Stimmt das wirklich?

60 Prozent weniger Falten in einer Stunde, Lippenstift hält den ganzen Tag, der Teint bleibt 12 Stunden lang mattiert: Stimmt das wirklich?

Was Kosmetik alles können soll, wirkt oft unrealistisch. Darum haben wir eine kleine Internet-Umfrage gestartet und gefragt: Glauben Sie den Versprechen der Kosmetikwerbung? 59 Prozent sagten "Kommt drauf an". Ein Viertel der Teilnehmerinnen waren misstrauischer und antworteten: "Nein, was in der Werbung behauptet wird, glaube ich nie." Die Kosmetikhersteller spüren die Skepsis der Kundinnen schon lange. Und versuchen, sie trotzdem von ihren Produkten zu überzeugen: mit Pröbchen, Tabellen, Studien - und mitunter mit ausgefallenen Methoden. Die Firma Lancaster zum Beispiel stattet ihre Verkaufsstände ab sofort mit Ultraschallgeräten aus. Damit sollen die Wirkstoffe der Anti-Age Creme "Suractif" schneller in die Haut dringen und die Kundin den Effekt, der eigentlich erst nach ein paar Stunden eintritt, sofort sehen. Shiseido zeigt den Frauen ihre Haut in 15-facher Vergrößerung. Auf einem Bildschirm können sie erkennen, ob die oberste Hautschicht zu trocken ist, ob sie Pigmentstörungen oder Äderchen haben, die mit bloßem Auge kaum sichtbar sind. Ein paar Wochen später können sie wiederkommen und prüfen lassen, ob die Shiseido-Produkte die Haut geglättet und die Flecken blasser gemacht haben.

Stimmt das wirklich? Konzerne in der Beweispflicht

Dabei hat sich die Gesetzeslage ohnehin zugunsten der Verbraucherinnen geändert: Schon seit 1997 schreibt die EU-Kosmetikrichtlinie vor, dass jede Firma Beweise dafür haben muss, dass ihr Produkt leistet, was es verspricht. Wer vor Gericht keine glaubwürdigen Testergebnisse vorweisen kann, muss seine Aussagen ändern. Ob die Versprechen in den Anzeigen und auf den Tiegeln stimmen, interessiert auch die Konkurrenz. Und die kann ganz schön Ärger machen: Oft verklagen sich Kosmetikhersteller gegenseitig wegen irreführender Werbung. So musste eine große Kosmetikmarke die Aussage verteidigen, dass ihre Creme Falten in nur einer Stunde reduziert - und gewann den Prozess. Denn in der Anti- Falten-Creme stecken Silikonöle, die Unebenheiten auffüllen, und das sieht man sofort.

Wie ein Produkt wirkt, kann man auf unterschiedliche Weise testen - in den Anzeigen steht meist in einer klein gedruckten Zeile, mit welcher Methode. Ein "In-vivo-Test" ("Test am Lebenden") oder klinischer Test von Cremes, Lippenstiften oder Shampoos findet immer am Menschen statt, denn Tierversuche mit Kosmetikprodukten sind zum Glück EU-weit verboten. Statt dessen führen viele Firmen "In-vitro-Tests" an Zellkulturen durch.

Die Geräteparks der Kosmetiklabors sind besser ausgestattet als so manche Hautklinik, und am Personal wird auch nicht gespart: Beim Konzern L’Oréal arbeiten knapp 3000 Leute in 13 Forschungszentren; bei Shiseido sind es 1000. Nivea-Hersteller Beiersdorf beschäftigt allein 650 Chemiker, Biologen und Pharmazeuten, der Estée-Lauder-Konzern zählt 400 Wissenschaftler. Mit welchen Methoden sie die Produkte prüfen, zeigt unser Überblick.

"Mildert Falten nachweislich"

Der Test: Noch vor ein paar Jahren hat man von Falten Silikonabdrücke genommen und deren Oberfläche vermessen. Heute funktioniert das auch direkt am Menschen: Ein Messgerät wirft feine Lichtstreifen auf die Haut. Aus den Krümmungen der Streifen kann es ein Hautrelief berechnen und so ganz genau feststellen, ob die Fältchen flacher geworden sind.

arbeitet außerdem mit geschulten Prüfern: Anhand eines Faltenkatalogs beurteilen sie, wie ausgeprägt die Runzeln und Fältchen der Probanden sind. "Mit dem Messgerät lässt sich zwar die Faltentiefe bestimmen, aber ob man die Verbesserung auch wirklich sieht, können die Prüfer besser beurteilen", sagt Ludger Neumann, Chemiker bei L’Oréal.

Bestanden? Das können Sie erwarten: Die Haut sieht glatter aus, feine Linien sind aufgepolstert - aber ausgeprägte Mimikfalten verschwinden nicht.

"Spendet sofort pure Feuchtigkeit"

Der Test: Die Hautfeuchtigkeit bestimmt man mit einem Messkopf, der einen schwachen Strom durch die Zellen schickt. Je höher ihr Wassergehalt, umso besser leitet die Haut.

Bestanden? Das können Sie erwarten: Die Haut kurzfristig mit Feuchtigkeit anzureichern schafft jede Creme.

"12 Stunden lang perfekt mattierter Teint"

Der Test: Wie fettig die Haut ist, misst man mit einem Stück Papier, dass kurz auf die Haut gepresst wird. Danach prüft man, wie transparent es geworden ist. Je mehr Hautfett das Papier aufgesaugt hat, desto durchsichtiger ist es. Wie stark die Haut glänzt, kann man ebenfalls messen: Fettige Stellen reflektieren das Licht anders als matte. Mit der richtigen Beleuchtung lässt sich das auf Fotos festhalten, die der Computer auswerten kann.

Bestanden? Das können Sie erwarten: Die mit der Mattierungscreme behandelte Haut glänzt nach 12 Stunden weniger als die unbehandelte. Wer sehr fettige Haut hat, muss trotzdem nachpudern.

"Angenehm leichte Konsistenz"

Der Test: Ein Metallstab sinkt in einen Cremetiegel und dreht sich um die eigene Achse. Oben daran befestigt ist ein Gerät, das den Widerstand bei der Drehung misst. Lässt sich der Stab leicht drehen, ist die Creme eher flüssig; je höher der Widerstand, desto dicker ist sie. So prüft zum Beispiel Nivea-Hersteller Beiersdorf, ob sich die Konsistenz einer Creme nach langen Lagerzeiten verändert. Wie sich eine Creme auf der Haut anfühlt, beurteilen aber Testerinnen.

Bestanden? Das können Sie erwarten: Ob sich die Creme angenehm anfühlt, kann man nur wissen, wenn man sie ausprobiert hat - also am besten vor dem Kauf eine Probe mitgeben lassen.

"24 h Deo-Schutz"

Der Test: Wie gut ein Deo wirkt, prüfen so genannte Sniffer - geschulte Geruchsexperten, die sich auch vor kräftigem Schweißgeruch nicht ekeln dürfen. Sie riechen an Wattepads, die Probanden unter ihren Achseln getragen haben, und beurteilen, ob sie frisch oder eher miefig duften. Riecht eine Probe, die 24 Stunden unter einer deodorierten Achsel steckte, immer noch besser als die Probe ohne Deo, heißt es: "Wirkt 24 Stunden."

Bestanden? Das können Sie erwarten: Nach einem ganzen Tag besser zu riechen, als wenn man kein Deo benutzt hätte, ist ja schon eine Menge. Aber wie frisch geduscht riecht nach 24 Stunden natürlich niemand mehr.

"Aktiviert tiefenwirksam den hauteigenen Erneuerungsprozess"

Der Test: Was tief in der Haut passiert, sieht man mit einem Lasermikroskop, das Hautkrebsforscher entwickelt haben. Es schickt Licht in die Haut, das die verschiedenen Hautschichten unterschiedlich reflektieren. Damit kann man zum Beispiel untersuchen, wie gut Ober- und Unterhaut miteinander verzahnt sind: Bei junger Haut bilden die Schichten ein deutliches Wellenmuster, bei älterer Haut liegen sie flach aufeinander.

Bestanden? Das können Sie erwarten: Die Forscher von Beiersdorf konnten zum Beispiel nachweisen, dass ihre Vitamin-C-Cremes die Verzahnung der Hautschichten verbessern. Dadurch wird die Haut besser mit Nährstoffen versorgt und Falten weniger tief. Der Effekt tritt aber erst nach drei Monaten auf.

"Schützt vor freien Radikalen"

Der Test: Wenn die Haut freie Radikale neutralisiert, entsteht ein ganz schwaches Licht, das man mit einer empfindlichen Kamera fotografieren kann. Je mehr helle Punkte auf dem Bild zu sehen sind, desto mehr freie Radikale sind aktiv. Sinkt die Zahl der Lichtpunkte nach dem Auftragen einer Creme, ist das ein Zeichen dafür, dass die Radikale eingefangen wurden, bevor die Haut die Leuchtreaktion in Gang setzen konnte.

Bestanden? Das können Sie erwarten: Radikalfänger beugen tatsächlich Falten und UV-bedingten Hautschäden vor.

"Stimuliert die Kollagenproduktion deutlich"

Der Test: Untersucht wird das "in vitro" ("im Glas"), was bedeutet, dass ein Wirkstoff nicht an Augen- oder Lippenfältchen oder gar Kaninchenohren getestet wurde, sondern an Hautzellen, die in einer Nährlösung schwimmen. Gibt man den zu prüfenden Wirkstoff hinzu, kann man beobachten, was mit den Zellen passiert: Vermehren sie sich schneller oder langsamer? Produzieren sie mehr Bindegewebe- Kollagen? Um zu sehen, ob ein Co-Enzym oder Vitamin in die Haut dringen kann, verwendet man "Hautmodelle": Das sind Stücke von Haut, die bei Face-Liftings oder Bauchstraffungen übrig geblieben sind. Die obersten Schichten der Hautstücke leben in einer Nährlösung für zwei bis drei Wochen weiter. Auf ihnen kann man eine fertige Creme testen - und messen, was in den Zellschichten passiert ist. In-vitro-Tests sind gut geeignet, um herauszufinden, ob ein neuer Wirkstoff überhaupt irgendeinen Effekt auf die Hautzellen hat. Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass er auch in einer Creme wirkt. Denn die menschliche Haut kann immer etwas anders reagieren als Zellen im Reagenzglas.

Bestanden? Das können Sie erwarten: Dass die Creme die Kollagenproduktion in der Haut anregt, ist mit einem In-vitro-Test allein nicht bewiesen - dafür sind ergänzende Tests am Menschen nötig.

"Verleiht Ihren Lippen intensive Farbe - bis zu acht Stunden lang!"

Der Test: Wenn es um Lippenstifte geht, werden Kosmetikforscher kreativ und machen auch selbst gern mit, wenn Probanden gesucht werden. Die malen sich die Lippen an und müssen einen Standard-Test absolvieren: Papiertücher küssen, Espresso trinken, Salat mit öligem Dressing essen. Anschließend prüft eine Spezialkamera, ob der Farbton noch so dunkel ist wie vorher.

Bestanden? Das können Sie erwarten: Es gibt viele Lippenstifte, die wirklich den ganzen Abend halten - besonders die Kombi-Produkte aus kussfester Farbe und Gloss.

"Für einen frischen, strahlenden Teint"

Der Test: Ob der Teint das Licht schön gleichmäßig reflektiert, sieht man, wenn man die Haut mit einer matten Glaslampe beleuchtet. Eine Kamera schießt ein Foto; ein Computer analysiert, ob die Haut einheitlich hell wirkt. Ein fahler Teint strahlt weniger Licht zurück, Ungleichmäßigkeiten erscheinen als dunkle Stellen.

Bestanden? Das können Sie erwarten: Die Creme enthält wahrscheinlich Pigmente oder Peeling-Substanzen. Dadurch wirkt der Teint frischer, Unebenheiten werden optisch ausgeglichen.

"Straffere Haut"

Der Test: Wie elastisch die Haut ist, misst man mit dem Cutometer: Man setzt ein Röhrchen auf die Haut, das sie durch einen Unterdruck ansaugt. Das Cutometer misst die Zeit, in der die Haut in ihre ursprüngliche Lage zurückschnellt. Je kürzer die Zeitspanne, desto elastischer (und straffer) ist die Haut.

Bestanden? Das können Sie erwarten: Das Produkt verbessert die Elastizität der Haut - aber Cellulite oder Hängebäckchen verschwinden deshalb nicht sofort.

"Glattere Haut: 99 % - verfeinertes Hautbild: 94 % - jünger wirkende Haut: 85 % (* Test mit 151 Frauen, Zustimmung in %)"

Der Test: Potenzielle Kundinnen bekommen das fertige Produkt in die Hand, benutzen es ein paar Wochen lang und füllen anschließend einen Fragebogen aus: Sieht die Haut strahlender aus? Wurden die Falten reduziert? Wenn jetzt 75 von 100 Frauen sagen, ja, meine Falten sehen flacher aus, könnte der Hersteller daraus die Aussage "75 Prozent weniger Falten" ableiten - natürlich mit einer klein gedruckten *-Fußnote. Marketingleute lieben diese Selbsteinschätzungen, denn sie fallen meist wesentlich besser aus als die Messergebnisse von Mikroskopen oder Kameras.

Bestanden? Das können Sie erwarten: Die Testerinnen fanden ihre Haut mit dem Produkt feiner, glatter und jünger - ob Sie das uch finden, müssen Sie ausprobieren.

"Reduziert Pigmentflecken"

Der Test: Eine Schwarzlicht-Kamera macht auch leichte Pigmentierungen sichtbar. Der Computer berechnet anhand eines Digitalfotos, ob die gefleckte Fläche geschrumpft ist oder sich aufgehellt hat.

Bestanden? Das können Sie erwarten: Die Pigmentflecken verschwinden in der Regel nicht komplett, werden aber heller und weniger - allerdings erst nach ein paar Wochen.

Produktion: Birgit Potzkai und Martina Behm Fotos: Lars Matzen Fachliche Beratung: Birgit Huber (Industrieverband Körperpflege und Waschmittel IKW e.V.), Anette Bürger (Beiersdorf AG), Prof. Dr. Martina Kerscher (Universität Hamburg), Prof. Dr. Uwe Gieler (Universitätsklinik Gießen), Dr. Kenji Kitamura (Shiseido, Tokio), Roland Bazin (L’Oréal Paris) BRIGITTE 20/05

Wer hier schreibt:

Martina Behm
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