Hyaluron: Kann es Falten wirklich aufpolstern?

Der Lieblingswirkstoff der Beauty-Branche heißt Hyaluron, ist ein Alleskönner und steckt deshalb längst nicht mehr nur in Hautpflege. Aber wie sollte man ihn anwenden, um von seinen Fähigkeiten wirklich zu profitieren? 

1. Hyaluron zum Cremen 

Was haben Meghan Markle, Schauspielerin und frisch Angetraute von Briten-Prinz Harry, und Hyaluronsäure gemeinsam? Beide schafften es auf Platz eins der Google-­Charts 2017. Markle als meistgesuchte Frau der Welt, Hyaluron lag bei den Wirkstoffen vorn. Der Zweifachzucker ist ja auch eine kleine Sensation: Hauptsächlich kommt er in der Haut und in den Gelenken vor, genauer gesagt in den Räumen zwischen den Zellen. Dort bindet er so viel Flüssigkeit, dass er wie ein Stoßdämpfer für die Knochen wirkt, die Haut schön prall macht, Gewebe elastisch hält und die Wundheilung ankurbelt. 

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Sechs Liter Wasser kann ein Gramm Hyaluron speichern

Leider verlieren wir schon ab Mitte 20 alle zehn Jahre etwa sechs Prozent unseres Hyalurons durch natürliche Feinde: Enzyme, die es abbauen. "Dieser Prozess lässt sich nicht umkehren, aber durch eine gute Pflege verlangsamen", sagt Dr. Andreas Fitzner, Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung bei Eubos. 
Und was gehört in eine solche Pflege, die als Cremes, in Ampullen, als Serum oder in getränkten Sheet Masks daherkommt ? Am besten Hyaluronsäure, die aus langen und kurzen Molekülketten besteht. Vereinfacht kann man sich das so vorstellen: 

  • Die langen Hyaluronketten sind zu groß, um in die Haut einzudringen, sorgen aber für einen Soforteffekt. "Sie legen sich auf die Hautoberfläche und speichern dort Feuchtigkeit, bis sie wieder abgewaschen werden", so Dr. Fitzner. Man sieht auf Anhieb deutlich glatter und frischer aus. Außerdem stärken die Salze der Hyaluronsäure die Hautbarriere, jenen "Schutzwall", der Keime und andere Störenfriede abhält und zugleich vor Flüssigkeitsverlust bewahrt. 
  • Mittelkettiges Hyaluron dagegen gelangt langsam in die Haut und durchfeuchtet vor allem die oberen Schichten. 
  • Kurzkettiges (und deutlich teureres) soll es auch in die Tiefe schaffen und dort sogar Einfluss auf den Zellstoffwechsel haben. 

Wie gewinnt man Hyaluron?

Bis Ende der 90er wurde Hyaluron übrigens aus Hahnenkämmen extrahiert, heute gewinnt man es mittels Fermentation etwa aus Hefe oder Getreide - diese vegane Variante löst seltener Allergien aus. Aber zurück zum Cremen. 

Einziges Manko dabei: Der aufpolsternde Effekt von Hyaluronsäure ist nur von kurzer Dauer.

Man sollte den Zweifachzucker also täglich und konsequent auftragen und am besten in Kombination mit Vitamin B oder C. Die Vitamine brauchen wir, um Kollagen, das Stützgerüst der Haut, herzustellen. Und nur gut gestütztes Gewebe kann Wasser "halten" und dann auch schön prall wirken. 

2. Hyaluron zum Trinken 

Was bei den einen im Tiegel landet, wird von anderen lieber geschlürft. 

"Ich trinke mein Hyaluron", sagt etwa Oscar-Preisträgerin Gwyneth Paltrow, 45. "Mit einer Creme erreicht man nur vereinzelte Körperpartien. Von den Drinks profitiert die ganze Haut." 

Besonders langkettiges Hyaluron, das sonst nur auf der Hautoberfläche sitzen bleibt, soll so auch in ihrer Tiefe ankommen. Und könnte von dort aus sogar eine positive Wirkung auf unsere Gesundheit haben. Forscher machten nämlich eine erstaunliche Entdeckung: Nacktmulle - kleine, rattenartige Tiere ohne Fell - kennen weder Krebs noch Demenz. Man vermutet, dass langkettige Hyaluronsäure das Gewebe der Mulle, die zu den langlebigsten Nagern gehören, gesund hält. Der menschliche Körper dagegen stellt von allein nur kurzkettige Formen her. 

Aber kommt verzehrtes Hyaluron überhaupt in der Haut an? 

Wird es nicht verdaut und abgebaut, bevor es ins Blut gelangen kann? "Normalerweise überwinden nur zehn Prozent der Moleküle die Darmbarriere", sagt US-Ernährungsberater Dr. Frank Lipman. Um Hyaluron vor seinen Angreifern, den Enzymen, zu schützen, verkapseln Hersteller es deshalb gern mit Hesperidin. Das Antioxidans aus der weißen Haut von Zitrusfrüchten soll dafür sorgen, dass der Wirkstoff nicht so schnell aufgebrochen wird. "Also essen Sie das Weiße mit, das schützt Ihre Hyaluron-Depots", rät Lipman. 
Und noch was: Trinkampullen oder Kapseln sollte man mindestens vier Wochen einnehmen, erst dann hat sich die Haut erneuert, und man sieht Unterschiede (etwa "Regulatpro Hyaluron" von Dr. Niedermaier; Kollagen-Trinkampullen "Elasten" von Quiris Healthcare; exklusiv in Apotheken erhältlich). 

3. Hyaluronsäure spritzen 

Unterspritzungen, vor allem in den Wangen, aber auch im Bereich der Lippen, sind ein klassisches Einsatzgebiet für Hyaluronsäure. Damit das Ergebnis aber möglichst natürlich statt nach aufgepolstertem Pillow-Face aussieht, setzen Mediziner wie Dr. Thomas Hartmann, Facharzt für plastische Chirurgie bei Goldbek Medical in Hamburg, auf den ab 450 Euro erhältlichen "8-Punkt-Lift", bei dem an acht Punkten vom Jochbein bis zur Kinnregion gezielt geringe Mengen einer sehr stabilen Hyaluronsäure in der Tiefe der Haut platziert werden. "Das entlastet die Nasolabialfalte, und sie geht zurück." 

Nicht jede Form von Hyaluron eignet sich für die Gesichtsbehandlung

Hersteller wie Teoxane werben neuerdings mit Hyaluronsäure, die speziell für bewegliche Gesichtspartien wie Wangen und Mund entwickelt wurde: Resilient Hyaluronic Acid (RHA) wie "Teosyhal" soll noch dehnbarer sein und sich so den Bewegungen der Muskeln besser anpassen. Dr. Hartmann sieht das eher skeptisch. "Es kommt auf die Menge an. Ich benutze beim ,8-Punkt- Lift‘ nur einen Milliliter pro Gesichtshälfte, eine solche Menge macht auch alles mit. Wichtiger ist, wie stark vernetzt, also wie stabil die Hyaluronsäure ist. 

"Hier geht Qualität wirklich über Quantität."

Auch deshalb sollte das Lifting, das etwa zwölf bis 18 Monate hält, nur von gut ausgebildeten Ärzten durchgeführt werden. Bei trockener, knittriger Haut kann eine sogenannte Mesotherapie helfen. Dabei werden der Epidermis, also der Oberhaut, mit kleinen Nadeln Mikroverletzungen zugefügt, um einen Cocktail mit Hyaluron, Vitaminen und Mineralien einzuarbeiten. "Die effektivste Art, die Haut dazu zu bringen, mehr Hyaluron und Kollagen zu produzieren", sagt die Londoner Dermatologin  Dr. Frances Prenna Jones, die auch Model Kate Moss behandelt. 
Für alle, die keine Nadeln mögen, empfiehlt sie ein "Jetpeel", bei dem ein Wasser-Gas-Kochsalz-Gemisch mit Geschwindigkeiten von bis zu 720 Kilometern pro Stunde auf die Haut geschossen wird. Das Peeling, das auch Kosmetikstudios anbieten, entfernt abgestorbene Hautschüppchen und soll die Hyaluronsäure im Anschluss noch tiefer in die Haut sinken lassen. 

4. Schminken – in Make-up steckt Hyaluron

Selbst in Make-up steckt inzwischen Hyaluron. Nivea zum Beispiel hat jetzt ein Schwämmchen auf den Markt gebracht, das Pflege, Make-up und Tool in einem ist. Die Grundierung deckt stärker als eine "BB Creme", soll aber intensiver pflegen. Und sie enthält Kreatin, einen hauteigenen Stoff , der die Hyaluronsäure-Produktion anregen soll. Genau wie Saponin: Aus Sojabohnen gewonnen, soll es den Hyaluronwerken in der Haut, den sogenannten Fibroblasten, den Befehl geben, einen Gang hochzuschalten. Oder vielleicht sogar gleich zwei Gänge. Eine In-vitro-Studie von Eucerin ergab schon mal, dass Saponin die Ausschüttung der Säure um 256 Prozent steigern konnte (etwa in der "Hyaluron Filler CC Cream LSF 15" von Eucerin). 

5. Sprühen – Hyaluron für die Haare

Neu sind auch Shampoos, Spülungen und Sprays mit Hyaluron, die für glattes, seidiges Haar und einen volleren Schopf sorgen sollen. 

"Unvernetzte Hyaluronsäure kann zwar in geringem Umfang ins Hornmaterial des Haares diffundieren und dort Wassermoleküle binden, sodass das Haar etwas geschmeidiger wird. Es handelt sich aber bestimmt auch um eine Modeerscheinung", sagt Dr. Frank-Matthias Schaart, Hautarzt und Haarspezialist aus Hamburg. 

Bindet der Zweifachzucker vielleicht sogar zu viel Wasser, das dann die Haare beschwert? "Das bezweifle ich", so Schaart. "Die Hyaluronsäure auf dem Haar wird beim Waschen ja fast vollständig wieder ausgespült." Und das ist vielleicht auch das Problem bei allem, das ausgewaschen werden muss. Soll das Hyaluron auf dem Haar bleiben oder gar in die Hornschicht aufgenommen werden, um dort längerfristig zu wirken, machen vor allem Produkte wie leichte Leave-in-Sprays Sinn.

Noch mehr Kosmetikprodukte mit Hyaluronsäure: Wir haben Gesichtscreme mit Hyaluron dem Redaktionstest unterzogen. Das BRIGITTE Beauty-Ressort hat trockene Haut und Falten einfach weggecremt – die Ergebnisse zum Nachlesen. Alles eine Frage des Bindegewebes: Hyaluron ist nicht nur verantwortlich für eine straffe Haut, es stärkt auch das Bindegewebe des gesamten Körpers. Wir haben noch mehr praktische Tipps, wie man sein Bindegewebe stärken kann.

Brigitte 09/2018

Wer hier schreibt:

Annika Thomé
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