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Geschichte des Parfums: Vom Himmels- zum Designerduft


Wohlriechende Öle und Essenzen, aromatische Salben und Pasten, würzige Hölzer und Harze - die Geschichte des Parfums ist lang.

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Am Anfang war das Feuer - denn die Geschichte des Parfums beginnt mit den Duft- und Rauchwolken, die aufwärts gen Himmel steigen. Durch den Rauch (lat.: per = durch, fumum = Rauch) versuchten viele Völker in frühgeschichtlicher Zeit eine Verbindung zwischen Himmel und Erde herzustellen, um mit ihren Göttern zu kommunizieren und sie mit den Wohlgerüchen brennender Kräuter gnädig zu stimmen. Sumerer, Babylonier oder Ägypter - von Indien bis Arabien, von Griechenland bis zum Römischen Reich - überall waren edle Düfte ursprünglich den Göttern geweiht. Es gab kostbare Öle und Salben aus den Säften ausgepresster Blüten und Blätter, Früchte und Kräuter zur Salbung der Priester, genauso wie aromatische Hölzer und Harze für die Rauchopfer - allen voran Weihrauch und Myrrhe, kostbarer als Gold, die in besonderen Räuchergefäßen verbrannt wurden.

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Auch in Europa wurde Weihrauch für heilige Zwecke verwendet, die katholische Kirche tut es heute noch. Damals allerdings lagen Welten zwischen den himmlischen Wohlgerüchen Indiens, des Orients und dem atemberaubenden Gestank in den engen Gassen unserer mittelalterlichen Städte. "Es stanken die Straßen nach Mist, die Hinterhöfe nach Urin, die Treppenhäuser nach faulem Holz und Rattendreck. Aus den Kaminen stank der Schwefel, die Menschen stanken nach Schweiß, nach ungewaschenen Kleidern, aus dem Mund nach verfaulenden Zähnen. Es stanken die Flüsse und Plätze, Hütten und Paläste", so beschreibt es Patrick Süskind in seinem Roman "Das Parfum".

Es stank einfach alles. Es gab ja beispielsweise noch keine Kanalisation, und Hygiene war ein Fremdwort. Man wusste noch nichts von der zersetzenden und zerstörerischen Kraft der Bakterien und Viren - wusste nur von Krankheiten, die offensichtlich das Wasser brachte, weshalb es als gefährlich galt. Für regelrecht schädlich hielt man deshalb auch das Waschen. Und weil die Kranken so entsetzlich nach Fäulnis und Verwesung stanken, machte man schlechte Gerüche für die Übertragung von tödlichen Epidemien und Seuchen verantwortlich. Schutz vor Pest, Pocken oder Cholera sollten dagegen säubernde Räucherungen und gut riechende Substanzen bringen: duftende Kräuter trugen deshalb die Pestärzte in ihren Schnabelmasken, Riechkugeln aus Styrax, Tragant, Gummi arabicum, Rose und Lavendel trug man zur Vorbeugung am Körper.

Puder für die Perücke

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Nicht viel angenehmer roch es warschein-lich bei Hof - war Waschen und Baden doch selbst in den Königsschlössern genauso verpönt wie in den Häusern und Hütten der Untertanen. Allerdings versuchten die Betuchten, die dicke Luft ihrer intensiven Körperausdünstungen durch schwere, animalische Moschus- und Zibetdüften zu überdecken: Da wurde gepudert und parfümiert, was das Zeug hielt. Verschwenderisch wurde es auf die Perücken geschüttet, auf die Kleidung getropft und als Paste ins Gesicht gestrichen, man beduftete Taschentücher und Handschuhe, Fächer und Papier, Kissen und Tapeten, benutzte Cremes und Wässerchen, Salben, Pomaden, Lotionen und Tinkturen und berauschte sich an schwülen Schwaden von Amber, Zibet oder Moschus, Patchouli, Sandelholz und Jasmin. Unvorstellbar war der Verbrauch - angeblich gleich tonnenweise wurde vom Sonnenkönig Ludwig XIV. teures Puder und Parfum geordert. Der Hof in Versaille galt als bester Kunde der gerade aufkeimenden Parfumindustrie, die sich - ausgehend von der reichen Seefahrer- und Handelsstadt Venedig - in ganz Europa, insbesondere aber Frankreich angesiedelt hatte.

Eine Stadt im Blütenrausch

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Das südfranzö-sische Grasse zum Beispiel entwickelte sich von einer alten Gerberstadt zur Hauptstadt der Parfumerie. Hier wurden die unterschiedlichsten Verfahren entdeckt, entwickelt oder verfeinert, mit denen es gelang, endlich die Riechstoffe in ihrer reinsten Form zu gewinnen: Durch Destillation, Mazeration, Enfleurage oder Extraktion konnte man nun den Kräutern, Blumen, Blüten, Schalen, Rinden und Blättern ihr duftendes Geheimnis in Form von ätherischen Ölen entreißen, sie in kostbare Essenzen umwandeln und in Fläschchen abfüllen: das Parfum wie wir es heute kennen - als flüchtige Mixtur aus ätherischen Ölen und Alkohol, war geboren.

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Später, mit der Entwicklung der Hygiene, wandelt sich der Geschmack, werden die feineren, frischen Düfte bevorzugt, mit denen die ersten großen Pariser Marken reich werden - unter anderm die heute noch bekannte Firma Guerlain. Rose, Nelke und Zitrone sind plötzlich à la mode, und Grasse entwickelt sich zum wichtigsten Handelszentren für Riechstoffe in Europa. Die Stadt verströmt den betörenden Duft ferner Länder - hierher kommen Tuberose und Sandelholz aus Indien, Ylang Ylang aus Malaysia, Vanilleschoten aus Madagaskar, hier blühen im Mai die Rosen, deren Blütenblätter im Morgengrauen geerntet werden für das kostbare Rosenöl. Im Juli verströmen die wogenden blaulila Lavendelfelder ringsum ihr verschwenderisches Aroma, dann wird auch der blühende Jasmin geplückt. Die ganze Welt des Duftes findet sich in Grasse konzentriert. Eine Stadt im Blütenrausch.

Und in Köln kommt ein Wunderwasser auf den Markt, das im Nu die ganze Welt erobert...

Der Siegeszug des Eau de Cologne

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"4711 Echt Kölnisch" heißt das "aqua mirabilis", das Wunderwaser, das gerade seinen 211. Geburtstag gefeiert hat - als eines der ältesten Marken auf dem Duftsektor. Die Erfolgsgeschichte begann am 8. Oktober 1792, als der Kaufmann Wilhelm Mülhens in Köln als Hochzeitsgeschenk die Rezeptur für so ein Wunderwasser erhält. Und weil der Kaufmann sofort ein gutes Geschäft gewittert hat, wurde bald darauf eine kleine Manufaktur zur Herstellung des "Kölnisch Wassers" errichtet. Der Erfolg war triumphal - in Europa wurde das Haus Mülhens Hoflieferant vieler Königs- und Fürstenhöfe, auch der Zar von Russland und der Prince of Wales gehörten bald zur adligen Klientel. Duftfanatiker Richard Wagner bestellte 1879 gleich drei Liter - als Mindestvorrat für ein Vierteljahr - so viel wie vor ihm schon Johann Wolfgang von Goethe geordert hat. Heute wird 4711 in über 60 Länder exportiert. Die streng geheime Rezeptur ist seit 1792 unverändert, bekannt sind nur die Hauptbestandteile: ätherische Öle von speziellen Zitrusfrüchten wie Orange, Zitrone, Lavendel, Bergamotte und Neroli, in geringen Anteilen gehören auch Rosmarin und Lavendel dazu.

Vom Luxusobjekt zur Massenware

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Die Kunst der Parfumeure ist es fortan, aus ihrem Vorrat an natürlichen Stoffen, ihrer Phantasie und Vorstellungskraft immer neue Düfte an ihren Riechorgeln zu kreieren, die Essenzen neu zu mischen und immer raffiniertere Variationen zu komponieren. Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Chemie mit ins Spiel kommt, wird der Markt der Düfte nochmals revolutioniert - Kumarin, Vanillin, Aldehyde heißen die synthetischen Stoffe aus dem Reagenzglas, die die teuren natürlichen Produkte ersetzen oder bisher ungeahnte Duftnoten ermöglichen. Schon beginnen auch die Modedesigner Parfüms herzustellen, mit Erfolg: Ernest Beaux zum Beispiel gelingt 1920 der Duft, der Geschichte macht: Für die Modemacherin Coco Chanel kreiert er Chanel No.5 - es ist das erste synthetische Parfum auf dem Markt. Und es gehört heute noch zu den berühmten Klassikern.

Parfum war und ist ein Luxusartikel, doch in den fünfziger Jahren werden die verführerischen Düfte allmählich für alle Frauen erschwinglich - Dior, Chanel, Pierre Cardin oder Paco Rabanne bringen neue Schöpfungen auf den Markt. Die Branche boomt und mit ihr die Kreation synthetischer Riechstoffe. Heute kann ein Parfümeur zusätzlich zu den rund 200 natürlichen Stoffen aus über 2000 synthetischen wählen, um einen Duft zu komponieren. Tatsächlich werden immer noch neue Variationen gemixt - jährlich kommen weltweit mehr als 400 neue Parfums - Damen- und Herrendüfte auf den Markt, davon allein in Deutschland rund 100 neue Wässerchen. Bei dieser Flut von Gerüchen entscheidet längst nicht mehr der Duft einzig über Erfolg oder Misserfolg einer neuen Kreation, sondern hauptsächlich das Marketing. Verpackung, Flakon und Image müssen perfekt stimmen, damit die Kasse klingelt.

Text: Uta Bangert

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