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Pfusch bei Brustimplantaten

Pfusch bei Brustimplantaten
© fotolia
In Brustimplantaten des französischen Herstellers Poly Implants Prothèses (PIP) ist billiges Silikonöl verwendet worden, die Implantate können deshalb schneller reißen. Wie groß ist das Risiko? Und was sollten betroffene Frauen jetzt tun? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

1. Was ist mit den PIP-Implantaten los?

Der Hersteller hat die Kissen jahrelang mit einem selbstgemachten Mix gefüllt, der statt eines medizinischen ein billigeres und dünnflüssigeres Industriesilikon enthielt, das unter anderem in der Baubranche als Dichtungsmasse verwendet wird. Dieser Kunststoff erhöht die Gefahr, dass das Implantat reißt und Silikon in den Körper austritt. Die Implantate sind teilweise auch unter dem Namen "Rofil Medro" über die Niederlande importiert worden. Außerdem enthalten Implantate, die in den Jahren 2003 und 2004 unter dem Namen "TiBreeze" vertrieben wurden, das Billig-Silikongel der Firma PIP.

2. Wie stelle ich fest, ob mir ein Kissen von PIP eingesetzt wurde?

Alle Patientinnen, denen ein Brustimplantat eingesetzt wird, erhalten einen Implantat-Pass, in dem der Hersteller und die Chargennummer vermerkt sein müssen. Wer diesen Pass nicht mehr hat, kann bei seinem behandelnden Arzt nachfragen – er hat die Angaben auf jeden Fall in der Patientenakte.

3. Wie hoch ist das Risiko, wenn ich ein PIP-Implantat trage?

Die französischen Gesundheitsbehörden gehen von 30.000 Patientinnen aus, denen Kissen des Skandal-Herstellers implantiert wurden – bisher sind 1000 Fälle bekannt, bei denen ein Implantat gerissen ist. In Deutschland sind bisher 25 Fälle bekannt. Noch problematischer ist allerdings, dass auch aus scheinbar unversehrten PIP-Implantaten über einen längeren Zeitraum hinweg Silikonöle austreten können und in das Lymphsystem der Frauen gelangen – die Ärzte sprechen davon, dass die Kissen Silikon "ausschwitzen". Daher raten die deutschen Medizinerverbände ebenso wie das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) dazu, sich die PIP-Implantate als "Vorsichtsmaßnahme" entfernen zu lassen. Wie vielen Frauen überhaupt PIP-Implantate eingesetzt wurden, wird derzeit vom BfArM noch überprüft, eine bundesweite Abfrage an alle Krankenhäuser und niedergelassenen plastischen Chirurgen läuft derzeit und soll etwas mehr Klarheit schaffen. Das Gesundheitsministerium in Nordrhein-Westfalen hat bereits erste Zahlen für ihr Bundesland vorgelegt: Laut landesinternen Erhebungen sollen im Zeitraum von 2001 bis April 2010 rund 500 Patientinnen PIP-Implantate eingesetzt worden sein.

4. Was kann mit dem Silikon passieren, falls es ausläuft?

Es gibt den Verdacht, dass das Industriesilikon Krebs verursachen könnte – allerdings hat die französische Gesundheitsbehörde noch keinen Zusammenhang nachweisen können. Auffällig ist aber, dass bislang bei 20 Französinnen mit PIP-Kissen Brustkrebs aufgetreten ist. Daneben drohen schmerzhafte Entzündungen, wenn der Kunststoff ins Gewebe austritt.

5. Merke ich, wenn ein Implantat reißt?

In der Regel schon. "Wenn Silkon ausgetreten ist, kommt es zur Knotenbildung, die Brust verformt sich und die Lymphknoten in den Achselhöhlen schwellen an", erklärt Peter Vogt, Präsident der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC).

6. Was sollte ich tun, wenn ich ein PIP-Implantat trage?

Auf jeden Fall zu dem Arzt gehen, der die Kissen eingesetzt hat. „Es besteht weder Anlass zur Panik noch zur Eile, aber die betroffenen Frauen sollten sich an die Klinik wenden, in der sie operiert wurden“, sagt DGPRÄC-Präsident Vogt. Mittelfristig empfehlen allerdings die deutschen Ärzte-Gesellschaften, PIP-Implantate entfernen zu lassen: “Wir raten zu einer Entfernung ohne Eile, wie es bereits die französische Expertenkommission empfohlen hat”,ist die offizielle Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen, der Deutschen Gesellschaft für Senologie und der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Auch das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte rät mittlerweile betroffenen Frauen, sich PIP-Implantate wieder herauszunehmen zu lassen.

7. Übernimmt meine Krankenkasse die OP-Kosten?

Bei Patientinnen, deren Wiederaufbau der Brust aufgrund einer Erkrankung als Kassenleistung finanziert worden war (etwa bei Brustkrebs), werden auch die Kosten eines Implantatwechsels von den Krankenkassen vollständig übernommen. Anders verhält es sich bei Implantaten, die aus ästhetischen Gründen eingesetzt worden sind – also in den meisten Fällen. Hier sieht das Sozialgesetz vor, dass die Krankenkassen die Frauen an den Folgekosten von Schönheits-Operationen beteiligen müssen. In welcher Höhe ist allerdings nicht geregelt. Bei Fragen zur Kostenübernahme können sich Patientinnen auch an das Bürgertelefon des Bundesministeriums für Gesundheit wenden (Bürgertelefon zur gesetzlichen Krankenversicherung) 01805 - 99 66 02.

8. Ich trage andere Brustimplantate, können die auch reißen?

Prinzipiell natürlich schon. Die silikongefüllten Kissen sind aber mit mehreren Hüllen ausgestattet, die verhindern sollen, dass der Kunststoff austritt. Bisher ist auch nur bei dem französischen Hersteller bekannt, dass billiges Silikon verwendet wurde, das einen Riss wahrscheinlicher macht und zudem eine Konsistenz hat, die es ermöglicht, dass sich das Silikon im Körper verteilt – zugelassenes medizinisches Silikon ist eher geleeartig und behielte selbst im Fall eines Risses seine Form. Aber jedes Material kann schadhaft sein, Experten geben die Wahrscheinlich eines Risses allerdings mit unter einem Prozent an. Sven von Saldern, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie hält die Mehrzahl der Kunststoff-Kissen für sicher: "Es gibt keinen Inhaltsstoff, der schon so lange so gut untersucht worden ist und der so unbedenklich ist."

<strong>Text:</strong> Markus Brügge

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