"Ich habe meine Akne und meine Unsicherheit unter Make-up versteckt"

Ihre Akne zu kaschieren, gehörte jahrelang zu Cassandra Banksons täglicher Routine. Ihre Video-Schminkanleitungen machten sie berühmt. Dennoch zeigt sie sich heute ganz bewusst ohne Make-up. Warum? Das haben wir sie im Interview gefragt.

Cassandra Bankson leidet an Akne. Zeitweise waren 90 Prozent ihres Gesichts sowie Teile des Rückens und der Brust mit Pickeln und Mitessern übersät. Ärzte und Dermatologen konnten ihr nur wenig helfen. Die US-Amerikanerin hatte nicht nur selbst mit ihrem Erscheinungsbild zu kämpfen - von Klassenkameraden wurde sie so massiv gemobbt, dass sie die Schule wechseln musste. Abgeschottet von der Außenwelt, fand sie schließlich Hilfe im Internet: Durch Videos lernte sie, ihre Akne abzudecken und konnte nach langer Zeit wieder in den Spiegel schauen, ohne sich zu verabscheuen. Dann wechselte sie die Seite und drehte eigene Videos: Ihr Wissen um die richtige Abdecktechnik und ihr mutiger Schritt, sich auch ungeschminkt zu zeigen, machten sie zum YouTube-Hit.

BRIGITTE: Wann hat Ihre Akne begonnen?

Cassandra Bankson: Meinen ersten Pickel hatte ich mit acht Jahren. Ich erinnere mich noch so genau daran, weil ein Mädchen aus meiner Klasse mich fragte, ob er ansteckend sei. Zu diesem Zeitpunkt war meine Haut noch nicht wirklich unrein, aber innerhalb weniger Jahre entwickelte sich eine schlimme Akne.

Wie haben Sie sich damit gefühlt?

Es war eine schreckliche Zeit. Wenn man sich jeden Tag anhören muss, wie hässlich und wertlos man ist, fängt man irgendwann an, das zu glauben. Mir wurde auch gesagt, es sei besser, wenn ich mich umbringe - und das alles nur, weil ich Pickel hatte! Mein Selbstbewusstsein war im Keller. Ich habe mich immer mehr zurückgezogen.

Haben Sie von niemandem Unterstützung bekommen?

Ich habe mich damals nicht getraut, mich zu verteidigen. Als man neben den Beschimpfungen dann auch noch anfing, mich mit Dingen zu bewerfen, habe ich mich an meine Lehrer gewandt. Aber die haben die Situation runtergespielt - so seien Kinder halt. Meine Eltern haben immer wieder versucht, mir weiszumachen, die anderen Kinder seien nur eifersüchtig auf mich. Dadurch hatte ich das Gefühl, dass meine Akne nicht nur eine Last für mich war, sondern auch für die Menschen in meinem Umfeld.

Wann haben Sie angefangen, Ihre Pickel mit Make-up zu kaschieren?

Am liebsten habe ich mich zu Hause versteckt. Dort hatte ich dann viel Zeit, im Internet zu surfen. Ich hatte als junges Mädchen keine Ahnung von Make-up, weil meine Mutter keines benutzt und ich zu diesem Zeitpunkt auch keine Freunde mehr hatte, die ich hätte fragen können. Also habe ich mir online Videos angeschaut und mir das Schminken selbst beigebracht. Nach zahlreichen Fehlversuchen habe ich eines Morgens in den Spiegel geschaut und zum ersten Mal nicht die Pickel gesehen, sondern mein Gesicht. Ich fühlte mich so gut, dass ich das Haus verlassen habe, ohne mich zu schämen - ein ganz neues Gefühl. Ich konnte Auto fahren, ohne Angst zu haben, aus dem Fenster zu schauen. Ich habe mich sogar wieder getraut, einkaufen zu gehen. Das waren die ersten kleinen Schritte, die mir geholfen haben, mich selbst zu akzeptieren und zu lieben.

Woher kam die Idee, selbst Schminkvideos zu drehen?

YouTube war für mich so etwas wie der Heilige Gral. Ich habe in den Videos nicht nur gelernt, wie man sich richtig schminkt. Viele Video-Blogger stellen auch Produkte vor. Daher wusste ich recht schnell, was sich für meine Haut eignet und was nicht. Als ich selbst angefangen habe, Videos zu drehen, hatte ich nie vor, meine Haut ohne Make-up zu zeigen. Ich wollte aber meine Erfahrungen über Produkte teilen, um die Community, die mir so geholfen hatte, vor Fehlkäufen zu bewahren.

Warum haben Sie sich dann doch noch ungeschminkt gezeigt?

Ich hab mich damals sehr allein gefühlt und dachte, ich sei die einzige Person auf der Welt mit richtig schlechter Haut. Als ich meine Videos veröffentlicht habe, hat sich mir eine ganz andere Art Menschlichkeit gezeigt. Leute fingen an, mir von ihren eigenen Problemen zu erzählen und da habe ich gemerkt, dass ich nicht allein bin. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man jeden Morgen aufwacht und sich selbst hasst. Wenn ich früher gelernt hätte, wie man Make-up verwendet, hätte ich viele Hänseleien nicht erleben müssen. Weil ich weiß, wie schrecklich sich dieses Mobbing anfühlt, wollte ich andere Betroffene davor bewahren. Es ist mir schwer gefallen, mich ungeschminkt im Internet zu zeigen. Aber allein der Gedanke, dass es auch nur einer Person diese negativen Erfahrungen ersparen könne, war Anlass genug, das Video ins Netz zu stellen.

Stimmt es, dass Sie sich die Kommentare in den ersten vier Monaten gar nicht angeschaut haben?

Ja, ich hatte unglaublich Angst vor Anfeindungen. Ich habe mit den gleichen Reaktionen wie im wahren Leben gerechnet.

Eines Ihrer ersten Videos wurde über 22 Millionen mal angeschaut. Warum ist es so erfolgreich?

Das Video offenbart eine Sache, die uns alle irgendwann betrifft: Unsicherheit. Natürlich will das niemand von sich preisgeben und genau deshalb fühlt man mit, wenn es jemand anderes tut. Das Video zeigt, dass niemand von uns vollkommen ist. Perfektion ist nur eine Vorstellung - auch in der heutigen Welt, in der uns so viele Schönheitsideale vorgegaukelt werden.

Durch Ihr neues Erscheinungsbild haben Sie sogar den Mut gefunden, sich als Model zu bewerben. Wie haben die Agenturen reagiert?

Zu Beginn meiner Modelkarriere ist meine Haut nie jemandem aufgefallen, weil ich Make-up trug. Als meine Videos immer bekannter wurden und ich auch in TV-Shows aufgetreten bin, war ich plötzlich überall "das Mädchen mit der Akne". Da gab es dann ein paar Auftraggeber, die erst einmal gezögert haben, mit mir zu arbeiten. Letztlich muss man die Situation aber logisch erklären: Wenn man vor denen steht und sie keinen Pickel sehen können, warum sollte das später auf dem Laufsteg oder auf einem Werbeplakat anders sein? Und das wohl ausschlaggebendste Argument: Wenn es in der Branche okay ist, Beine länger, Körper schmaler und Haarfarben leuchtender zu machen, warum sollte es dann ein Problem sein, einen durchscheinenden Pickel zu retouschieren?

Werden Sie heutzutage immer noch wegen Ihrer Akne angefeindet?

Ich bin nie an die Schule zurückgekehrt, an der ich so gehänselt wurde und habe einen großen Bogen um die Menschen gemacht, die mich damals beschimpft haben. Aber im Internet gibt es eine neue Art des Mobbings, die ich beängstigend finde. Durch die Anonymität sind die Menschen teilweise noch aggressiver, weil sie sich nicht zu erkennen geben müssen. Ich versuche, diese Kommentare zu ignorieren, auch wenn mir das schwer fällt.

Vor Kurzem haben Sie ein Videoprojekt für eine Make-up-Marke gestartet, in dem Sie sich komplett abschminken. Die Message lautet: "Ich habe Make-up benutzt, um meine Pickel zu verdecken und mich als Person zu verstecken. Jetzt benutze ich Make-up, um der Welt zu zeigen, wer ich wirklich bin." Ist dieses Video nicht ein Widerspruch zu Ihren eigenen Make-up-Tutorials?

Als ich jünger war, habe ich das Haus nicht ungeschminkt verlassen. Ich habe meine Akne, aber auch meine Gefühle und meine Unsicherheit, unter Bergen von Make-up versteckt. Das war damals das Einzige, was mir geholfen hat, mich gut zu fühlen und mich zu akzeptieren. Mit der Zeit habe ich aber gelernt, dass ich auch mit Akne eine liebenswerte Frau bin. Ich musste aber erst lernen, mich selbst zu akzeptieren. Make-up war für mich der Türöffner, um zu einer selbtbewussten Person heranzureifen. Ab einem bestimmten Punkt habe ich Make-up dann nicht mehr zum Verstecken benutzt, sondern aus Lust und Laune. Wie so viele andere Frauen auch habe ich manchmal einfach Spaß daran, mich zu schminken.

keine Bildunterschrift

Sie brauchen heute kein Make-up mehr, um aus dem Haus zu gehen?

Nein! Ich schminke mich kaum noch, es sei denn, ich bin eingeladen oder habe etwas Wichtiges vor. Im Durchschnitt schminke ich mich einmal pro Woche. Und ja, ich werde ab und zu auch noch angestarrt, wenn ich ungeschminkt aus dem Haus gehe. Das ist okay - ich kann jetzt damit umgehen. Ich habe übrigens auch gemerkt, dass ich meine schlimmste Kritikerin war. Als ich am Boden zerstört war, hatte ich immer das Gefühl, angestarrt zu werden. Tatsächlich sind viele Menschen aber viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um die Welt um sich herum richtig wahrzunehmen.

Würden Sie andere Menschen mit Akne ermutigen, Make-up zum Kaschieren zu benutzen?

Für mich war Make-up ein Sprungbrett. Sonst hätte ich vermutlich nie einen Weg gefunden, mich selbst zu lieben. Dennoch sollte niemand das Gefühl haben, sich schminken zu müssen, um ein normales, glückliches Leben führen zu können. Mir hat Make-up die Möglichkeit gegeben, mich der Außenwelt zu stellen. Jetzt, da ich weiß, was wirklich zählt, benötige ich keine Schminke mehr, um mich hübsch zu fühlen. Wenn es anderen genau so geht wie mir, wünsche ich ihnen, dass Make-up auch ihnen eine Tür zu mehr Selbstvertrauen öffnen kann. Dann werden sie hoffentlich schnell merken, dass es nicht darum geht, wie einen die Gesellschaft sieht. Es geht allein um die inneren Werte.

Im Clip "Acne Foundation Routine Flawless Skin" beschreibt Cassandra Bankson, wie sie ihre Akne mit Make-up kaschiert. Das Video wurde bei YouTube über 22 Millionen Mal aufgerufen.

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