Leseprobe: Wer schön sein will, muss reisen

Andere Länder, andere Schönheitsideale: Über ihren Selbstversuch in Mauretanien, dem "Land der runden Frauen", hat Tine Wittler ein Buch geschrieben. Wer schön sein will, muss reisen - hier geht's zur Leseprobe.

Samstag, 15. Januar 2011

Tine Wittler hat in Wafa nicht nur eine Beraterin, sondern auch eine Freundin gefunden.

(...) Wafa trifft pünktlich auf der Terrasse ein. Wir hören sie schon durch das Erdgeschoss der Auberge laufen, noch bevor sie zu uns nach draußen tritt. "Klack, klack, klack", machen die Holzabsätze ihrer Sandalen zielstrebig, und dann steht sie da: Eine klitzekleine Frau in einer blauschwarzgemusterten Malhafa, die sorgfältig zurechtgemacht ist. Sie strahlt über das ganze runde Gesichtchen, zeigt dabei weißblitzende Zähne und streckt mir einen Strauß eingefärbter Zierzweige entgegen. "Gibt es keine Blumen in Nouakchott", singsangt sie mit einer glockenhellen Stimme, "aber habe ich das hier gefunden. Willkommen in Mauretania!" Ich verliebe mich sofort unsterblich. Bauch, Kopf und Herz sind sich augenblicklich einig: Das ist sie.

Wafa ist der Kracher. Es ist schier unglaublich, der Himmel muss sie geschickt haben. Nicht nur die ganz profanen Eckdaten stimmen: Sie ist achtunddreißig Jahre alt, also genau in meinem Alter; besser geht es nicht. Ihre Eltern stammen aus Palästina, aber Wafa ist in Nouakchott geboren und aufgewachsen. Mit ihrem ersten Ehemann, der in Deutschland studierte, hat sie mehrere Jahre im Ruhrgebiet gelebt, bevor sie 1999 ohne ihn nach Nouakchott zurückkehrte und sich im April 2001 scheiden ließ. Sie weiß also genau, worum es geht, wenn wir auf die Unterschiede zwischen Mauretanien und Deutschland zu sprechen kommen. Wafa ist intelligent, denn sie begreift unser Vorhaben nicht nur sehr schnell, sondern wartet auch gleich mit konkreten Vorschlägen auf, wo ich nach Antworten auf meine Fragen suchen und wo uns Probleme erwarten könnten. Derzeit hat sie keine feste Arbeit, ergo viel Zeit für uns. Sie hat kein Problem damit, auch vor unserer Kamera zu agieren. Was wir ihr für ihre Arbeit mit uns zahlen können, damit ist sie einverstanden. Und auch mit ihrer Familie werde es keine Probleme geben, versichert sie uns – ihre Eltern seien gestorben, und ihre beiden Brüder würden ihr da nicht reinreden.

Aber das ist eigentlich alles nebensächlich. Binnen Minuten quatschen wir miteinander, als würden wir uns Ewigkeiten kennen. Hier und da gibt es kleine Zwangspausen, weil Wafa nach Worten sucht, aber ihr Deutsch ist nichtsdestotrotz phantastisch. Sie lacht gern und viel, und binnen kurzer Zeit kichern wir gemeinsam wie alte Busenfreundinnen. Mein Gott, was für ein Glücksgriff! René holt irgendwann einfach die Kamera raus und hält drauf; Wafa und ich lassen uns dabei gar nicht stören. Wir quasseln weiter.

Doch dann verlässt die Fröhlichkeit unser Gespräch: in jenem Moment, als Wafa uns erzählt, dass sie leider keine Kinder habe. Und das – wir ahnen es aufgrund der Intensität, die sich breitmacht, als sie uns davon erzählt – ist das Schlimmste, was einer mauretanischen Frau widerfahren kann, denn eine mauretanische Frau ohne Kinder ist ein gesellschaftliches Nichts.

Tine Wittler: Wer schön sein will, muss reisen

Erschienen im Scherz Verlag. Das Buch kostet 19,99 Euro, zu beziehen zum Beispiel über www.amazon.de.

Dreimal war Wafa bislang verheiratet. Ihre erste Ehe scheiterte aufgrund ihrer Kinderlosigkeit. Ihr zweiter Mann war "ein Fehler", sagt sie. Die dritte Ehe hielt gerade mal zwei Monate, dann war ihr Mann über alle Berge. Und eine solche Ehe, sagt Wafa, wolle sie nie wieder. Auch wenn diese häufig seien in Mauretanien: Dadurch, dass man sich ohne Hochzeit nicht näherkommen könne, würden viele Ehen in Rekordzeit geschlossen und auch wieder gelöst.

Dass Wafa von den Männern in ihrem Leben schwer enttäuscht worden sein muss, werde ich in unseren zukünftigen Gesprächen immer wieder heraushören können. Es mag furchtbar theatralisch klingen, aber schon nach wenigen Minuten empfinde ich große Liebe und Zuneigung für diese kleine, tapfere Frau. So etwas passiert einem nur selten im Leben.

Ich lenke das Gespräch auf unser Thema. "Die Frauen hier", erklärt Wafa, "wollen nicht aussehen wie Kinder. Dann haben sie keine Chance zu heiraten. Sie sind keine Kinder! Sie sind Frauen, und das wollen sie auch zeigen." Ich frage sie, ob sie sich als eher zierliches Persönchen manchmal wünschte, dicker zu sein. Wafa verneint das, denn dick zu sein sei unpraktisch. Schlanker zu sein hingegen habe ganz praktische Vorteile: Sie könne sich besser bewegen, einer Arbeit nachgehen und deshalb auch unabhängiger sein als eine dicke Frau. Das gehe vielen Frauen hier in der Stadt so, auch wenn sie das Dicke eigentlich weiterhin "normaler" fänden als das Schlanke.

"Ist es vielleicht so", überlege ich laut, "dass es früher für die Frauen so eine Art Versicherung war, dick zu sein, weil sie dann gut verheiratet und versorgt werden konnten? Und heute ist es für die Frauen in der Stadt eher eine Art Versicherung, schlanker zu sein, weil sie sich dann selbst versorgen und arbeiten gehen können? Kann man das so sagen?"

Was wir hier mit schlank meinen, das ist in Deutschland schon mitteldick

"Ja", nickt Wafa eifrig. "Weißt du, wenn eine Frau sehr dick ist, kommen vielleicht auch Krankheiten. Und auf die Männer ist kein Verlass mehr. Sie sind keine sichere Sache. Es ist nicht wie früher. Dann bist du vielleicht älter und krank, und kein Mann kümmert sich mehr um dich. Das geht nicht. Für mich wird es noch schwerer sein, wenn ich alt bin. Weil ich keine Kinder habe." Sie selbst sei deshalb zufrieden mit sich: "Wie ich bin, ist gut. Auch, wenn ich nicht dick bin. Manchmal«, ergänzt sie, »habe ich sogar Angst, zu dick zu werden." "Bitte, was?", entfährt es mir, und Wafa lacht. "Ja", bestätigt sie. "Seit ich in Deutschland war. Da habe ich immer überall gehört: Dick ist nicht gut. Seitdem ist das so. Aber die Relationen sind hier ganz anders. Was wir hier mit 'schlank' meinen, das ist in Deutschland schon 'mitteldick'. Und das, was in Deutschland als schlank gilt, ist hier 'so gut wie tot'." "Was würdest du denn sagen, wie ich bin?", frage ich. "Ooooh, Gottogott", kiekst Wafa und lacht hinter vorgehaltener Hand verlegen ihr glockenhelles Lachen. "Sie ist ein bisschen dick", versucht René ihr auf die Sprünge zu helfen, und Wafa lacht erneut und hebt abwehrend die Hände. "Nein, nein, nein", sagt sie und schüttelt den Kopf, "sie ist nicht dick. Es gibt hier Frauen, die sind so dick, die können nicht laufen. Die können nicht arbeiten, sich nicht um ihre Kinder kümmern. Die sind dick. Deshalb wirst du sie auch nicht auf der Straße sehen, denn sie können nur zu Hause bleiben. Aber du – wenn du eine Malhafa anziehst, dann ist fertig", schließt sie andeutungsvoll und schnalzt mit der Zunge, und nach dem Gespräch mit Aminetou können wir erahnen, was sie damit meint. (...)

Sonntag, 16. Januar 2011

(...) Auf der Rückfahrt hänge ich meinen Gedanken nach. Wir haben die gleiche Sitzordnung eingenommen wie auf dem Hinweg: Ich sitze vorn neben Mohamedoun, Irina samt Tonequipment mit Tete und Khady auf der Rückbank, und René hockt hinten auf der Ladefläche und dreht durch die Heckscheibe das für uns so gewöhnungsbedürftige Straßenbild. Wie so oft in den letzten Tagen ist mein Kopf übervoll. Und so komme ich gar nicht dazu, mich darüber zu wundern, dass uns auf unserem Weg zurück durch Arafat von mehreren kleinen Jungen am Straßenrand gewunken wird, aber dass es eigentlich gar nicht so aussieht wie ein freundliches Zuwinken, sondern vielmehr wie eine Art – Abwehrbewegung. Man könnte auch sagen: Als wollten sie uns vor etwas warnen und uns bedeuten, umzukehren. Aber ich raffe es einfach nicht, und auch den anderen fällt es nicht auf.

Das Feuer mitten auf der Straße, auf das wir im nächsten Moment zusteuern, das fällt mir hingegen schon auf. "Guck mal", rufe ich nach hinten zu René, wie ein kleines Kind, dem man etwas Aufregendes bietet, "guck mal da, ein Feuer mitten auf der Straße!" Wie naiv, ja, wie blöd kann man eigentlich sein?!

Ich kann mich kaum noch erinnern, wie es dann in der genauen Abfolge weiterging. Aber laut unseres Filmmaterials ist es so gewesen: Im nächsten Augenblick tauchen hinter dem Feuer die Silhouetten mehrerer Dutzend Menschen auf. Viele von ihnen haben die Arme erhoben. In ihrer Nähe steigen weitere Rauchsäulen auf.

"Was ist da los?", frage ich, während Tete und Khady bereits aufgeregt miteinander zu diskutieren begonnen haben. "Qu’est-ce qu’il y a là?", wiederhole ich. "Es werden Steine geworfen. Die werfen Steine gerade", antwortet Irina mit einer erstaunlichen Ruhe in der Stimme. Mohamedoun geht in die Eisen; just in diesem Moment beginnen um uns herum Wurfgeschosse auf unseren Wagen niederzuprasseln. Wir zucken zusammen, ziehen instinktiv die Köpfe ein und schreien. Mohamedoun beginnt hektisch, den Wagen zu wenden. "René!", rufe ich, aus Angst um ihn und, ja, auch um die Kamera, denn durch das Wenden wird es gleich der hintere Teil des Wagens sein, der am exponiertesten ist.

Für eine gefühlte Ewigkeit stehen wir schräg auf der Straße, dann gibt Mohamedoun Gas, um zurückzufahren. Im gleichen Moment fliegt einer der Steine mit Wucht durch das Heck. Etwa zwanzig Zentimeter von Renés Kopf entfernt knallt er ohrenbetäubend laut durch die Scheibe, es klirrt, wir schreien erneut auf; die Scherben fliegen durch den Wagen. Im Moment des Einschlags hält René die Kamera glücklicherweise nach vorn in Fahrtrichtung; sowohl er als auch sie bekommen wie durch ein Wunder nichts ab, und René dreht weiter. Er dreht einfach weiter, mitten im knirschenden Scherbenhaufen, durch das gezackte Lock der Heckscheibe durch.

Einige der Scherben haben Khady am Kopf getroffen, sie hält sich den Nacken. Hinter uns tauchen plötzlich zwei Pick-ups mit Uniformierten auf. Etwa ein Dutzend Männer oder noch mehr auf den Ladeflächen, mit Stahlhelmen, die Maschinengewehre im Anschlag. Sie postieren sich zwischen uns und der Menschenmenge, in deren Umfeld sich die Rauchsäulen mittlerweile zu tiefschwarzen Schwaden ausweiten. Im Hintergrund anhaltende Rufe über ein Megaphon, monoton; die Stimme wiederholt immer wieder das Gleiche, wie in einer Endlosschleife.

Mohamedoun hält an. Warum hält der denn auch noch an? Er steigt sogar aus! Wieso steigt der aus? "Ich würde gern hier weg", sagt René. "Mohamedoun!", ruft er dem Fahrer hinterher, der schnurstracks auf die Pick-ups zuläuft. Ich sehe, wie einer der Uniformierten von der Ladefläche immer wieder abwehrende Handbewegungen in unsere Richtung macht. "René, hör mal auf zu drehen", rufe ich also, "der gibt uns Zeichen, hör mal auf zu drehen", und René lässt die Kamera sinken, so dass sie von außen durch die Heckscheibe nicht mehr sichtbar ist.

"Ach du Scheiße, was passiert hier", murmelt René, und Irina sagt: "Wir müssen jetzt Mohamedoun vertrauen." – "Ja", antwortet René, "ja. Wir vertrauen jetzt Mohamedoun." Ich schweige. Mein Ver- trauen in Mohamedoun ist nun mal nicht das gefestigste.

Eine weitere gefühlte Ewigkeit vergeht, dann steigt Mohamedoun wieder ein. Endlich fahren wir los. Ein weißer Wagen folgt uns, wo kommt der jetzt her? Wir wissen es nicht. Vier Männer sitzen darin. Sie bleiben beharrlich an uns dran, und sie beobachten uns, das ist eindeutig. René nestelt deshalb das Band aus der Kamera und reicht es mir nach vorn. Während er ein neues einlegt, verstaue ich das alte unter Tunika und Kopftuch in meinem BH. Für alle Fälle. Wir haben ja schon gehört, wie es hier ausgehen kann für Filmteams und ihr unliebsames Material.

Das Fahrzeug folgt uns auch nach mehrfachem Abbiegen noch, dann bleibt es irgendwann zurück und ist wenig später verschwunden. Einem kurzen Durchatmen folgt ein lautes Stakkato auf Hassania zwischen Tete, Khady und Mohamedoun; dazwischen immer wieder Irina, die auf Arabisch Informationen einzufangen versucht. Mohamedoun fährt unbeirrt weiter, verlässt die Haupstraße. Plötzlich gurken wir durch absolutes Niemandsland. Keine Straße mehr, keine Wege; nur Sand und Büsche und keine Menschenseele. Wo zum Teufel sind wir hier? Das gefällt mir nicht. Wo fährt der uns hin? Was soll das? (...)

Tine Wittler: Wer schön sein will, muss reisen

Erschienen im Scherz Verlag. Das Buch kostet 19,99 Euro, zu beziehen zum Beispiel über www.amazon.de.

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