Heike Merker - die Frau, die Menschen auch mal hässlich schminkt

Heike Merker ist preisgekrönte Maskenbildnerin und weiß genau, wie man ein Gesicht hübscher schminken kann. Doch oft tut sie genau das Gegenteil.

Wenn eine Pestbeule mitten im Szenen-Tumult verrutscht, macht sie einfach die Augen zu und konzentriert sich darauf, ihren Perfektionsdrang auszuknipsen. Mittlerweile gelingt Heike Merker das ganz gut - 22 Jahre Schminkerfahrung an etlichen Filmsets helfen ihr dabei.

Für ihren jüngsten Film "Der Medicus" formte sie täuschend echte Pestbeulen aus Silikon für die dahinsiechenden Komparsen. "Wir haben die Szenen in der marokkanischen Wüste bei 40 Grad gedreht. Der Hautkleber schmolz einfach, und die Beulen wanderten fröhlich, wohin sie wollten", erinnert sie sich und lacht. Mittlerweile weiß sie, dass solche Details im Gesamtbild am Ende niemandem mehr auffallen. Da bleibt sie ganz gelassen.

Diese innere Ruhe braucht sie, muss sie übertragen auf ihr Team und vor allem auf die Schauspieler. Schließlich dringt sie in deren Komfortzonen ein, berührt mit ihren Fingern sachte alle möglichen Körperstellen, eventuell verborgene Problemzonen, macht sie jünger oder älter, hilft ihnen damit, in ihre Rollen zu schlüpfen. "Tom Hanks macht zum Beispiel in der Maske immer die Augen zu. Wenn er sich anschließend im Spiegel sieht, switcht er sofort in seine Figur und spielt sich warm", erzählt die Maskenbildnerin. Ein Vorabtreffen gibt es mit Hollywoodstars wie Hanks nicht.

Merker begegnet ihnen backstage meist zum ersten Mal. Das Warm-up findet beim Händeschütteln statt. Feingefühl ist dabei wichtig für die Stimmung, denn am Wohlgefühl der Darsteller kann ein ganzer Filmerfolg hängen. Bei Olivier Martinez, der den Schaar im "Medicus" spielt, stimmte die Chemie sofort. Eine Kollegin verriet ihm, dass Merker seine Freundin Halle Berry auch schon mal geschminkt hatte. Der Schauspieler simste seiner Liebsten, die antwortete umgehend, ließ Heike Grüße ausrichten. "Martinez ließ sich danach ganz entspannt fallen, obwohl er sonst gar nicht gut stillsitzen kann." Das Talent, ihren Kunden ein Wohlgefühl zu geben, ist für die Frau mit dem brünetten Nackendutt und der beruhigenden Ausstrahlung eine ebenso wichtige Referenz wie ihr handwerkliches Geschick.

Dabei konnte sich die gebürtige Berlinerin zu Beginn ihrer Karriere nicht mal vorstellen, mit der Maskenbildnerei überhaupt irgendwann richtig Geld zu verdienen. "Ich arbeitete nach meiner Ausbildung für Studentenproduktionen. Oft unentgeltlich." Gelernt hat sie ihr Handwerk an der "Hasso von Hugo Maskenbildnerschule" in Schöneberg. Das war 1991. So recht wusste sie damals nicht, was sie werden wollte, erfuhr durch Zufall, dass man an diesem Institut auch ohne Friseurausbildung anfangen konnte. "Die Schule hat mir unglaublich viel Spaß gemacht, weil ich spürte, wie sehr es mich inspiriert, mit meinen Händen etwas zu erschaffen." Merker entschied sich damals fürs Filmgeschäft. Finanziell gesehen eine gute Wahl: Am öffentlichen Theater verdienen Berufseinsteiger heute um die 1250 Euro brutto im Monat. Bei Filmund Fernsehproduktionen liegt der Anfangstarif bei 1070 Euro - pro Woche. Etablierte Profis verdienen noch wesentlich mehr, aber "keine schwindelerregenden Summen", sagt Heike Merker. Sie ist heute eine viel gebuchte Kreative.

Aber was genau ist ihr Geheimnis? Wie schminkt man sich aus dem Heer der Maskenbildner bis nach Hollywood? Wichtigste Voraussetzung: neben dem zwischenmenschlichen auch den Farbton zu treffen. Und da ist Vorbereitung alles. Ob Staubschattierung, Teint oder Blutstropfen, Merker hat alles auf der Palette. "Ich habe am Set rund 25 Farbkästen dabei. Von diversen Blautönen für Prügelei-Flecken bis zur Rötung für Sonnenbrand. Hannah Herzsprung habe ich für einen Himalaya-Abenteuerfilm mal Flohstiche und einen Sonnenbrand mit zehn unterschiedlichen Rotschattierungen appliziert. Eine davon war mein Lieblings-Rouge 'Benetint', weil sich die flüssige Textur so prima mischen lässt. Und natürlich ein paar Tropfen Kunstblut, das sollte man immer im Koffer haben - Grundausstattung." Am liebsten kauft Merker ihr Blut bei "Mould Life", einem professionellen Ausstatter für Maskenbildner. Da gibt's die besten Farben.

Der Karrieresprung an größere Filmsets gelang ihr mit "Sonnenallee", eine erfolgreiche Ostalgie-Komödie, mit der Regisseur Leander Haußmann 2003 ein Überraschungserfolg glückte. Von da an schminkte sich die Berlinerin immer weiter nach oben. Erst für deutsche, später für internationale Produktionen wie Tom Tykwers "Cloud Atlas". Heute hat ihr Wort Gewicht, Regisseure wie Philipp Stölzl nehmen ihren Rat gern an: Wenn Merker vorschlägt, dass Alexander Fehling als Dichterfürst im Film "Goethe!" die Perücke lieber schief als akkurat aufsetzen soll, dann wird das so gemacht. "Eine moderne Interpretation, die Goethe einfach lässig machen würde", spürte die Chef-Schminkerin spontan.

Olivier Martinez spielt in der Verfilmung von "Der Medicus" den Schaar. Seine Abenteurer-Mähne bändigte die Maskenbildnerin mit duftendem Honighaarwachs.

Die meisten wichtigen Details studiert sie allerdings schon im Vorfeld ganz akribisch. Unzählige Bilder für Stimmungs-Collagen sammelt sie vor jedem Dreh, besonders für Filme aus früheren Epochen. Womit schminkte man sich zu Goethes Zeiten? Wie stellt man den Reisestaub am besten her? "Wir haben erst weißen Babypuder als Grundton verwendet, das wirkte aber viel zu sauber, dann sind wir auf ein beiges Sandgemisch umgestiegen", erzählt Merker.

Für ihre detailverliebte Arbeit am "Goethe!"-Set gewann sie 2011 den Deutschen Filmpreis, die "Lola", für das beste Make-up. Doch anstatt sich zu freuen, erfasste sie Panik. Plötzlich war sie es, die aus ihrer Komfortzone musste, vom geschützten Backstage-Bereich auf die offene Bühne. "Ich habe während der ganzen Preisverleihung gedacht: ‚Ich möchte nicht. Ich möchte nicht. Ich möchte nicht.' Ich wollte einfach nicht da hoch." Beim zweiten Mal war es dann nicht mehr ganz so schlimm: 2012 heimste sie mit ihrem Team erneut die "Lola" ein. Diesmal für die Arbeit am Kostümdrama "Anonymus", eine internationale Produktion, die unter Roland Emmerich in Babelsberg gedreht wurde. Für Heike Merker ein seltener Glücksfall. In der Regel verbringt sie mit Recherche und Filmdreh fünf bis sieben Monate weit weg von ihren Freunden, der Familie und ihrem eigenen Bett zu Hause in Berlin-Mitte. "Für die ‚Medicus'-Recherche habe ich alles mitgenommen, was mir aus dem Mittelalter entgegenkam, Ausstellungen, Kirchengemälde, alte Bücher. Schließlich bin ich zur Inspiration nach Italien gereist. Michelangelos lebendige Bildsprache war sehr hilfreich, um die Ausstattung von Szenen zu entwickeln." Die Vorarbeit dauerte bald so lange wie der Dreh selbst: "2012 habe ich fast nur diesen einen Film gedreht. Es war eine tolle Crew. Der Hauptdarsteller Tom Payne ist ein super Typ. Er fühlte sich gleich heimisch bei mir, seine Mutter ist auch Maskenbildnerin." Da ist es wieder, dieses Merkersche Wohlgefühl.

Und das nehmen wir mit, wenn wir uns behaglich in den Kinosessel plumpsen lassen und das Ergebnis ihrer Arbeit in "Der Medicus" anschauen. Vielleicht werden wir dabei ein bisschen Olivier Martinez und Tom Payne anschmachten. Aber ganz sicher werden wir bei der eingangs erwähnten Tumult-Szene die Augen offen halten und Pestbeulen suchen.

Merkers Must-haves: Ohne die läuft gar nichts am Set

"Eight Hour Cream Skin Protectant" von Elizabeth Arden: weil sie perfekt ist, um raue Stellen im Gesicht und am Körper zu glätten - besonders, wenn man im Himalaya dreht.

Die "Dermacolor Mini 16-Shades Concealer Palette" von Kryolan, dem Experten für Film- und Theater-Make-up: weil sich damit prima Tattoos und andere Dinge, die unsichtbar sein sollen, überschminken lassen.

"Skin Care Special Cleansing Lotion" von Mario Badescu: weil man mit der Reinigungslotion aus der Apotheke die Haut ganz leicht von dicksten Make-up-Schichten befreien kann.

"Honigwachs" zum Haarestylen von Less is more Organic Haircare: weil es unglaublich lecker riecht und aus Olivier Martinez einen noch cooleren Hund macht, als er eh schon ist.

Energy Stick "Remedy to Roll" von Neal's Yard: weil man es als Parfümersatz verwenden kann und das ätherische Öl gute Vibes verbreitet.

Produktion: Birgit Potzkai BRIGITTE 26/2013

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