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Ob Heroin Chic oder Slim Thick Figurtypen dürfen kein Trend sein

Bella Hadid
Bella Hadid
© Victor VIRGILE / Getty Images
Die "New York Post“ titelt "Heroin chic is back” und die negative Resonanz ist riesig. Warum es so gefährlich ist, unterschiedliche Figurtypen als Trend zu verkaufen. 

Eigentlich hat mit dem Y2K-Trend alles so schön angefangen. Choker-Ketten, bunter Lidschatten und weite Hosen – 2022 hat bei vielen pure Nostalgie hervorgerufen... Hach, die guten alten Zeiten!

Damals umstrittene Trends wie der ultrakurze Miu-Miu-Rock kamen zurück, aber mit einem neuen, viel körper-inklusiverem Anspruch – und wurden zu Recht dafür gefeiert. Doch wie so oft folgt nach dem Höhenflug der tiefe Absturz. Was als Fashion-Revival mit modernem Update angefangen hat, scheint zu kippen und das stößt nicht nur bei mir auf Kritik.  

Körper sind Körper und keine Trenderscheinung

Kaum ein Model hat in den 90er- und frühen 2000er-Jahren den sogenannten "Heroin Chic“ so geprägt wie Kate Moss, 48. Herausstehende Schlüsselbein- und Hüftknochen sowie dunkle Augenringe waren ihr Markenzeichen. Statt sich Sorgen um den Gesundheitszustand des Topmodels zu machen, wurde sie weltweit für ihren Look bewundert. Und davon nicht genug – auf den Laufstegen der Modemetropolen buhlten die Modelabels förmlich darum, wer die dünnsten Models über den Laufsteg schickte.

Nichts schmeckt so gut, wie sich dünn sein anfühlt!

sagte Kate Moss im Jahr 2009; bezeichnend für diese Ära. 

Der Magerwahn ging sogar so weit, dass in Frankreich zum Beispiel 2015 ein Gesetz verabschiedet wurde, das das Engagieren zu dünner Models verbieten sollte. In Spanien und Israel gibt es ähnliche Gesetze. Obwohl Gesetze machtvoll sind, haben diese jedoch nicht das Ende des Heroin Chics eingeläutet, sondern vielmehr prominente Frauen wie Jennifer Lopez, Beyoncé, Rihanna oder die Kardashians auf die Laufstege geholt, die andere Figurtypen in den Vordergrund gestellt haben. 

Kim und Khloé Kardashian werden immer dünner 

Was konnten wir alle aufatmen, als Frauen endlich wieder einen Hintern, Brüste oder etwas Bauchspeck haben durften. Noch zu Beginn ihrer Karriere wurde Kim Kardashian, 42, für ihre vermeintlichen "Presswurst"-Looks kritisiert oder belächelt, später wurde sie dafür gefeiert und hat ihren Signature-Look mit ihrer Marke "Skims" zu Gold gemacht. Und auch Rihanna hat vielen Frauen mit ihrem körper-inklusivem Wäschelabel "Savage x Fenty" Mut gemacht. Denn Mode sollte nicht nur für Menschen mit Größe S bis L gemacht werden. 

Doch was passiert, wenn sich selbst Frauen, die sich für ein diverseres Körperbild stark gemacht haben, dem Druck der Körperoptimierung nicht mehr entziehen können? Kim Kardashian hat in dem letzten Jahr erschreckend viel abgenommen, nicht zuletzt bis zu sieben Kilo in drei Wochen, um in ein Kleid von Marilyn Monroe zu passen. Und sie ist nicht die einzige Kardashian-Schwester, die ihre berühmten Kurven verloren hat. Khloé hat ebenfalls einige Kilos purzeln lassen. Vergleicht man Bilder der Kardashians aus dem Jahr 2017 mit aktuellen Bildern wird die Body-Transformation umso offensichtlicher. 

Khloé und Kim Kardashian haben offensichtlich in den letzten Jahren an Gewicht verloren. 
Khloé und Kim Kardashian haben offensichtlich in den letzten Jahren an Gewicht verloren. 
© Getty Images

Slim Thick, Ab Crack, Thigh Gap – warum Körperoptimierung so gefährlich ist

Anstatt aus den Erfahrungen der Vergangenheit zu lernen und Körper einfach Körper sein zu lassen, haben vermeintlich "gesündere" Körperformen zunächst den Heroin Chic einfach nur abgelöst. Plötzlich wollten alle Slim Thick sein wie die Kardashians: ultraschlanke Taille, aber sexy Kurven. Doch ein Schönheitsideal ist und bleibt nun einmal ein Ideal. Egal ob Slim Thick, Thigh Gap oder wie die unrealistischen Body-Trends alle heißen; sie führen dazu, dass Menschen den Drang verspüren, sich verändern zu müssen. Neue Social-Media-Trends wie "#thatgirl", bei dem Influencer:innen hochästhetisch ein vermeintlich perfektes Leben in Szene setzen, in dem sie Sport, Gesundheit und Ernährung fanatisch auf die Spitze treiben, hinterlassen bei mir den fahlen Beigeschmack, dass ein Leben ohne Green-Smoothie, täglichem Workout und veganer Ernährung nicht erstrebenswert ist. 

Unrealistische Körperbilder und der Druck von Außen

Selbst wichtige Bewegungen wie die Body-Positivity-Bewegung, die sich für die Abschaffung unrealistischer und diskriminierender Schönheitsideale einsetzt, stellt mit ihrer Selbstbezeichnung den Körper ins Zentrum. Meiner Meinung nach muss nicht jeder seinen Körper lieben oder schön finden, sondern sollte versuchen ihn so zu akzeptieren, wie er ist. Erklärt man jedoch eine bestimmte Körperform als besonders schön oder erstrebenswert, werden immer wieder Menschen daran verzweifeln, diesem nicht entsprechen zu können und das wiederum kann psychische Erkrankungen wie Essstörungen oder Dysmorphophobie befeuern. 

Laut Bundeszentrale für Gesundheit sind Essstörungen bis heute die psychiatrischen Erkrankungen mit der höchsten Sterberate bei Jugendlichen. Nach Angabe der Statistik der Bundeszentrale starben im Jahr 2019 in Deutschland 65 Menschen an den Folgen ihrer Essstörungen (darunter zählen Magersucht, Bulimie oder Binge-Eating). 

In Paris waren die Models 2022 wieder verdächtig dünn. 
In Paris waren die Models 2022 wieder verdächtig dünn. 
© Getty Images

Wir müssen ein Zeichen setzen

Ich selbst hatte im Alter von 19 bis 20 Jahre eine Essstörung und kann aus Erfahrung sagen, wie sehr mich gesellschaftliche Normen prägen und unter Druck setzen – bis heute. Wir haben es in Paris auf dem Laufsteg gesehen; dünne Models werden wieder bevorzugt und Stars wie Bella Hadid, die Kardashians oder Julia Fox werden immer dünner. Und genau aus diesem Grund denke ich, dass es umso mehr unsere Pflicht ist, dem entgegenzutreten und zu sagen: "Figurtypen dürfen kein Trend sein, egal in welcher Form."

Verwendete Quellen: bzga-essstoerungen.de, instagram.com/jameelajamil/, nypost.com

Brigitte

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