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Selbstwahrnehmung: 5 Mythen über die Schönheit

Selbstwahrnehmung: 5 Mythen über die Schönheit
© Keith Schofield
"Bin ich schön?" Die wenigsten Frauen, egal, wie sie aussehen, beantworten diese Frage mit einem selbstbewussten "Ja". Warum ist unsere Selbstwahrnehmung eigentlich so verzerrt? Und was bedeutet Schönheit heute wirklich? Zeit, mit ein paar Mythen aufzuräumen.

Ein Schmetterling ist schön. Und ein Sonnenuntergang. Ein glitzernder See vor erhabener Berglandschaft. Aber was ist mit Ihnen: Sind Sie schön? Was sagen Sie? Sagen Sie: "Ja, ich bin zufrieden"? Oder: "Ach, ich bin jetzt nicht hässlich, aber mein Bauch könnte natürlich flacher sein, und meine Beine sind so kurz. Und ich bin ja auch keine 20 mehr, ehrlich gesagt, diese Stirnfalten stören mich schon, ich müsste auch dringend mal wieder zum Friseur..."

Man könnte denken, es gäbe einfach keine schönen Frauen. In einer Umfrage im Auftrag der Kosmetikmarke Dove empfanden sich vor zwei Jahren gerade mal zwei Prozent der befragten deutschen Frauen als schön, in der Altersgruppe ab 40 Jahre fand sich sogar keine Einzige mehr schön. Dafür gab mehr als die Hälfte aller Frauen an, mit ihrem Äußeren unzufrieden zu sein. Kindern erzählen wir, dass Schönheit von innen kommt, mit Ausstrahlung und Charisma zu tun hat. Aber es scheint so, als würden wir daran nicht so recht glauben - jedenfalls nicht, wenn es um uns selbst geht: Da definieren wir Schönheit offenbar doch in der glatten, makellosen Haut, der schlanken Figur, dem ebenmäßigen, ewig jung wirkenden Gesicht. An wem messen wir uns da eigentlich? Es spricht einiges dafür, dass unsere Vorstellung von einer "schönen Frau" an zunehmend irrationale, unerfüllbare Anforderungen gekoppelt ist.

Mythos 1: Was "schön" ist, ist doch völlig klar

Selbstwahrnehmung: 5 Mythen über die Schönheit
© Keith Schofield

Seit Jahrzehnten bemühen sich Attraktivitätsforscher - Psychologen, Biologen, Neurowissenschaftler - darum, genau die Merkmale zu definieren, die einen Menschen zu einem schönen Menschen machen, und dies in jeder Kultur, in jeder Epoche, eben "universell schön". Abstände zwischen Augenbrauen und Augen wurden dafür vermessen, mit dem Goldenen Schnitt aus der Malerei argumentiert und dem Vorteil von "Kontrastklarheit" im Gesicht - aber die Erkenntnisse, die daraus gezogen wurden, sind eher dürftig und zudem umstritten. So hält sich immer noch die Hypothese, dass ausgerechnet möglichst "durchschnittliche" Gesichter als schön empfunden werden. Diese Vermutung stützt sich darauf, dass die Gesichter verschiedener Personen, die am Computer übereinandergelegt und zu einem einzigen "Durchschnitts"-Gesicht verschmolzen werden, im Allgemeinen von Betrachtern besser bewertet werden als die echten Gesichter der jeweiligen Einzelpersonen. Mittlerweile nehmen aber auch die meisten Wissenschaftler an, dass das Computergesicht seine äußerst glatte (und schnell vergessene) "Schönheit" eher einer Art Weichzeichner-Effekt verdankt, die ihm so makellose, feinporige Haut beschert, wie sie in Wirklichkeit trotz der besten Foundation nicht vorkommt. Symmetrie sei schön, lautet eine andere Vermutung. Doch auch die hakt: Schließlich sind unsere Gesichtshälften nie ganz identisch, und wenn sie es wären, sehen wir - auch das lässt sich am Computer leicht zeigen - nicht attraktiv, sondern eher furchteinflößend aus. Ein bisschen "Kindchenschema" sei bei einer erwachsenen Frau attraktiv, heißt es außerdem. Aber bitte nicht zu viel und nur an bestimmten Orten: Ein kleines Kinn und große Kulleraugen sind schön, kindliche Pausbäckchen jedoch nicht. Und die ideale Frauenfigur zeichne sich dadurch aus, dass das Verhältnis von Taillenzu Hüftumfang 0,7 beträgt, befand irgendwann der Attraktivitätsforscher Devendra Singh. Inzwischen hat sich aber herausgestellt, dass es durchaus nicht-westlich geprägte Völker gibt, deren Angehörige denken, die 0,7-Frau hätte einen schweren Durchfall durchgestanden, und die Frauen mit weit weniger ausgeprägter Taille den Vorzug geben.

Mythos 2: Es gibt die ideale Figur

Ein Blick in die Geschichte und in andere Kulturen zeigt, dass "schlank" natürlich nicht immer gleichbedeutend mit "schön" war und ist. Was als gute Figur gilt, hat sich im Laufe der Zeit immer wieder gewandelt - in der Renaissance galt gerade ein Doppelkinn als besonders sexy. Schön ist immer das, was selten ist: In Zeiten und Orten der Knappheit sind es üppige Rundungen, in Zeiten und an Orten des Überflusses kein Gramm Fett zu viel. Momentan leben wir allerdings in einer Zeit, wo ein nahezu unerreichbares Körperideal für Frauen vorherrscht: schmale Taille, flacher Bauch ohne jede Wölbung, leicht muskulöse Arme und Beine, dafür großer, fraulicher Busen. Wie viele Frauen es wohl gibt, die alle Kriterien erfüllen? Egal. Das ist offenbar das unerreichbare Vorbild, an dem sich mittlerweile gemessen wird - und das "dank" globalisierter Sehgewohnheiten nahezu weltweit. Selbst auf den Fidschi-Inseln, wo Wohlbeleibtheit nie ein Makel war, fanden sich die Frauen nach Einführung des Fernsehapparates im Jahr 1995 schlagartig "zu dick". "Körperhass ist ein westlicher Exportschlager", befand die britische Psychoanalytikerin Susie Orbach 2010 in einem Interview mit dem Berliner "Tagesspiegel". Orbach beklagt, dass sich die Schönheitsnorm in den letzten Jahren enorm verengt habe. Und gibt den Medien einen Teil der Schuld daran: "Zwei- bis fünftausendmal pro Woche werden wir mit Bildern digital manipulierter Körper konfrontiert." Die Menge dieser Bilder mache es unmöglich, sich ihrem Einfluss zu entziehen.

Die deutsche Soziologin Waltraud Posch beschreibt in ihrem Buch "Projekt Körper", wie groß die Kluft zwischen Realität und angeblichem Körperideal mittlerweile ist, und hat dafür ein sehr bezeichnendes Beispiel: Als das ehemalige australische Top-Model Elle Macpherson 2008 in einer Umfrage zum "besten Model aller Zeiten" gewählt wurde, hieß es in diversen Artikeln jubelnd, dass - wie toll! - diese Wahl eine "kurvige, normal gebaute" Frau gewonnen hätte, nicht so ein Hungerhaken. Elle Macpherson hatte zu der Zeit bei einer Körpergröße von 1,84 Meter die Maße 91-64-87 und damit etwa Konfektionsgröße 34. Das also gilt schon als "kurvig" und "normal gebaut"? Was wirklich "normal gebaut" ist, zeigt ein Vergleich mit den Durchschnittsmaßen der deutschen Frau: Die ist 1,63 Meter groß, wiegt 69,9 Kilo und hat einen Taillenumfang von 83 Zentimetern.

Mythos 3: Schönheit bedeutet in jedem (westlichen) Land und in allen Altersgruppen das Gleiche

Selbstwahrnehmung: 5 Mythen über die Schönheit
© Keith Schofield

Europa Bendig ist Geschäftsführerin der Hamburger Markt- und Trendforschungsagentur "Sturm und Drang". In dieser Funktion berät sie unter anderem Kosmetikkonzerne, die wissen wollen, wie sie ihren Kundinnen weltweit ihre Schönmacher-Produkte schmackhaft machen sollen. Und die Antwort darauf ist: in jedem Land anders. "Jede Nation hat einen eigenen kulturellen Code, eine Art unausgesprochene Übereinkunft, welche Werte als wichtig gelten. Und natürlich prägt das auch die Vorstellung von Schönheit", sagt Bendig. Deutsche Konsumentinnen würden sich zum Beispiel unbewusst gegen einen Schönheitsbegriff sträuben, der nur auf die Oberfläche - glänzende Haare, weiße Zähne und so weiter - abzielt, sagt Bendig. "Schön ist nicht tief. Es beleidigt sozusagen den Intellekt der Deutschen, sich von so etwas Oberflächlichem wie Schönheit blenden zu lassen." Was natürlich nicht heißt - und das macht die Sache etwas anstrengend -, dass uns Schönheit hier egal wäre. Aber es soll bitte schön keiner merken, dass man sich um das gute Aussehen bemüht hat. Nicht mit Stunden vor dem Spiegel und schon mal gar nicht mit einem Termin beim Botox spritzenden Arzt des Vertrauens. Das unterscheidet uns von den Amerikanerinnen, wo jeder gern sehen darf, dass die Zähne frisch gebleacht sind und hunderte von Dollar für die kunstvoll geföhnte Mähne beim Friseur gelassen wurden. Schönheit wird allerdings nicht nur in verschiedenen Nationen, sondern auch in verschiedenen Generationen unterschiedlich interpretiert. Im Großen und Ganzen habe sich die Auffassung, was und wer schön sei, bei den jungen Leuten eher erweitert, meint Bendig: "Es gibt heute Models, die wären vor einigen Jahren noch nicht möglich gewesen." Die sehr sommersprossige Britin Jade Thompson wäre so ein Fall, die ganzkörpertätowierte Berlinerin Lexy Hell oder das "Vogue"Cover-Model Tanya Dziahileva, deren Markenzeichen ihre abstehenden Ohren sind. Schönheit hat also tatsächlich viele Facetten oder zumindest: mehr als noch vor 20 Jahren, wo schon Cindy Crawfords Muttermal ein kleiner Skandal war. Trotzdem habe der subjektiv empfundene Druck, gut auszusehen, gerade für junge Leute eher noch zugenommen, meint Bendig: "Früher musste man sich als Jugendlicher nur mit den drei Dorfschönheiten vergleichen. Heute auch noch mit den 302 Facebook-Freunden."

Mythos 4: Nur jung ist schön

Selbstwahrnehmung: 5 Mythen über die Schönheit
© Keith Schofield

Dr. Gerhard Sattler ist Gründer und Chef der Rosenparkklinik in Darmstadt, einer Klinik, die in Deutschland ziemlich führend bei Schönheitsoperationen und anderen ästhetischen Eingriffen ist. Wenn man Sattler fragt, warum Frauen - und zunehmend auch Männer - hauptsächlich zu ihm kommen, muss er nicht lange nachdenken: "Es sind die Zeichen des Alters, die von vielen meiner Patienten als ästhetisches Manko empfunden werden." Sattler hat den Eindruck, dass es zunehmend normaler wird, "etwas machen zu lassen". Einfach, weil es möglich ist. Und nun mal jeder älter wird. Früher hätte man sich noch unters Messer legen müssen, heute gibt es Botox zum Faltenglätten und Filler zum Wangenauffüllen - viel preiswerter, viel nebenwirkungsärmer, viel schneller gemacht. Eigentlich kein Wunder, dass diese Behandlungen enorme Zuwachsraten haben. Ein Mensch, der es sich leisten kann, läuft heutzutage kaum noch mit abgebrochenen, fehlenden oder verfärbten Zähnen rum, denn das Gebiss lässt sich ja für (viel) Geld wieder sehr ansehnlich machen. Vielleicht wird es mit Falten, sagt Sattler, in einigen Jahren bis Jahrzehnten genauso sein: Beim Anblick natürlich gealterter Gesichter wird man annehmen, dass die oder derjenige sich den entsprechenden Arzt einfach nicht leisten konnte. Und obwohl Dr. Sattler, der ein sehr nachdenklicher, reflektierter Mann ist, genau damit sein Geld verdient, wirkt er nicht so, als würde er diese Entwicklung vorbehaltlos begrüßen. "Manchmal habe ich Frauen hier sitzen, die wirklich wunderschön sind, und diese Frauen sagen: ,Ich fühle mich so alt und hässlich.' Und wenn ich ihnen dann sage, dass ich sie wirklich schön finde, sagen sie, das hätten sie aber lange nicht gehört." Es ist vielleicht der Lauf der Zeit: Der Job, sofern vorhanden, plätschert nur noch so dahin. Der Partner, sofern vorhanden, konzentriert sich gerade auf anderes. Und dann ist da noch diese neue Falte, die gestern noch nicht da war. Sattler sagt: "Ohne es empfehlen zu wollen: Manchmal denke ich, dass in so einem Fall eine Affäre glücklicher machen würde als ein Besuch bei mir."

Mythos 5: Schönheit = Attraktivität

"Was schön ist und was nicht, haben wir in unserem Erziehungsprozess gelernt. Und natürlich unterscheidet es sich je nachdem, wo wir herkommen", sagt Prof. Otto Penz. Als Soziologe an der Wirtschaftsuniversität Wien ist für ihn die Beurteilung von Schönheit nichts Angeborenes, sondern vor allem kulturell gelernt. Die einen mögen elfenbeinfarbene Haut, dunkle Locken und schlichte Cocktailkleider und halten das für selbstverständlich, obwohl andere Solarienbräune, wasserstoffblonde Haare und knallenge Leopardenprints bevorzugen. Schönheit liegt für Soziologen eben im Auge des Betrachters. Auch wenn der Betrachter mehr von seiner Umwelt geprägt ist, als ihm wahrscheinlich bewusst ist. Aber letztendlich, sagt Penz, sei reine Schönheit im Zusammenleben ohnehin oft überschätzt. "Schließlich kennt jeder im wirklichen Leben Menschen, die gar nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen und dennoch aufgrund ihres Selbstbewusstseins und ihrer Ausstrahlung sehr attraktiv sind." Attraktivität ist mehr als Schönheit. Und manchmal ist es auch sogar etwas ganz anderes als Schönheit.

Ein Schmetterling ist schön. Ein Sonnenuntergang ist schön. Eine Landschaft mit erhabenen Bergen ist schön. Aber finden Sie den Schmetterling attraktiv? Möchten Sie mit dem Schmetterling ausgehen? Ihn mit ins Bett nehmen? Ihr Leben mit ihm verbringen? Attraktivität zählt. Mit ein bisschen Make-up nachhelfen kann man ja trotzdem noch.

Fotos: Keith Schofield Produktion: Birgit Potzkai Text: Sonja Niemann

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