eine Dreiviertelstunde im Bad.

An welchen Körperteilen rasieren Sie sich?

Achseln rasiere ich nicht, am Körper ja - das finde ich einfach besser.

Haben Männer Problemzonen?

Bierbäuche, und ich finde schlimm, wenn Männer Brüste kriegen. Da würde ich sofort gegen angehen. Man sieht ja manchmal Zwölfjährige, die mehr Brust haben als ihre Altergenossinnen, erschreckend.

Haben Sie mal ein Serum benutzt?

Nein.

Einen Selbstbräuner?

Nein. Ich bin eine Zeit lang ins Solarium gegangen, das würde ich heute nicht mehr machen.

Eine Augencreme?

Nee.

André Kussmaul, 38, Autor

Kaufen Sie Ihre Kosmetik selber?

Ja. Ich lasse mich gern beraten, um zu erfahren, was es Neues gibt. Obwohl ich immer enttäuscht bin, dass die Männerecke viel kleiner ist als die der Frauen.

Mit welcher Kosmetik sind Sie in den Tag gestartet?

Das Aquagel von Biotherm benutze ich gern. Mein Duft ist Hermès Verte. Bodylotion habe ich aus Thailand mitgebracht, die riecht nach Zitrus. Ich brauche 20 Minuten morgens. Ab und zu lege ich eine Gesichtsmaske mit grünem Tee auf - dann dauert's länger.

Haben Männer Problemzonen?

Bauch und Hüften. Ich habe vor einem Jahr angefangen zu joggen, weil es mich genervt hat.

Was halten Sie vom Trend der enthaarten Männerkörper?

Ich finde, der Trend ist eher wieder am Abebben und Brusthaar im Kommen. Ich würde mir vielleicht das Brusthaar kürzen.

Haben Sie schon mal ein Serum benutzt?

Nein.

Einen Selbstbräuner?

Nein, ich bin lieber bleich.

Eine Augencreme?

Ja, regelmäßig die von Biotherm und Shiseido.

Reiner Schäffe, 58, Kameramann

Käme eine Beauty-OP für Sie in Frage?

Nein, wirklich nicht. Ich habe gelesen, dass Börsenmanager in Amerika sich in der Mittagspause Botox in die Stirn spritzen lassen. So ein Schwachsinn, das Leben muss sich doch im Gesicht widerspiegeln.

Wie sieht Ihre morgendliche Pflegeroutine aus?

Ganz einfach: Duschgel, Rasierschaum und Feuchtigkeitscreme von Nivea for Men. Shampoo von Pantene. Parfüm benutze ich nie. Dauert circa eine halbe Stunde.

Lassen Sie sich von dem Trend zur Ganzkörperrasur bei Männern beeinflussen?

Komischerweise habe ich unter den Armen keine Haare, da muss ich mich also nicht rasieren. Ich habe von diesem Trend gelesen, aber für mich ist es kein Thema. Haben Männer Problemzonen?

Natürlich den Bauch. Viele Bekannte klagen darüber - mag vom Bier kommen oder von mangelnder Bewegung.

Haben Sie schon mal ein Serum benutzt?

Nein.

Einen Selbstbräuner?

Nein, wozu?

Eine Augencreme?

Nein.

Dominik Djialeu, 22, Hotelfachmann

Was macht Männer sexy?

Selbstbewusstsein. Männlich und natürlich auftretende Typen sind viel interessanter als solariumgebräunte, geschniegelte Männer.

Wie haben Sie sich heute Morgen gepflegt?

Momentan benutze ich ein Reinigungsprodukt von Biotherm gegen Akne, weil ich noch vereinzelt Probleme habe, und das hilft sehr gut. Dann ein Feuchtigkeitsgel von Nivea und Head & Shoulders für die Haare. Mein Sommerduft ist "Hot Play" von Lacoste, sehr frisch. Ich war eine halbe Stunde im Bad.

Wie steht's mit Ganzkörperrasur?

Ich habe es eine Zeit lang gemacht, aber mein neuer Freund findet es eher sexy, wenn ich Haare habe. Unter den Achseln stutze ich mir die Haare, rasiere sie aber nicht komplett.

Haben Männer Problemzonen?

Bei mir ist es der Bauch, ich habe starke Gewichtsschwankungen und muss aufpassen.

Haben Sie mal ein Serum benutzt?

Nein.

Einen Selbstbräuner?

Nee, natürlich nicht.

Eine Augencreme?

Manchmal nehm ich eine kühlende Augenmaske.

Rolf Lindberg, 58, Versicherungskaufmann

Waren Sie schon mal bei der Maniküre?

Regelmäßig gepflegte Hände finde ich sehr wichtig. Welche Pflegeprodukte kamen heute Morgen bei Ihnen zum Einsatz, und wie lange hat's gedauert?

20 Minuten, ich bin eine Naturschönheit! Meine Produkte: Rasiercreme, Gesichtswasser und Emulsion von "Shiseido Men". Duschgel von Clarins und ein medizinisches Shampoo gegen Schuppen. Eau de Cologne von Thierry Mugler.

Ganzkörperrasur soll bei Männern jetzt im Trend sein. Eine Option für Sie?

Nee, ich rasiere nur die Barthaare. Mich würde ehrlich gesagt interessieren, wie Brad Pitt und Co sich den Rücken rasieren.

Haben Männer Problemzonen?

Klar. Bauch, Brust würde ich sagen.

Haben Sie schon mal ein Serum benutzt?

Wofür soll das denn sein?

Einen Selbstbräuner?

Nein.

Eine Augencreme?

Ja, so eine Probe von Shiseido.

Kocu Mitopke, 33, Verkaufsberater in der Modebranche

Waren Sie schon mal bei der Maniküre?

Ich gehe regelmäßig zur Pediküre, da gibt's immer Angebote, die Maniküre gleich mit zu erledigen. Das nehme ich auch in Anspruch.

Was stand heute auf Ihrem Pflegeplan?

Ein Peeling von Neutrogena gegen meine Akne und Gesichtswasser vom Body Shop. Mein Duschgel duftet nach Karité-Butter und ist von Yves Rocher. Dann Tagescreme aus dem Afroshop und fünf Spritzer Jil Sander.

Wo rasieren Sie sich überall?

Im Gesicht, Achseln und Intimbereich. Brusthaar habe ich nicht.

Haben Männer Problemzonen?

Klar, den Bauch. Ich würde gern mehr Sport machen, momentan fehlt mir aber die Zeit.

Haben Sie schon mal ein Serum benutzt?

Nein.

Eine Augencreme?

Nein.

BRIGITTE 18/08 Fotos: Sonja Tobias und Gerd Ladebeck (Produkte) Produktion: Birgit Potzkai, Merle Rebentisch Text: Stefanie Höfle

Wer hier schreibt:

Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Mode- & Beauty-Newsletter

Beauty-Newsletter

Euer wöchentliches Style-Update mit den wichtigsten Modetrends, neuen Frisuren, spannenden Make-up-Looks und Inspirationen!