Mathilde Thomas, wie lebt es sich als Chefin einer Beauty-Marke?

Für ihre Firma zog Caudalie-Gründerin Mathilde Thomas samt Familie von Bordeaux nach New York, Hongkong - und wieder zurück. Ein Gespräch über Ortswechsel, Wein und unterschiedliche Beauty-Kulturen. 

BRIGITTE: Sie sind wieder zurück in der französischen Heimat. Sind Sie froh?

MATHILDE THOMAS: Sehr! Wir waren wirklich lange weg: zwei Jahre Hongkong, davor fünf Jahre New York ...

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Fühlt man sich da noch als Französin?

Das geht nie verloren. Egal, wie lange man fort ist. Allein das Kochen, die Ernährung, die Sprache! Und die Kinder hatten französische Freunde, weil sie auf französische Schulen gingen.

Den Kontinent zu wechseln ist aber schon ein Riesenschritt, oder?

2010 waren wir noch recht unbedarft: Wir nahmen unsere Kinder und zogen los. Es war die beste Entscheidung.

Wer ist in der Familie die treibende Kraft?

Ich bin sehr neugierig auf neue Lebensumstände, auf andere Länder. Mein Mann Bertrand mag Veränderungen nicht so gern. Ich bin der Motor, aber schlussendlich findet er es auch immer gut.

Wie haben die Kinder auf Asien reagiert?

Sie waren sauer, dass sie New York verlassen mussten. Aber nach drei Monaten fanden sie, dass Hongkong der beste Ort der Welt sei. Leider war es gar nicht so leicht, Freundschaften mit Chinesen zu knüpfen, obwohl meine Tochter und mein Sohn Mandarin in der Schule lernten. Ich fürchte, die beiden Kulturen sind einfach zu unterschiedlich.

Ist das der Grund, warum Sie zurückgekehrt sind in die Heimat?


Nicht nur. Caudalie ist mittlerweile ein weltweites Unternehmen - und ich muss das entsprechend händeln. Dafür eignet sich Hongkong nicht: Wenn ich mit Amerika telefoniert habe, waren da zwölf Stunden Zeitunterschied. Musste ich hinfliegen, brauchte ich 16.

Ist es überhaupt möglich, so ein Familienunternehmen international zu führen?

Wir nennen es unser "Familienabenteuer". Wir wollen global bestehen, aber es ist uns genauso wichtig, zu 100 Prozent von großen Konzernen unabhängig zu bleiben.

Und Asien war dafür ein Schlüssel.

Wir haben uns 20 Jahre nicht darum gekümmert. Als wir in New York waren, sagten alle: Da müsst ihr hin, da ist es viel leichter als in den USA. Asien ist der wichtigste Wirtschaftsstandort für Kosmetik. Dort leben sehr viele Menschen, und viele amerikanische und europäische Marken machen ihr Geld in China.

Haben Sie das auch so erlebt?

Total! Wir verdienen dort viermal so viel wie in den USA.


Sind Asiatinnen so pflegebewusst?

Natürlich muss man da differenzieren: In Korea zum Beispiel sind schon mal sehr viele Frauen operiert, erst lassen sie sich die Augen machen, dann die Nase, dann kommt ein Schwung in die Lippen. Die Frauen dort sind sehr schön, sehen aber weniger individuell aus. Und Pflege ist ihnen enorm wichtig. Sie machen sich gern zehn bis 15 Schichten Creme ins Gesicht - morgens und abends! Koreanerinnen verbrauchen tonnenweise Pflege. Sie sind die größten Konsumentinnen in Asien. Chinesinnen muss man dagegen eher an die Hand nehmen.

Woran liegt das?

Deren Großeltern sind noch von Mao auf die Felder geschickt worden, die hatten eindeutig andere Probleme als Kosmetik, vor 20 Jahren gab es auch einfach keine. Da müssen wir erst mal ganz viel erklären: Dass man sich abends abschminkt, dass man morgens und abends ein Feuchtigkeitsprodukt aufträgt, dass man sich vor der Sonne schützt - die Basics eben. Und: Die Chinesinnen essen nicht gut - ein Grund für viele Hautprobleme.


Wie sind wir Deutschen eigentlich so?

Ach, ihr seid ein schwieriger Markt. Aber ein wichtiger. Die Deutschen schauen sich bei allen Produkten die Inhaltsstoffe ganz genau an, sie wissen über alles Bescheid, sie wollen wirksame Produkte, aber vor allem natürliche. Deutsche Frauen sind ultrainformiert.

In China heißen wir Otili

Das klingt einigermaßen ... anstrengend.

Warum? Ihr seid doch smart. Wenn wir irgendwo noch eine Spur Silikon drin haben, fragt ihr: "Warum? Das kann man doch ersetzen." Und wir sagen: "Okay, wir arbeiten dran ..." Ihr Deutschen kitzelt uns. Ich finde das sehr gut. Ihr fordert uns, spornt uns an, immer besser zu wer- den. Den Japanerinnen geht es mehr ums Packaging: Da muss die Pumpe gerade sein, der Name gerade geschrieben - sie sind auf diesem Gebiet sehr streng.

Heißt Caudalie in Asien auch Caudalie?

Nein. In China haben wir zum Beispiel den hübschen Namen Otili. Das heißt so viel wie Europa, Schönheit, Traube. Und wir haben wie alles in China einen Spitznamen: "Dabutao", große Traube.

Das passt ja.

Zumindest ungefähr. Das französische Wort "Caudalie" kommt aus der Weinkunde und beschreibt die Zeitspanne, während der die Aromastoffe des Weines im Mund bleiben. Je länger der Geschmack bleibt, desto mehr Caudalie. Und je mehr Caudalie, desto besser ist der Wein.

Habe ich noch nie gehört.

Nicht schlimm. Ich glaube, das Wort gibt es nur im Französischen, und es steht nicht mal im Lexikon. Selten sagen Önologen: "Dieser Wein hat viel Caudalie." Wir haben es gewählt, weil es französisch klingt und feminin. Und es hat den Link zum Wein, der mir wichtig ist.

Mathilde Thomas, 45, baute Caudalie zusammen mit ihrem Mann Bertrand auf.


Sie sind ja schließlich auch auf einem Weingut groß geworden.


Genau: Der Wein kam vor der Kosmetik. Meine Eltern haben ein Gut in der Nähe von Bordeaux. Einmal war ein bekannter französischer Pharmazeut zu Besuch. Er erklärte mir, dass die Winzer die eigentlich wertvollsten Teile wegschmeißen: die Traubenkerne. Auf diesem Hinweis fußt mein ganzer Erfolg.

So kam die Wissenschaft zum Wein und Mathilde Thomas zur Kosmetik?


Ja, ich bin dem nachgegangen und startete mit dem Patent für Polyphenole, dem Wirkstoff aus den Traubenkernen. Darauf haben wir das Unternehmen gebaut und unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse dann ständig erweitert.

Hatten Sie schon immer ein Faible für Kosmetik?


Auf jeden Fall liebte ich Düfte. Ich konnte schon früh die Parfüms meiner Mutter und ihrer Freundinnen erkennen, total verrückt, denn ich war wirklich noch sehr klein. Ich liebte es, in Parfümerien zu gehen und zu schnuppern. Ich mache das immer noch gern. Ich habe auch eine sehr gute Nase. Das ist natürlich nicht schlecht bei unserer Arbeit mit Wein.

Wann ahnten Sie, dass Polyphenole, sekundäre Pflanzenstoffe, zu denen ja auch Resveratrol gehört, als Wirkstoffe so bedeutsam werden würden?

Wir wussten das früh. Als wir Mitte der 90er anfingen, sagte ein befreundeter Wissenschaftler: "Schaut tiefer in dieses Molekül, da steckt die Zukunft drin." Es sei auch der Grund für das sogenannte französische Paradox: Obwohl Franzosen viel Alkohol trinken und Fettes wie Käse und Gänseleber essen, sterben sie ja seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Also schauten wir nach, stießen dabei auf Resveratrol, machten klinische Tests und merkten, welche Effekte es für die Haut hat. Ich finde, die Wissenschaft hinter unseren Produkten ist die spannendste Seite des Business.

Und die lässt sie nicht los.

Es geht immer weiter! Kürzlich stellte der Wissenschaftler, von dem ich gerade sprach, Kontakt zu Dr. David Sinclair von der Harvard Medical School her, dem weltweit führenden Anti-Age-Forscher. Er hatte zuerst kein ernsthaftes Interesse an Kosmetik wie so viele Männer. Deshalb bin ich seiner deutschen Frau auch unglaublich dankbar - sie hat ihn überzeugt, mit uns zusammenzuarbeiten. Sie sagte zu ihm: "Ich habe von denen was im Bad stehen ..." Da fand er uns spannend.

Wo wird es nun hingehen?

Wir sind mit unseren Forschungen jetzt wirklich im Inneren der menschlichen Zelle angekommen. Wir fragen uns, wie können wir mit unseren Produkten alte, nicht mehr so gut funktionierende Zellen stimulieren, wieder Power in sie hineinbekommen? Die Zellbatterien wieder aufladen? Das ist gerade eine private und berufliche Parallele bei mir: Jetzt, zurück in Frankreich, werde ich mich wieder erholen. Und aufladen.

Nach dem stressigen Umzug ...

Ja, so was ist natürlich super anstrengend. Aber es macht auch flexibel für neue Lebenssituationen. Andererseits hatten wir das Glück, über 14 Jahre dieselbe Nanny bei uns zu haben.

Brigitte 08/2018

Wer hier schreibt:

Silke Stuck
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