Eine Woche ohne Spiegel - was macht das mit mir?

Kann ich so los? Normalerweise stellt sich BRIGITTE-Redakteurin Julia Müller diese Frage, wenn sie aus dem Haus geht. Und will wissen: Was passiert, wenn ich eine Woche lang nicht in den Spiegel schaue?

"Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?" Schon im Märchen ist der Spiegel das Symbol der Eitelkeit. Gleichzeitig ist er ein sehr praktisches Hilfsmittel, auf das ich äußerst ungern verzichten möchte. Aber warum eigentlich? Wie viel Macht geben wir dieser reflektierenden Fläche? Wie wichtig ist uns unser Spiegelbild - und was sagt es über unser Selbstbild, wenn wir uns so häufig überkritisch betrachten?

Zeit für einen Selbstversuch. Mirror fasting heißt dieses Phänomen in den USA, einige Bloggerinnen haben sich sogar eine einjährige Spiegel-Diät verordnet. Das geht mir zu weit. Aber eine Woche müsste zu schaffen sein:

Montag: Am ersten Tag ohne Spiegel ziehen wir um. Cleveres Timing, denke ich, dann kann ich den Spiegel in der alten Wohnung einfach abhängen und eine Woche warten, bis ich ihn in der neuen wieder aufhänge. Außerdem ist es relativ wurscht, wie man beim Kistenpacken aussieht. Nicht geplant war, dass Umzug und Spiegel-Diät auch mit einer fetten Erkältung zusammenfallen. Meine Nase läuft ununterbrochen, der Hals tut weh – und ich frage mich, ob ich so fürchterlich aussehe, wie ich mich fühle.

Dienstag: Kein Spiegel bedeutet (fast) keine Schminke. Zum Glück kann ich meine Kontaktlinsen inzwischen blind einsetzen, ansonsten beschränke ich mich im Bad auf ein Sparprogramm: ein bisschen abpudern, auf Verdacht Rouge auftragen, das war's. Als später zwei Möbelpacker klingeln, komme ich mir vor, als würde ich ihnen im Schlafanzug die Tür aufmachen - ich fühle mich unsicher, fast schon verletzlich. Nur weil ich nicht weiß, wie ich gerade aussehe. Was mir noch auffällt: Ich zupple unentwegt an meinen Haaren herum, weil ich denke, dass sie nicht richtig sitzen. Und überall lauern Spiegelfallen: Jede Fensterscheibe reflektiert mein Bild, sogar der Abflussdeckel im Waschbecken.

In der Umkleidekabine geht es um die Frage: Wie fühlt sich das Kleid an – und wie fühle ich mich darin?

Mittwoch: Ich ertappe mich dabei, wie ich beim Föhnen meinen Schatten an der Wand begucke. Bescheuert. Bevor ich mich auf den Weg ins Büro mache, funktioniere ich meinen Freund zum Spiegel um. Ich: "Kann ich so los?" Er schaut mich eine Millisekunde lang an. "Klar." Ich: "Und meine Haare?" Er: "Du setzt doch eh gleich deine Mütze auf." Recht hat er. Bei der Arbeit scheint niemandem etwas aufzufallen. Zwei Kolleginnen weihe ich ein. Schließlich muss mir jemand Bescheid sagen, falls ich nach dem Mittagessen Petersilie zwischen den Zähnen hängen habe.

Donnerstag: Langsam gewöhne ich mich an einen Alltag ohne Spiegel. Je größer die Wissenslücke über mein aktuelles Aussehen wird, desto weniger verunsichert sie mich. Nicht, dass ich mir vorher ständig Gedanken darüber gemacht hätte, wie ich aussehe. Aber es hat auch etwas Entspannendes, sich kein Bild von sich selbst machen zu können.

Freitag: Am fünften Tag habe ich einen Rückfall. Aber auch eine gute Ausrede: Ich habe schlecht geschlafen, frühmorgens geduscht und mich dann mit nassen Haaren nochmal ins Bett gelegt. Viel zu spät wache ich wieder auf. Hilfe, Struwwelpeterfrisur! Zur Schadensbegrenzung werfe ich einen ganz kurzen Blick in den Spiegel: Zurück guckt eine verpennte Frau, deren Haare dringend ein bisschen Gel vertragen können. Am Nachmittag habe ich ein Meeting mit Verlagskollegen. Normalerweise würde ich auf dem Weg zu so einem Termin auf jeden Fall einen Spiegel-Stopp einlegen. Aber einmal am Tag gegen die Regeln zu verstoßen, reicht. Ich bleibe stark.

Samstag: Kurz vor Schluss suche ich eine spezielle Herausforderung: Ich gehe shoppen. Beim Anprobieren geht es jetzt nicht um die Frage: Wie sehe ich ich in den Klamotten aus? Sondern: Wie fühlen sie sich an – und wie fühle ich mich damit? In einem Geschäft, in dem ich schon oft fündig geworden bin, belade ich mich mit Pullis und Kleidern. Den Spiegel in der Umkleidekabine verhänge ich so gut es geht mit meiner Jacke. Den ersten Pullover ziehe ich direkt wieder aus. Er ist zu groß, ich komme mir vor wie ein Wollschaf. Auch dass das Kleid nicht richtig passt, merke ich sofort. Kleid Nummer Zwei dagegen fühlt sich richtig an, das Muster mag ich sowieso. Kaufen? Ich gestehe: Einen kurzen verstohlenen Blick in den Spiegel werfe ich. Ganz blind will ich das Geld dann doch nicht ausgeben.

Sonntag: Ich schaue mir in den Hamburger Deichtorhallen die Ausstellung des Modefotografen Guy Bourdin an: perfekt inszenierte Bilder mit Frauen, die wunderschöne knallrote Lippen und lackierte Fingernägel haben. Das brauche ich nicht unbedingt. Trotzdem freue ich mich darauf, mir mal wieder einen Lidstrich zu ziehen.

Erst eine Woche ohne Smartphone, dann eine Woche ohne Spiegel: Fürs Erste hat Julia Müller genug verzichtet.

Fazit: Hätte ich einigen Freunden und Kollegen nicht von dem Experiment erzählt, wäre meine Spiegel-Diät vermutlich niemandem aufgefallen. Guckt einen denn keiner mehr an? Oder liegt das vielmehr daran, dass die kleinen Widrigkeiten, mit denen wir uns Tag für Tag vor dem Spiegel herumschlagen - die rote Stelle an der Nase, die doof sitzende Frisur, das Kleid, das so eine komische Falte wirft -, nur im Auge des überkritischen Betrachters liegen? Ich habe jedenfalls gemerkt: Als ich die Kontrolle über mein Spiegelbild abgegeben habe, hat mich das verunsichert. Aber mit der Zeit hat sich ein Gefühl von Unabhängigkeit breit gemacht - ein bisschen wie im Sommerurlaub, wenn man morgens einfach aufsteht, sich irgendetwas überwirft und den Tag auf sich zukommen lässt. Dieses Gefühl nehme ich gern mit in den Alltag.

Teaserbild: Sagel&Kranefeld/Corbis

Wer hier schreibt:

Themen in diesem Artikel
Mode- & Beauty-Newsletter

Beauty-Newsletter

Euer wöchentliches Style-Update mit den wichtigsten Modetrends, neuen Frisuren, spannenden Make-up-Looks und Inspirationen!